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DNN-Interview mit Kurt Masur: Altmeister dirigiert die Dresdner Philharmonie

DNN-Interview mit Kurt Masur: Altmeister dirigiert die Dresdner Philharmonie

Kurt Masur, Ehrendirigent der Dresdner Philharmonie, deren Chef er von 1967 bis 1972 gewesen ist, ist wieder in Dresden und bringt einen neuen Beethoven-Zyklus heraus.

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"Ich bin noch ziemlich nützlich." Kurt Masur blickt mit Gelassenheit auf die Frage, wie lange er noch dirigieren will.

Quelle: Hendrik Schmidt, dpa

Vor knapp zehn Jahren hat er dies bereits mit seinem damaligen Klangkörper, dem Orchestre National de France, getan. Zwischenzeitlich folgte ein weiterer Zyklus der Sinfonien mit dem London Philharmonic Orchestra. Heute Abend stehen die Sinfonien 6 und 7 auf dem Programm, auf einem Gastspiel in München erklingt dann noch einmal der komplette Zyklus. Mitten in diesem sinfonischen Marathon sprach der Maestro mit Michael Ernst über seine Arbeit.

Frage: Darf ich mit einer Alltagsfrage beginnen: Wie geht es Ihnen?

Kurt Masur: Gut! Ich muss ein bisschen mehr einteilen, als ich dachte. Aber mir geht's gut. Die Frage ist wirklich die Einteilung und Planung. Man muss vorausschauen können, was man schafft und was man nicht schafft. Aber mit 85 ist das erlaubt.

Sie haben ihr Alter angesprochen. Warum tun Sie sich das dennoch an, in dieser Spielzeit als Artist in Residence an der Dresdner Philharmonie zu wirken?

Das tu ich mir nicht an! Wenn ich gefragt werde nach solchen Dingen, dann frag ich erst einmal: Was erwartet ihr von mir? Wenn die Antwort lautet: Herr Masur, all das, was Sie zu geben in der Lage sind. Und das ist sehr viel für uns, weil uns das auch bereichert. Weil es uns auf etwas bringt, das selten geworden ist: der Gemeinschaftsgeist eines Ensembles. Da muss ich sagen, waren die Dresdner Philharmoniker eigentlich die Brutstätte meines ganzen Laufgangs im dirigentischen Bereich.

Wenn man an ein Orchester kommt, das akzeptiert, dass man nicht schon sehr souverän an alles herangeht, dass auch mal einiges nicht so perfekt ist, wie das bei mir in jungen Jahren war - dann merkt man gar nicht, wie einen das immer sicherer macht. Wie einen das beflügelt, mit diesem Orchester Dinge zu machen, die man sich vorher vielleicht gar nicht zugetraut hätte.

Die Inspiration durch die Dresdner Philharmoniker, das ist der Geist - dass das Publikum spürt, wir machen nicht nur schöne Musik, sondern wir erzählen die Story des Komponisten. Und das haben die Philharmoniker nicht verlernt, sondern in höherem Maße dazubekommen. Die Fähigkeit, etwas klar auszudrücken, eine Stimmung zu schaffen, die ungewöhnlich ist.

Inhalt dieser Residenz sind drei Konzerte in Dresden sowie zwei Gastspielreisen mit dem Orchester. In wenigen Tagen nach München, Anfang März nach Berlin, Regensburg, Köln und Düsseldorf. Ist das nicht eine Tortur für Sie?

Ich würde sagen, gegenüber dem, was ich vorher gearbeitet habe, ist das schon eine Ausruhposition. Wichtig ist die Fähigkeit, wenn man ein bestimmtes Alter und eine Reife erreicht hat, zu entscheiden, ich nehme nur das an, wo ich das Gefühl habe, ich bringe eine Art Geschenk meiner Erfahrungen mit zum Orchester. Da ich andererseits noch die Fähigkeit habe, inspirieren zu dürfen - wenn ein Orchester in der Lage ist, eine Inspiration entgegenzunehmen, das muss natürlich auch sein -, gibt es für mich keine Frage: Wird es viel, wird es wenig?, sondern: Kannst du das Pensum so gut schaffen, wie du es möchtest?

