Volltextsuche über das Angebot:

14 ° / 0 ° heiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland RND

Navigation:
Google+
Claus Weidensdorfer, in diesem Jahr 80 geworden, präsentiert Zeichnungen in der Galerie Hieronymus

Claus Weidensdorfer, in diesem Jahr 80 geworden, präsentiert Zeichnungen in der Galerie Hieronymus

In diesem Jahr hat Claus Weidensdorfer seinen 80. Geburtstag gefeiert (DNN berichteten). Aus diesem Grund zeigt die Galerie Hieronymus eine beeindruckende Auswahl seiner Arbeiten.

Voriger Artikel
Uraufführung von Dagrun Hintzes "Die Zärtlichkeit der Russen" mit der Dresdner Bürgerbühne im Kleinen Haus
Nächster Artikel
Wolfgang Hentrich und das Philharmonische Kammerorchester Dresden konzertieren für die DNN-Spendenaktion

Claus Weidensdorfer: mein Handy, Feder/Tusche/Aquarell, 2007.Repro: Galerie

Claus Weidensdorfers Werk ist präsent, präsenter denn je, vielleicht weil es ganz gegenwärtig ist. Aber die Gegenwart auf seinen Bildern ist zugleich Erinnerung, Wissen, Verfremdung, Reflektion und Vorahnung; sie ist das Gestern, das Heute und in manchem wohl auch die Zukunft, die wir noch nicht kennen können. Weidensdorfers Takt des bildnerischen Seins ist dabei nahezu immer in einer Art zeitloser Zwischenwelten aufgehoben, denn seine Bildwelt besitzt keinen stabilen Aggregatzustand, sondern findet ihre Identität in der Wandelbarkeit, dem Spiel und der Balance unterschiedlichster Modi.

Das wird für den Betrachter unmittelbar durch seine figürliche Menschenschilderung erfahrbar: Da gibt es Schönheiten mit wallendem Haar, fast naturalistisch und körperlich; es gibt schwarze, Hut und Stock tragende Silhouetten, die wie in einem Schattenspiel paradieren. Fratzenhaft bunte Liebende küssen sich so hingebungsvoll, dass sie nicht bemerken, wie ihre Münder rosarot zusammenkleben. Ein nervös mit Bleistiftstrichen skizzierter, gesichtsloser Straßenbahnpassagier taucht ebenso auf wie der selbstvergessene Jazzer oder der fast plakativ gezeigte Eishockeyspieler. Ein sorgsam moduliertes Gesicht trifft auf eine gekritzelte Karikatur, der schemenhaft Blasse auf die lebenspralle Verführerin.

Exzentrische Gestalten

Die Menschendarstellungen im Schaffen Claus Weidensdorfers haben sich schon ganz früh von der Nachahmung der Natur befreit, auch wenn es wundervoll treffsichere Abbilder des Realistischen gibt. Bei Weidensdorfer ist ihre Aussagekraft und -fähigkeit unmittelbar an ihn selbst, den schöpferischen Künstler, rückgebunden. Oft sind sie seiner alltäglichen Umwelt abgeschaut, in einer illustrierten Zeitschrift oder im Kunstmuseum gesehen. Aber alle diese Eindrücke wirbeln durch den Strudel seiner bildnerischen Phantasie und werden verwandelt in das Arsenal seiner exzentrischen Bildgestalten hinübergezogen. Der Mensch auf Weidensdorfers Werken ist mithin kein Abbild, sondern Ausdrucks- und Bedeutungsträger in einem übergreifenden Sinne. Seine Bildgeschöpfe, vor allem die vielen Paarbeziehungen, berichten von der Instabilität genauso wie von der Leichtigkeit des Seins, im Schönen, Lustvollen, im Bergenden und Vertrauten wie im Feindlichen und Traurigen.

In der klug komponierten Ausstellung der Galerie Hieronymus findet man viele szenische Momente wieder, die charakteristisch für Claus Weidensdorfers Kunst sind. Da sehen wir Badende am Meer, am Fluss oder einem See, eine Frau beim Telefonieren, eine Versammlung dicht aneinander gerückter Köpfe, ein Paar im Weingarten, eine Sängerin, Schaukelnde und vieles mehr.

Aber, was ist das z.B. für eine Badeszene: Zwei Menschen haben sich am Rande eines Sees niedergelassen. Doch das Idyll trügt. Das Wasser wirkt kontaminiert und tot. Im Hintergrund meint man Hochhauskulissen auszumachen und eine Art Industrieanlage. Nirgends wächst eine Pflanze und die Erde wirkt dürr. Während der Mann vollkommen nackt ist, trägt die Frau nur einen Rock. Das Ganze scheint eminent zivilisationskritisch, gewinnt einen fast existentialistischen Zug und besitzt zugleich einen unbestreitbaren poetischen Reiz. Diese merkwürdige Polyvalenz ist ein durchgängiges Stilprinzip Weidensdorfers, wobei die metamorphotische Verfremdung und Irritation, ein fast surreales Szenario, in ihrer Irrealität doch eine selbstverständliche Schlüssigkeit zu besitzen scheinen.

Ganz wunderbar kann man einen Eindruck von der überbordenden bildnerischen Assoziationsfähigkeit und Kreativität Claus Weidensdorfers gewinnen, wenn man sich einzelne seiner seriell aufgefassten Blätter ansieht. Hier wird deutlich, dass die Inspirationen für seine vagabundierende Phantasie auch von kunsthistorischen Vorbildern stammen können, so dem Schokoladenmädchen von Liotard in der Gemäldegalerie Alte Meister: Doch plötzlich tauchen auf der Zeichnung "Schokoladenmädchen 1" wie in einem Kaffeehaus zwei Männer auf, der eine dreht sich lächelnd um, der andere schaut erwartungsfroh mit aufgestütztem Arm. Die versponnen liebenswürdige Szenerie wirkt einerseits rokokohaft und andererseits den fünfziger Jahren abgeschaut. Dagegen scheint auf "Schokoladenmädchen 4" ein Hund den Kakao zu trinken, der aus der Kanne überläuft, und das Schokoladenmädchen sieht aus, als trüge es einen Hosenrock und sei gehetzt und zugleich blasiert, derb mit offenem Haar und freien Brüsten.

Es gibt wohl kaum einen anderen Künstler, der in das schillernde Spiel der Bildaussage zugleich so völlig gegensätzliche Gemütswerte und Stimmungsweisen einschleust und damit auch auf diese Weise die Realitätsebene des Gesehenen immer wieder unterläuft. Eine todtraurige Szenerie kann durchaus witzige Züge haben, eine elegische, vollkommen wortlose Stimmung ist zugleich ironisch aufgeladen, eine sexuelle Anspielung wirkt skurril. Weidensdorfer ist dabei durchaus kein Spaßmacher, sondern macht uns deutlich, dass fast alles zwei Seiten hat: ohne Lachen kein Weinen, ohne Entsagung keine Erfüllung, ohne das Hässliche nicht das Schöne. Immer aber ist er bei der vordergründigen Clownerie, die manche Werke zu suggerieren scheinen, von tiefem Verständnis für das Menschlich-Allzumenschliche erfüllt.

Unerschöpflich einfallsreich

Schaut man darüber hinaus auf die bildnerischen Mittel, so erkennt man schnell, dass Claus Weidensdorfer alles andere ist als ein Manierist. Seine Arbeiten zeichnen sich durch die vollkommene Absage an einen routinierten Stil aus, die seine Handschrift irritierenderweise vollkommen unverwechselbar macht. Jedes einzelne Werk verlangt seine ganz besondere stilistische Definition. Und hier ist Claus Weidensdorfer im weiten Rahmen seiner Möglichkeiten unerschöpflich einfallsreich. Neben der skizzenhaften Notation steht die präzise studienhafte Ausarbeitung, neben der klaren Kontur die nervöse, offene Linie, neben säuberlicher Ausarbeitung die impulsive Geste. Natürlich gibt es Vorlieben in den Zeichen- und Malmitteln: Bleistift, Buntstift, Tusche, Deckfarben, Aquarellfarben, die häufig kombiniert sind und eine unglaubliche Vielfalt der in den Techniken möglichen Aussagen zeigen: zart, gewischt, pastos, gestrichelt, gestrichen, lasierend, deckend, monochrom, grellbunt. Der Einsatz bildnerischer Techniken und die eigentliche Bildaussage hängen dabei fest zusammen, ja definieren sich gegenseitig. Das ganze schillernde Spiel mit den Aussageebenen in Weidensdorfers Kunst beruht wesentlich auf diesem Verständnis. Allerdings ist es so, dass die künstlerisch arbeitende Hand zunächst der Imagination folgt und geradezu intuitiv nach dem treffenden bildnerischen Mittel greift. Aber es ist auch zu sehen, dass die Eigendynamik der Bildmittel immer wieder nach Autonomisierung drängt. Manchmal sind die graphischen Mittel sogar dominanter als das Bildsujet und sind stets konstitutiv für die Bildaussage.

Claus Weidensdorfer ist ein herausragender Künstler, gerade weil er Sensationserfolge und eine modisch breite Resonanz nie erlebt und wohl auch nicht gesucht hat. Unbeirrt geht er bis heute den Weg der künstlerischen Notwendigkeit. Ein wenig ist er Weltbeobachter, ein wenig Weltweiser; er ist ironisch, spöttisch, nur scheinbar im humoristischen Gewande, eher melancholisch und trotzdem voller Witz und Menschlichkeit. Ein wenig mehr als früher hat er sich in sein inneres Reich zurückgezogen, das ist wahr, aber - um ein Wort Albrecht Dürers aufzugreifen - inwendig steckt er ungebrochen voller Figur. Er ist ein Künstler, indem all der Charme, die Kraft und Kreativität des Dresdner Elbtals aufgehoben sind und der mit seinen Gedanken und Gefühlen zugleich immer wieder hinaus in die Welt fliegt. Es ist, als habe sich seine Weltläufigkeit einen goldenen Topf gesucht, aus dem er uns augenzwinkernd zuwinkt. Wolfgang Holler

bis 31. Dezember, Friedrich-Wieck-Str. 11, geöffnet Mi & Fr 13-18, Do 14-19, Sa 11-14 Uhr

www.galerie-hieronymus.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.12.2011

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr