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Comödie mit Männerkrisen-Sommerspiel "Wir sind mal kurz weg"

Comödie mit Männerkrisen-Sommerspiel "Wir sind mal kurz weg"

Vier Typen treffen sich rein zufällig auf dem Jakobsweg: ein enttäuschter Lehrerbeamter, ein forscher Geschäftsmann, ein junger, zielloser Dandy und ein türkischer Gemüsehändler.

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Wenn Männer zelten... Stefan Gossler, Dirk Witthuhn, Stephan Schill und Alexander Wipprecht sind "dann mal kurz weg".

Quelle: Robert Jentzsch

Drei Viertel telefonieren ständig, dazwischen erklären sie sich ihre gegenseitige Antipathie, konterkarieren ihre normalen Lebenslaufproblemchen, in dem sie diese als Midlife-Crisis deuten. Und ab und an finden sie sich - so wie einst die Bremer Stadtmusikanten - zusammen, um sich eins zu singen.

Knapp drei Jahre nach der Uraufführung im Hamburger St. Pauli Theater, wo es noch "Mann O Mann - die Midlife-Crisis-Revue" hieß, erfolgte nun eine Neuauflage als "Wir sind mal kurz weg" an der Comödie Dresden - als wetterfühlige Sommerversion im Innenhof des benachbarten Hotels Elbflorenz.

Der ist mit einem architektonisch recht hilflosen Versuch eines Parks bepflanzt, vor dem per Folie und Kies ein kleiner, improvisierter Teich wartet. Dahinter, auf der geräumigen, staubigen Halbinsel, wird gespielt, ein Brunnen mit einer beleuchtbaren Marien-Figur und ein rotes Aldi-Wurf-Zelt sind die gesamte Ausstattung, auf zwei Seiten sitzen die Gästen auf der Hotel-Terrasse, für zehn Euro weniger (ab 16 Euro) kann man sich auch auf die Stufen zum Impro-Teich setzen.

Das Ambiente ermöglicht eine interessante Spielkonstellation, weil die Spieler aus drei Richtungen durch die Hotellobby und -säle auftauchen können und das Hofkarree als solches absolut hellhörig ist. Durch die Entscheidung für ein Halb-Playback-Musical sind allerdings Mikrofone vonnöten, von denen bei der heißen Premiere eines ausfiel - ausgerechnet jenes der einzigen Neubesetzung: Dirk Witthuhn spielt statt Max Gertsch den zweifelnden Gymnasiallehrer Helmut. Dieser ist nicht nur der einzige mit einer Portion (Selbst-)Reflektion, sondern auch als einsamer Witwer, enttäuschter Lehrer und zweifelnder Vater die einzig ambivalente Figur, der man vielleicht dort wirklich begegnen möchte (und könnte). Es ist auch die spannendste Besetzung in dem biografisch durchaus veritablen Team. Er drehte mit Werner Herzog ("Invincible"), spielte mit Götz George in "Morlock" und jüngst Mackie Messer in Frankfurt. Außerdem schrieb er sich selbst in die Hauptrolle die Schauspielrevue "Hans Albers - Flieger, grüß' mir die Sonne" am Lübecker Theater.

Das passt zu seiner Ausstrahlung, hier redet er sich in einsamen Momenten mit seiner großen Liebe, der verstorbenen Frau, die ihn tröstet und den Weg weist, obwohl er eigentlich nicht mehr kann und will - und selbst, als sein Mikro versagt, füllt er stimmlich den ganzen Hof.

Bei seiner Besinnung stören immer wieder die anderen - allesamt ohne Plan und immer im Kreise wandernd. Einziger Sympath ist dabei der Angestellte Haluk, ein Türke, der als Gemüsehändler bei seinem Schwager Horst arbeitet und die Reise beim Kreuzworträtsel gewonnen hat, seine christlichen Mitfahrer aber verlor. Sehr klischeebeladen hält er mit seiner Sozialität die Gruppe beisammen und hat ab und an einen guten Witz. Stefan Gossler - als gefragter TV-Darsteller vermutlich sogar noch bekannter als deutsche Synchronstimme von Jackie Chan - meistert das mit Leichtigkeit.

Keine Pluspunkte gibt es für Alexander Wipprecht, der einen vulgären, oberflächlich-minderbemittelten Schlurfi namens Sven spielen muss. Der ist 35, ständig unterwegs, um irgendwo zu surfen oder zu chillen, bis ihm die Mutti einen pränatalen Weckruf von Dolores aus Venezuela übermittelt. Er steht in der Blüte des Lebens und darf so den anderen erklären, was Midlife-Crisis schlicht bedeutet: "Mehr fressen und weniger ficken." Dies kompensiert der große Geschäftsmann Joe - mental ebenso subtil aufgelegt wie Sven, aber mit weißem Telefon und 20-jährigem Mäuschen am Ohr und leerem Rollkoffer beim Pilgern - mit stetem Onanieren. Selbst bei der gemeinsamen Nacht in Helmuts Zelt. Das geschieht natürlich unter der Gürtellinie - aber Stephan Schill ist Diplomschauspieler Leipziger Schule und bekannter Musicalprofi, der das souverän überspielt. Ihn kennen die Damen aus diversen Serien, er spielte aber schon vor 19 Jahren hier an der Komödie ("King Elvis"), sang in Görlitz ("Hair") und war zwei Mal im benachbarten Wechselbad zu Gange.

Aller Grundproblem ist der Text von Tilmann von Blomberg - im Hauptberuf recht erfolgreicher Musicalstar und als Filmschauspieler bei der Stauffenberg-Persiflage "Die Walküre" an der Seite von Tom Cruise dabei. Der bezweckt nichts weiter als ein möglichst gagdichtes Mäandern rings um ein paar von Bärbel Arenz umgedichtete Songs, die von dem Herrenquartett dann durchaus stimmig und witzig dargeboten werden. Dabei werden durchaus - in dreister Anlehnung an Hape Kerkelings "Ich bin dann mal weg" - einige Spuren gelegt, die man halbwegs intelligent oder spannend als Geschichte hätte weiterverfolgen können. Doch selbst die Kernprobleme - also männliche Wechseljahre respektive privater oder beruflicher Neuorientierung, gepaart mit abnehmender Leistung - werden nicht weiter verfolgt. Für normale Dresdner Theaterohren ist zudem die gebotene Hamburger Kiez-Vulgarität recht gewöhnungsbedürftig, das kann auch Regisseurin Katja Wolff nicht retten, die sich die Peinlichkeit von vier Schlüpfern mit Funkgerät hätte sparen können.

Damit ist der Boden bereitet für "Heiße Zeiten - die Wechseljahre-Revue", dem Hamburger Original der Choose, mit der am St. Pauli-Theater das Midlife-Drama, mittlerweile zur Trilogie (zwei Mal für Damen, einmal für Herren) ausgewachsen ist, vor fünf Jahren begann und die schon über 200 000 Frauen von Berlin bis Wien und von Düsseldorf bis Zürich gesehen haben sollen. In Dresden kommt die Berliner Komödien-Version vom Ku-Damm zum Einsatz, dabei soll Angelika Mann als Ossi-Zugpferd den "Klimakteriumskracher" zum Erfolg verhelfen. Premiere ist am 4. September.

nächste Vorstellungen: bis 16. August, jeweils Donnerstag bis Sonntag (20 Uhr) www.comoedie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.07.2015

Andreas Herrmann

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