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Clemens Setz diskutiert im Hygiene-Museum mit einem Psychiater und einer Kritikerin über sein Buch "Indigo"

Clemens Setz diskutiert im Hygiene-Museum mit einem Psychiater und einer Kritikerin über sein Buch "Indigo"

Welch unheimliche Wirkung Literatur doch bisweilen entfaltet. Ein Psychiater, eine Kritikerin und ein Autor haben sich darüber jetzt im Hygiene-Museum ausgetauscht und uns Lesern dabei die eine oder andere Interpretationshilfe an die Hand gegeben.

Zu Gast war Clemens Setz aus dem österreichischen Graz, der mit seinen 30 Jahren bereits vier vielbeachtete Bücher veröffentlicht hat und zu den bekanntesten deutschsprachigen Schriftstellern zählt. Sein jüngster Roman "Indigo" erzählt von hochbegabten Kindern, die allerdings eine äußerst unangenehme Wirkung ent-falten: Wer ihnen zu nahe kommt, wird von Schwindel, Übelkeit und starken Kopfschmerzen befallen. Der Psychiater und Psychoanalytiker Dr. Ulrich Bahrke vom Sigmund-Freud-Institut in Frankfurt/Main hat die Figuren dieses Buches denn auch als ausgesprochen "unbekömmlich" erlebt, wie er auf dem Podium gestand. "Was sie hinterlassen, ist nicht gut zu verdauen." Er sei beim Lesen ins Schwimmen gekommen, habe Zustände von Bedrohung und Ängstlichkeit erlebt. "Die psychische Situation transportiert sich", bescheinigt er dem Autor. "Das ist Könnerschaft."

Aufgefallen ist ihm jedoch, dass in der Romanwelt eine Sorte von Phantasien übermächtig ist: jene, die von Hass und Wut bestimmt sind. "Was fehlt, ist, dass Menschen ihre Abhängigkeit anerkennen. Dass sie traurig sind oder dankbar, dass sie Empathie empfinden." Dafür nimmt er überall "Abstandsmetaphern" wahr. "Die Kehrseite dessen sind Einsamkeit und Verlorenheit." Doch die Romanfiguren wollen das nicht ändern, ihnen fehlt der Leidensdruck. "Es ist ein Thriller. Aber er enthält keine Konflikte. Die Figuren durchlaufen keine psychische Entwicklung, werden nicht anders oder reifer."

Iris Radisch, Literaturkritikerin der Wochenzeitung "Die Zeit", hielt, obzwar Moderatorin, mit ihren Deutungen gleichfalls nicht hinterm Berg. Zahlreiche "Einsamkeitsmotive" hat sie entdeckt. Die Parallelwelten in den Köpfen der Hauptfiguren empfindet sie als bedrohlich und bedrückend. "Und dieses Phantasiepotential ist so radikal offen, so frei flottierend." Könnte das auf den Einfluss virtueller Computerwelten zurückzuführen sein?, fragt sie den Autor.

Clemens Setz berichtet, wie er als Kind und Jugendlicher leidenschaftlich am Computer gespielt habe. Erst mit 16 las er sein erstes belletristisches Buch - einen Gedichtband von Ernst Jandl. Der ihn jedoch tief berührte.

Er trug nicht nur eine Passage aus seinem Roman vor, sondern erzählte Geschichten, die ursprünglich ins Buch sollten, dann aber draußen blieben. Geschichten von Trost, von Mitgefühl. Eine "wahnsinnig traurige" etwa von der engen Beziehung zwischen einem in Laboren durch Experimente kaputt gemachten Menschenaffen und einem Studenten, dem er das Leben zu retten versucht. "Mein Roman ist auch ein Spiel, um auf etwas Anderes zu kommen: das Mysterium der Beziehung zwischen Mensch und Tier."

Mit seinen Phantasiewelten könne er sehr gut leben. Er selbst empfinde sich nicht im psychischen Sinne als abweichend von der Norm. Räumt aber ein: "Literatur, das sind immer Texte, mit denen irgendetwas nicht stimmt."

Clemens J. Setz: Indigo. Suhrkamp. 477 S., 22,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.03.2013

Tomas Gärtner

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