Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 1 ° heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
„Cow“-Ballett hatte Premiere in der Dresdner Semperoper

Irritiertes Publikum „Cow“-Ballett hatte Premiere in der Dresdner Semperoper

Der spätestens seit „Cacti“ innerhalb des dreiteiligen Ballettabends „Nordic Lights“ als Bilderstürmer bekannte Alexander Ekman sorgt erneut für frischen Wind in der Ballettlandschaft: Der schwedische Choreograf hat für Dresden das Stück „Cow“ kreiert. Jetzt war Premiere in der Semperoper.

Wo sich ursprüngliche Kräfte entfalten – Szene aus dem Ballett „Cow“ von Alexander Ekman mit dem Semperoper Ballett Dresden.

Quelle: T. M. Rives

Dresden.  Auf überwiegend eindeutige Reaktionen des Publikums, wenn es zum Beispiel gemeinschaftlich jubelt, kann man beileibe nicht immer vertrauen. Lässt sich dieses doch nur allzu gern verführen, mag es bevorzugt, jederzeit unterhalten zu sein. Was nun wahrlich kein Makel ist. Zumal dann, wenn die Tage reichlich trübe sind, das Dasein nicht gerade erheiternd scheint. Wer also am Wochenende angesichts der vehementen Beifallswelle zur Uraufführung von „Cow“ in der Semperoper irritiert gewesen sein sollte, muss nicht gleich verzweifeln. Der eine erfreut sich eben daran und der andere langweilt sich, spürt möglicherweise eine heftige Abneigung gegen das, was da Einzug in die heiligen Hallen des Opernhauses hält.

Mit dem gelassenen, unaufgeregten Draufblick einer etwas anderen Kuh aber, die sich nur bei großer Gefahr und Schwachsinn aus der Ruhe bringen lässt, sei bemerkt, dass es hier mitnichten um eine Verdummung des Publikums oder gar um pures Entertainment geht. Zudem hinterlassen die wunderbaren Tänzer vom Semperoper Ballett der Sächsischen Staatsoper Dresden keineswegs den Eindruck, man hätte ihnen künstlerische Gewalt angetan. Sie beherrschen die Bühne mit elementarer Kraft, sind in jeder Phase authentisch, haben Spaß an skurrilen Auftritten. Wozu nicht minder die Verwandlungen mit den ideenreichen Kostümen von Henrik Vibskov beitragen. Sie illustrieren nicht einfach das Bühnengeschehen. Sie sind so auf den Punkt gebracht, dass es für sich schon eine Freude ist. Und Ekman, der auch für Bühnenbild und Lichtdesign verantwortlich zeichnet, zelebriert geradezu diese extrem verschiedenen Erscheinungsbilder, schafft atmosphärische Stimmungen, die es in sich haben. Wie beispielsweise in „Deux“ (Svetlana Gileva und Denis Veginy), wo das „Pas de“ beileibe nicht abhanden gekommen ist; der Choreograf geht damit nur etwas anders um.

 

Solche Eigenarten prägen die Aufführung von anderthalb Stunden, die erfreulicherweise auf eine Pause verzichtet, in schönster Weise. Und es lässt sich zuweilen auch vermuten, dass Ekman bewusst dafür gesorgt hat, den Abend in seinen Umbrüchen nicht zwingend zu perfektionieren. Zumindest passt das irgendwie zu seinem Konzept persönlicher Freiheit und Unabhängigkeit, die ja bekanntlich schwer zu erlangen sind. Auch das konsequent singulär eingesetzte Video von T.M. Rives mit erfrischend gewitzten Szenen zum Cow-Sein oder Herdentrieb trägt deutlich dazu bei.

Da äußert sich auch höchst sympathisch der Tänzer Christian Bauch, der als Absolvent der Palucca Hochschule für Tanz Dresden über Stationen in Chemnitz, Schweden, Mainz nunmehr zum Dresdner Ensemble (Choryphée) gehört, wie schwer es beispielsweise ist, mit Stille umzugehen, sich von Mustern zu befreien oder einfach ehrlich zu sein. Ihm obliegt auf der Bühne die nicht so einfache Aufgabe, das Publikum in „Cow“-Gang und -Blick letztlich so zu bannen, dass es sich beobachtet fühlen muss. Und das gelingt ihm tatsächlich – er hat es schlichtweg drauf. Und das ohne jegliches Diffamieren der einen oder anderen Seite.

Auch die Musik von Mikael Karlsson, aufgezeichnet mit dem Bundesjugendorchester (Nationales Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland) unter der musikalischen Leitung von Johannes Klumpp ist im besten Sinne ein eigenständiger, eigenwilliger Part der Inszenierung. Was Ekman bekanntlich wichtig ist. Man erinnere sich nur an sein Stück „Cacti“ im dreiteiligen Abend „Nordic Lights“ vom Semperoper Ballett, bei dem die Musiker mit auf der Bühne agieren. Auch bei der ersten abendfüllenden Arbeit des international gefragten schwedischen Choreografen in Dresden bleibt da ein kräftiger Stachel zurück, und so dienen Pflanze wie Rind als Metapher für Verhaltensweisen, kann sich jeder – frei von vordergründigen Assoziationen – darauf einen Reim machen. Oder eben auch nicht.

Geht es um Kühe, Rinder, so werden sie in ihren Fähigkeiten und Wahrnehmungen doch häufig unterschätzt. Sie sind durchaus freiheitsliebend und Individualisten, können extrem wehrhaft wie auch erfindungsreich sein, wenn es um das Wohl ihrer Nachkommen geht. Aber es schlägt ihnen aufs Gemüt, wenn sie eingesperrt sind. Und sie verkraften nur schwerlich jegliches Missgeschick. Was dieserart Verhalten mit dem menschlichen Dasein zu tun hat, wer weiß das schon so genau? Wobei der allseits bekannte Herdentrieb ja auch für Zweibeiner ein durchaus aktuelles, erstaunliches Phänomen ist. Nur die Beweggründe sind halt verschieden.

Alexander Ekman entwirft aus dem nur scheinbar stoisch wirkendenden „Cow“-Blickwinkel heraus das aufrührerische Bild jener, die sich stets und ständig der Disziplin, dem Diktat von Training und Bühne unterwerfen müssen. Und er weiß gemeinsam mit den Tänzern durchaus zu schätzen, was es heißt, persönliche Freiheit zu genießen. „Komm ins Offene, Freund!“ Diese wunderbare Betrachtung von Friedrich Hölderlin kann wohl auch ein Beispiel dafür sein, wie jeglicher die Chance besitzt, seinen Blick zu öffnen, sich frei zu entscheiden. Und wer wollte da schon sagen, dies sei hier und heute kein bewegendes Thema.

Aufführungen: 14., 16., 17. und 28. März, 4., 6., 7. und 13. April, Semperoper

www.semperoper.de

Von Gabriele Gorgas

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr