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Cluberöffnung in Dresden: Das neue Flower Power im Selbstversuch

Cluberöffnung in Dresden: Das neue Flower Power im Selbstversuch

Schlangestehen vor einem Club ist in Dresden eine Seltenheit. Die Eröffnung des Flower Powers, Schlesischer Platz 2, hat's am Montag geschafft und meldete zeitweise Einlassstopp.

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Umbauarbeiten: Als DJ-Pult dient ein alter VW-Bus. Die Decke passt zum Konzept. Foto:PR

Quelle: PR

Auch ich habe mein "Glück" versucht und wollte mir das bunte Spektakel nicht entgehen lassen. Immerhin befand sich zuvor einer meiner Lieblings-Clubs, das L'Hibou, an gleicher Stelle und ich war echt gespannt, wie in den letzten drei Monaten das 50 000 Euro Umbau-Budget investiert wurde.

Schon die Begrüßung fällt anders aus als sonst. Mit Bier und Würstchen empfangen die Veranstalter potenzielle Partygäste vor dem Bahnhof Neustadt, der im quietschgrünen Licht erstrahlt. Gewöhnungsbedürftig. Noch im Dezember offenbarte sich an dieser Stelle erst zwei Meter unter der Erde das nächtliche Vergnügen. Das grelle Scheinwerfer-Licht verrät schon jetzt: Ab heute ist alles anders. Die Menschenmasse veranlasst mich noch kurz zum Zwangsausflug ins Rosi's. Zwei Stunden später probier ich's nochmal: "Ausweis bitte!" - während meine zum Teil jüngeren Kumpels schnurstrax reinmarschieren, muss ich mit 23 Jahren den Perso zücken. Kurz bleibt mir der Mund offen stehen. Noch nie musste ich in einem Dresdner Club meine Volljährigkeit beweisen. Schon gar nicht hier, wo ich mit den Türstehern eigentlich immer per Du gewesen bin. Ich fühl mich schon jetzt nicht wohl. Noch voreingenommener als zugegebenermaßen ohnehin schon, betrete ich die für mich einst heiligen Katakomben unterhalb des Bahnhof Neustadt, die sich seit heute als "Musikkneipe" verstehen. Keine bekannten Gesichter an Einlass, Garderobe oder Bar. Keine große Tafel mehr, auf der man sich hinter dem "Bevor ich sterbe, möchte ich..." verewigen kann. Stattdessen entdecke ich eine Decke versehen mit grellem Blumenmuster. Alte Spielautomaten zieren die Wände und vereinzelt baumelt ein Bienchen über meinem Kopf. Die Bar ist auch nicht mehr da, wo sie mal war. Das Bier regulär 2,90 Euro, der Gin Tonic 5,40 Euro und ein Wasser 0,4 Liter soll 4,20 Euro kosten. Puuh!

Alle Menschen um mich herum sind so unglaublich betrunken. Ständig fällt irgendjemand gegen mich oder rempelt mich an. So schlimm habe ich das schon lange nicht erlebt und ich stolper selber gerne mal durch die Gegend. Aber okay, es ist zwei Uhr und ich gebe der Musik jetzt trotzdem mal'ne Chance. Die Djs (schätzungsweise 50+) sitzen in einem VW-Bus, der von der Tanzfläche über einen Wandbruch in den Raucherraum und zweiten Barbereich reicht. Originell, aber nicht der Bringer. Sitzende Djs sind komisch. Die sollen mich doch mitreißen und selber auch tanzen dürfen! Ansprüche an die Qualität der Musik hatte ich wirklich keine. Aber dass jetzt auch hier noch die selben ausgeleierten Songs, die schon in drei anderen Clubs zum Studententag laufen, gespielt werden und die wirklich nur noch betrunken schön sind zum Mitgrölen, enttäuscht mich dann doch. Bei den Red Hot Chili Peppers fangen auf einmal alle an zu pogen. So ist das also. Als dann Punkt drei der Dj auch noch eine Ansage macht, fühle ich mich als wäre ich auf dem Rummel und verschwinde lieber auf's Klo. Wirklich spannend! Die Toiletten waren schließlich das größte Manko im L'Hibou - zwei an der Zahl und damit war jedes Mal das endloses Angestehe vorprogrammiert. Gemausert haben sie sich schon, vermehrt leider nicht. Das Waschbecken leuchtet jetzt rot und die Klodeckel sind gesonnenblümt. Drauf setzen will sich doch aber deswegen trotzdem keiner, oder? Die Herrentoiletten sind da wohl um einiges neckiger. "Man pinkelt quasi in einen offenen Mund", erzählt mir ein Kumpel ziemlich begeistert. Interessant. Nichts ist mehr so wie es war. Bestimmt ist das auch irgendwo gut und Absicht sowieso.

Als das L'Hibou geschlossen hat, habe ich bitterlich geweint, jetzt ist mir schon wieder zum Weinen zumute. Warum schließen in Dresden immer alle guten Clubs? Unter gut verstehe ich jene Clubs, die einzigartig sind, eben anders als die anderen. Von den Gästen her, von der Musik und ihrer Anziehungskraft, von den Menschen, die dort arbeiten und und und. Warum stehen hier alle auf Einheitsbrei? Genau die selben Lieder kann ich doch jeden Tag in einem der vielen anderen studentisch ausgerichteten Diskotheken hören. Warum funktioniert Party-Vielfalt in Leipzig und in Dresden nicht? Ist das wirklich so plump wie ich denke und die Ursache liegt in der unterschiedlichen Ausrichtung der Universitäten? Hat die eher geisteswissenschaftlich orientierte Uni Leipzig eine vielseitigere Feierkultur zur Folge als die naturwissenschaftlich ausgelegte Elite-Universität in Dresden?

Für mich steht fest: Optisch und vielleicht sogar noch konzeptionell unterscheiden sich Rosis, Katys, Kiezklub und Flower Power voneinander. Aber wenn man einmal da ist, dann ist es immer wieder das selbe und überall gleich.

Die Magie des eigentlich eher undergroundigen Schuppens ist mit der Verwandlung in einen 70er-Jahre-Hippie-Klischee-Tempel flöten gegangen. Jedenfalls für mich. Und deswegen gehe ich jetzt auch nach Hause.

"Du hast dein Blümchen vergessen" rufen mir die Türsteher noch hinterher. "Gerberas sind hässlich und einfallslos", raune ich schlecht gelaunt zurück. Und entgegen dem Hype, der schon jetzt um dieses neue Flower Power zu herrschen scheint. Hier setze ich so schnell keinen Fuß mehr rein.

Den Betreibern wünsche ich natürlich trotzdem alles Gute und 'eine schöne Zeit. Geschmäcker sind verschieden und bleiben es hoffentlich auch irgendwie.

flower-power.de/dresden

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.04.2015

Laura Thiele

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