In Dresden wollten Sie Beethovens Sinfonien Nr. 1 bis 7 dirigieren, in München stehen alle neun Sinfonien auf dem Programm. Warum nicht hier?

Ein kompletter Zyklus ist natürlich immer besonders reizvoll. Aber es gab eine Reihe von organisatorischen Gründen mit Chor und Solisten, so dass ich aus Respekt vor dem Werk absagen musste.

Das Dresdner Publikum hätte Ihnen bei der Neunten bestimmt zu Füßen gelegen...

Das hätten sie bei Ravels "Bolero" vielleicht auch. Ich werde aber nichts machen, wovon ich nicht voll überzeugt bin. Irgendwo hinzukommen, wo man so beglückende Perioden erlebt hat wie in Dresden - auch wenn es manchmal Schwierigkeiten gab -, ist doch auch eine Verpflichtung. Ich werde dieses Gefühl nie vergessen: Es ist hier denkbar, Chef zu sein, ohne den Chef spielen zu müssen.

Als ich Anfänger war, haben sie mich gemocht, weil ich jung und sympathisch war. Als ich älter wurde, haben sie mich gemocht, weil sie von mir immer wieder bewiesen bekommen haben, dass ich sie schätze und dass ich die Philharmonie liebe.

Die 2. Sinfonie hat Ihr Sohn Ken-David geleitet, auf Anraten Ihrer Ärzte, wie Sie zu Beginn des Konzertes bekanntgaben.

Das hat sich vorab schon ergeben, denn die Erfahrung lehrt, die drei ersten Sinfonien am Stück zu dirigieren, geht an die Grenze der Möglichkeiten. Vor diesem Risiko haben mich die Ärzte gewarnt. Schon für einen jungen Dirigenten wäre das etwas Ungewöhnliches, aber für einen älteren wäre das einfach nicht klug. In München wird das auch so sein, mein Sohn dirigiert die 2. und die 8. Sinfonie.

Im April stürzten Sie bei einem Konzert in Paris, die Musikwelt hielt den Atem an. Im Oktober gaben Sie bekannt, an Parkinson zu leiden. Warum machten Sie das öffentlich?

Weil es ständig Vermutungen und Andeutungen in der Presse gab. Es gab einfach kleine Pannen bei mir, dass ich nicht genügend Reserven hatte, um so gut zu sein, wie ich wollte. Die Frage war für mich immer: Wie lange willst Du dirigieren: so lange du kannst oder so lange du nützlich bist? Das wird für mich die Hauptfrage bleiben.

Und wie beantworten Sie sie?

Ich bin noch ziemlich nützlich.

Bei Ihrer Interpretation von Beethovens 5. Sinfonie frage ich mich, woher nimmt der die Kraft, einen solchen Zauber zu erzeugen?

Die kommt aus der Musik. Nur aus der Musik. Als ich klein war, habe ich nur nach dem Gehör Klavier spielen gelernt. Irgendwann wurde ich gefragt, wer mein Klavierlehrer sei. Ich hatte keinen! Da bekam meine Mutter riesigen Ärger und musste mich umgehend zum Unterricht schicken. Ich liebte die Werke, die ich dirigiert habe, schon bevor ich sie dirigieren konnte. Bei manchen Kollegen ist es andersrum, die eignen sich ein Werk erst durch die Noten und bei der Arbeit an.

Beethoven hat Sie Ihr Leben lang begleitet. Welche Rolle spielt sein sinfonisches Schaffen für Sie?

Ich bin heute noch der Überzeugung, dass es keinen Komponisten gibt, keinen, dessen Sicht auf das Leben, auf den Tod, auf den Sinn des Lebens klarer ist als bei Beethoven.

Auch nicht Bach?

Auch nicht Bach. Wir können über Bach reden, natürlich. Das ist ja für uns deswegen der allumfassende Musiker, weil man seine Musik in jedem Bereich benutzen oder spielen kann und so etwas hat für alle Ebenen des Lebens. Man bekommt bei Bach das Gefühl, er kann alles ausdrücken. Was Bach aber nicht ausdrücken konnte, war menschliche Verzweiflung in dem Sinne, wie wir es heute empfinden.

Es ist immer wieder gefährlich, bei Bach zu romantisch zu sein. Für mich ist die größte Gefahr, ihn als heiligen Musiker zu sehen, der keine Emotionen mehr hervorrufen kann.

