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"Così fan tutte" an der Dresdner Semperoper als Slapstick-Komödie

"Così fan tutte" an der Dresdner Semperoper als Slapstick-Komödie

Der Raum ist rund, der Raum ist weiß, darin eine weiße Drehscheibe, die sich hebt und senkt, manchmal steht alles auf der Kippe. Weiße Stoffbahnen werden von leichten Winden bewegt, so wie es besungen wird im ersten Akt von Mozarts Dramma giocoso "Così fan tutte", "Die Schule der Liebenden", im Untertitel.

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Die Damen unter sich: Rachel Willis-Sørensen (Fiordiligi, l.) und Rachel Frenkel (Dorabella).

Quelle: Creutziger

Im zweiten Akt dann ist in Harald Thors zeitlosem Theater alles rot, jetzt wird das Spiel brenzlig, die Gefühle gehen tiefer, aber auch die Pfeile Amors lassen Wunden bluten. Die Stoffe sind weg, kein Verstecken mehr, alles einsehbar, was unter romantischen Lampions auf und zwischen weißen Bänken einer irrealen Parklandschaft geschieht.

Die Schwestern Fiordiligi und Dorabella sind sich ihrer Liebe zu ihren Verlobten Ferrando und Guglielmo sicher, zu sicher vielleicht, und die jungen Männer werden nicht müde, die Treue ihrer Schönen zu preisen. Wollen wir wetten, sagt der Philosoph Don Alfonso, wir spielen ein Spiel, dann wisst Ihr mehr über euch, denn Sicherheit hat weniger mit Liebe zu tun, als ihr euch einreden möchtet. Den Irrtum treibe ich euch allen aus. Die pfiffige Zofe Despina hat er auf seiner Seite. Nach anfänglichem Zögern spielen alle mit, die Männer schneller als die Frauen. Und schon überstürzen sich die Verunsicherungen der Gefühle, die Sicherheiten schwinden und die Lust des Augenblicks lässt zu, was längst keimte: Man könnte sie auch ganz gut mit dem oder mit der anderen auskosten.

Die Komödie, immer am Rande der Tragödie, hat ihre Techniken, die Verkleidung, die jeder durchschaut, die Maske, hinter der sich jeder sicher fühlt, einen Spielmeister und seine Helferin, die alles einfädeln und am Ende auch die Knoten lösen.

Das Herzblut fließt in Strömen, zu Tode kommt niemand, sich und dem anderen aber gehörig näher schon, das Spiel ist nicht zu Ende, so viel ist sicher am Ende dieser menschlichen Komödie der zu früh und etwas zu euphorisch besungenen Sicherheit in Sachen Liebe.

Regisseur Andreas Kriegenburg betreibt den Jux mit Lust und einer Grundidee, von der die Männer im Liebesschultest wesentlich mehr haben als die zu prüfenden Frauen. Rachel Willis-Sørensen als Fiordiligi muss recht eindimensional als blonde Heroine, drall eingeschnürt im rosa Kleid, agieren, auch gesanglich tendiert sie eher zur Dramatik einer blonden Heroine von Wagners Gnaden. Zitronengelb, im Kleid in Birnenform, das Haar aufgescheucht wie ein doppelseitiger Besen, spielt Rachel Frenkel ihren Part als Dorabella. Andrea Schraad hat die Kostüme entworfen.

Dass Frauen, wenn die Masken fallen, wie hier ganz klar im zweiten Teil der Oper, gerne einen Schuh ausziehen, Perücken abnehmen oder in Unterkleidern auftreten, gehört in die Kiste der Klischees.

Da mutet der Regisseur Christopher Tiesi als Ferrando und Christoph Pohl als Guglielmo wesentlich mehr zu und beide Sänger entfalten ihre spielerischen Talente mit Lust und Können. Sie müssen keine Machos sein, sie sind die Herzensbrecher im Stil der großen Stummfilmzeit. Da grüßen Charlie Chaplin und Buster Keaton oder Laurel und Hardy, der Kleine und der Große mit ihren Hüten und dem herzerweichenden Unschuldsblick. Das macht die ansonsten so heiklen Szenen der Verkleidung zwar nicht albern, was von Vorteil ist, kann aber dennoch über drei Opernstunden nicht gänzlich überzeugen, denn die Idee nutzt sich ab.

Gesanglich überzeugt hingegen Christoph Pohl als Guglielmo grandios, sein kürzerer Kollege Christopher Tiesi kann mit knappen Tenorresreven nur bedingt den Ansprüchen seiner Partie gerecht werden.

Komik mit Maß, gesangliche Gestaltung mit charaktervollen Tönen samt leichter Lyrik der Erinnerung, das ist die Sache einer Sängerin wie Ute Selbig als Despina. Und Georg Zeppenfeld als Don Alfonso, der Philosoph als Spielmeister und Liebeskitschverächter um den Preis der Einsamkeit, gewinnt das Spiel auf ganzem Feld haushoch an diesem Abend.

Bleibt schon der Eindruck bei den Sängerinnen und Sängern zu ambivalent, so setzt sich dies fort beim Eindruck, den der Auftritt des Dirigenten Omer Meir Wellber hinterlässt. Als gelte es, eine Ein-Mann-Show zu absolvieren, fegt er das Orchester durch die Ouvertüre, dass selbst so exzellente Musiker wie die der Sächsischen Staatskapelle nicht immer folgen können. Dieses Missverständnis geht auch gegen die Durchsichtigkeit des Klanges, es braust mitunter, es braust auch auf, wird laut, Feinheiten gehen verloren. Gegen Lautstärke und Tempo sind Sängerinnen und Sänger manchmal machtlos, auch fällt es sichtbar und hörbar nicht im- mer leicht, den Anweisungen des Dirigenten zu folgen, der auch noch am Hammerklavier die Rezitative begleitet.

Und dann, nach der Pause, als hätte jemand ernsthaft mit dem Maestro gesprochen, andere Tempi, gedämpfter Klang, dies aber in einem solchen Maß der Zurücknahme, dass nicht einmal die Übereinkunft mit dem szenischen Wechsel der Situationen immer nachvollziehbar ist.

Am Ende aber, wie's gesungen wird, da nimmt man alles von der guten Seite dieses insgesamt recht unterhaltsamen, tragikomischen Abends. "Così fan tutte", so machen's alle Frauen, meinte der Dichter Lorenzo da Ponte. Mozarts Musik spricht die Männer nicht frei, da folgt ihm der Regisseur konsequent, und das Publikum bedankt sich mit kurzem, aber heftigem, begeistertem Applaus. Boris Gruhl

iweitere Aufführungen: heute, 26. & 30.3.; 3., 5., 6. & 8.4.

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.03.2014

Boris Gruhl

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