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Coco Schumanns Biografie in Bildern

Coco Schumanns Biografie in Bildern

"Ich bin Musiker. Ein Musiker, der im KZ gesessen hat, und kein KZler, der Musik macht." Diese Abgrenzung war ihm stets wichtig. Coco Schumann hat sie in zahlreichen Interviews immer wieder betont.

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"I got Rhythm - Das Leben der Jazzlegende Coco Schumann" - Eine Graphic Novel von Caroline Gille und Niels Schröder; be.bra verlag 2014, 160 S., ISBN 978-3-89809-111-4, 19,95 Euro

Quelle: be.bra verlag

Als Musiker hat er Weltruhm erlangt. Als Musiker, der im KZ gesessen hat, grenzt das lange Leben des im Mai 1924 als Heinz Jakob Schumann in Berlin geborenen Gitarristen an ein Wunder. Er wuchs in einer assimilierten christlich-jüdischen Familie auf, unter den Nazis galt er damit als "Mischling ersten Grades". Schon als Schulkind wurde er deswegen ausgegrenzt. Seine zweite "Besonderheit" war die Leidenschaft für die Musik. Wenn er zur Gitarre griff, verschmolzen der Swing eines Django Reinhardt mit dem der jüdischen Musik. Ein weiteres Vorbild für den Heranwachsenden war der Boxer Max Schmeling. Schumann trainierte in einem jüdischen Boxclub, das sollte ihm später bei manch unliebsamer Begegnung auf den Straßen der "Reichshauptstadt" hilfreich sein.

Zu seinem 90. Geburtstag ist dem zeitlebens äußerst umtriebig gebliebenen Naturtalent die eigene Vita auf den Gabentisch gelegt worden, als Graphic Novel. Darin lesen sich die verstörenden Fakten seines immer wieder von schlimmsten Bedrohungen umgebenen Lebens wie eine Kette spannender Abenteuer. Wären sie nur nicht so real gewesen, man könnte das bunte Buch "I got Rhythm" glatt als Comic abtun. Hier aber reiht sich eins ans andere: Das Kennenlernen mit dem Geiger Helmut Zacharias 1939 in der Berliner Melody Bar, bald darauf eine französische Freundin, die ihm den späteren Künstlernamen verpasst, weil sie das deutsche "Heinz" nicht aussprechen kann - zwei Begegnungen mit lebenslangen Folgen. Die wachsenden Erfolge als Musiker und rasch auch im Film machen Schumann leichtsinnig, er spielt jeden Tag, als ob es der letzte wäre. Nach der "Wannseekonferenz" wird der Musiker nach Theresienstadt deportiert, dort darf er im sogenannten "Vorzeigelager" das spielen, was im restlichen "Reich" verboten ist: Swing! Einer seiner Auftritte mit der lagereigenen Bigband "Ghetto-Swingers" ist im berühmt-berüchtigten Dokumentarfilm "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" des 1944 in Auschwitz ermordeten Kurt Gerron festgehalten.

Das bewahrt ihn nicht vor dem Transport ins Vernichtungslager Auschwitz, in dem er einigen Berliner Freunden wiederbegegnet. Nur mit reichlich Glück (und Musik) überlebt Schumann KZ und spätere Todesmärsche. In Süddeutschland wird er von den Amerikanern befreit, kommt im Sommer '45 zurück ins zerstörte Berlin, trifft Helmut Zacharias wieder, begleitet Anfang '46 Marlene Dietrich in Berlin - und präpariert seine Gitarre "mit alten Magneten und etwas Stearin" zur E-Gitarre; "es ist der Sound der Zukunft". Im Sommer 1947 wird der Timmendorfer Strand bespielt - und Coco Schumann erschrickt bei einigen Gesichtern der neuen Reichen, die sich schon wieder Urlaube leisten können, weil er deren Physiognomien zu kennen vermeint. Nur haben sie jetzt keine Nazi-Uniformen mehr an.

Die Restaurierung der frisch mit alten Bonzen gegründeten Bundesrepublik stinkt ihn gewaltig an. Im Herbst 1950 geht er mit seiner Familie nach Australien. Helmut Zacharias, während der Nazi-Ära Funker bei der Luftwaffe, kann diesen Schritt nicht verstehen: "Es läuft doch gerade alles wie am Schnürchen!"

1954 erfolgt die Rückkehr nach Berlin - und von da aus geht es in die Welt. Coco musiziert mit Dizzie Gillespie, Louis Armstrong, Ella Fitzgerald, begleitet Willy Brandt auf Wahlkampftour, tourt auf Kreuzfahrtschiffen rund um den Globus - um sich 1975 dann endgültig in Berlin niederzulassen. Hier hat er das Coco Schumann Quartett gegründet, hier ist er alt geworden, hier lebt er noch heute. 1993 gab es ein Wiedersehen mit und in Auschwitz. Der Anlass war ein Dokumentarfilm über sein Leben. Der Zeichner Niels Schröder und die Texterin Caroline Gille haben aus diesem Leben nun eine Bilderfolge mit Sprechblasen gefertigt - womöglich vermittelt die farbige Leichtigkeit das Grauen und Hoffen dieses besonderen Lebenskünstlers viel eindringlicher als so manche bierernste Biografie. In Strich und Text werden Geschichten, wird Geschichte erzählt; lebensnah, ohne jeden Versuch des Verharmlosens.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.07.2014

Michael Ernst

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