Die "Kunst der Fuge" kann doch enorm emotional sein?

Das ist wahr. Das sagen Sie einem, der die "Kunst der Fuge" zum ersten Mal gehört hat, als er zwölf Jahre alt war. An der vertrauten Orgel in meiner Heimatstadt Brieg in Schlesien. Gespielt von meiner Klavierlehrerin und dem ziemlich berühmten Max Drischner, einem Organisten von Weltgeltung, der viel mit Albert Schweizer zusammengearbeitet hatte. Das war für mich das Wunder meines Lebens überhaupt. Ich habe später nie mehr etwas erlebt, das mich mehr erregt hat.

Zurück zu Beethoven: Sie werden mitunter als dessen Sendbote bezeichnet - würden Sie das akzeptieren?

Ich würde das als Anmaßung empfinden. Wenn ein Staat jemanden als Botschafter ernennt, habe ich schon ein großes Fragezeichen. Oder Jesus und seine Jünger - waren das Botschafter? Nein, ich würde sagen, das Glück zu haben, dass es doch mehr Menschen gibt als man glaubt, die einen verstehen oder zu verstehen versuchen, was man ausdrücken möchte, das ist das schönste Gefühl überhaupt.

Das hatte ich jetzt wieder in Dresden. Am Schluss beider Konzerte gab es dieses totale Schweigen. Da spürt man, dass es gelungen ist, die Menschen mitzunehmen in eine Welt, von der man manchmal glaubt, allein zu sein. Das ist mir in Dresden schon ein paarmal passiert. Es beweist mir die Ehrlichkeit des Zuhörens.

Neben dem Beethoven-Zyklus pflegen Sie in den kommenden Monaten Brahms und Bruckner, die drei großen B, vor allem in London, Paris und New York. Ist diese Konzentration auf Ihnen wichtig gewordene Komponisten und Stationen ein Abschiednehmen?

Das ist nicht so egoistisch. Ich will weder Abschied nehmen noch will ich vorausschauend sagen, ihr werdet mich dann und dann los oder ich gebe noch ein paar Jahre Abschiedskonzerte. Nein, das wäre totaler Blödsinn. Ich habe versucht, mein Leben einfach weiterzuführen. Dank meiner tapferen Frau ist mir das möglich, denn sie hat die Moral und auch die Kraft, in der zweiten Reihe zu stehen und mir soviel Energie und Liebe zu geben, dass ich dazu in der Lage bin.

Ich werde in dem Moment aufhören, wo mir jemand sagen muss: Masur, du bist nicht mehr so gut. Du hast nicht die Kraft, uns zu überzeugen. Noch ist es nicht so weit.

Sie arbeiten momentan unter erschwerten Bedingungen, der Kulturpalast ist Baustelle, das Orchester musiziert mal im Schauspielhaus, mal im Albertinum. Ist das überhaupt zumutbar?

Die Dresdner Philharmoniker waren immer ein Orchester, das flexibel sein musste. Wir haben damals noch im Hygiene-Museum gespielt. Wenn sie von etwas überzeugt waren, haben sie stets ohne Vorbehalte musiziert. Es ging und geht immer um die Botschaft des Komponisten, unabhängig vom Raum. Was meinen Sie, wo wir schon überall gespielt haben, wir sind über die Dörfer in ganz Sachsen gereist!

Vor nicht allzu langer Zeit haben Sie sich für ein neues Konzerthaus in Dresden eingesetzt, das nun erst einmal Zukunftsmusik bleiben soll. Schmerzt Sie das?

Nein, unterschwellig war das doch auch ein Machtkampf zwischen Philharmonie und Staatskapelle. Diese Manipulationen empfand ich als etwas unappetitlich. Dresden kann stolz sein auf alle Institutionen, die es hier gibt. Was zählt denn, wenn man das von außen betrachtet? Das ist für mich die Liebe zur Musik, die Treue der Dresdner. Natürlich ist das eine schöne Idee mit diesem Konzerthaus. Aber wenn sich eine Stadt wie Dresden das nicht leisten kann?

Kurt Masur und die Dresdner Philharmonie, morgen 19.30 Uhr, Albertinum (ausverkauft)

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 05.12.2012

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