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City-Frontmann Toni Krahl stellte in Dresden seine Autobiografie „Rocklegenden“ vor

Lesarten und Legenden City-Frontmann Toni Krahl stellte in Dresden seine Autobiografie „Rocklegenden“ vor

Toni Krahl, Frontmann und Sänger der Rockband „City“, hat seiner Autobiografie den verheißungsvollen Titel „Rocklegenden“ gegeben. Jetzt hat er das Buch in Dresden vorgestellt.

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Toni Krahl, Sänger der Rockgruppe City.

Quelle: Hendrik Schmidt/dpa

Dresden. Immer wenn es von der Glitzerwelt Westberlins zurück in die Hauptstadt der DDR ging, dann konnte City-Frontmann Toni Krahl gar nicht anders, als zu realisieren, dass es schon äußerlich völlig gegensätzliche Welten waren. Man kommt aus einer Nacht-wie-Tag-Beleuchtung, und von einem Moment zum anderen taucht man ab in das gewohnte, heimatliche Dunkel. „Wo es keine komplementärfarbenen Reklametafeln und Fassaden gab, die anzustrahlen gelohnt hätte. Das wenige gelblich-fahle Licht machte die grauen Hauswände nicht wesentlich heller oder lebendig“, schreibt Toni Krahl in seiner Autobiografie, die den verheißungsvollen Titel „Rocklegenden“ trägt und die er jetzt – präsentiert von den DNN – im Haus des Buches vorstellte.

Zu Beginn der Erinnerungen findet sich der Satz „Alles hat sich genau so abgespielt – oder eben ganz anders“, ein Satz, mit dem er einstweiligen Verfügungen habe vorbeugen wollen. „Außerdem gab es keine schmutzige Wäsche zu waschen.“ Es war nicht die übliche 0815-Dichterlesung. Krahl antwortete vorzugsweise auf Fragen von Puhdys-Tourmanager Kai Suttner, zudem griff er gelegentlich zur Gitarre, um mal mehr ältere, mal nicht ganz so alte City-Songs zu Gehör zu bringen. Sogar mit der Rarität „Traudl“ beglückte er die Fans.

Krahl konnte zusammen mit den anderen Jungs von City auch im Westen auf Tournee gehen. Er war Reisekader. Der Hit „Am Fenster“, der City auch in Westdeutschland populär machte (das Album erschien in der Bundesrepublik sogar einen Tick eher als in der DDR) war ein „Geschenk des Himmels“, wie es der von Krahl zitierte Kumpel Fritz Puppel auf den Punkt brachte. City brachte Devisen, das war entscheidend, ob einer „Jugendsünde“ hätte es zumindest für Krahl allerdings auch ganz anders kommen können. Er hatte nämlich am 26.8.1968 vor der Botschaft der UdSSR zusammen mit anderen eine Schweige-Protestkundgebung gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings abgehalten. Schild und Schwert der Partei, die Stasi, war allerdings auch da – und es kam zu einer Verfolgungsjagd à la Hollywood. Krahl konnte fliehen, wurde aber kurz darauf wegen „Klärung eines Sachverhaltes“ auf das Berliner Polizeipräsidium vorgeladen. Die Mutter eines Freundes hatte geplaudert.

Autobiografie von Toni Krahl

Autobiografie von Toni Krahl

Quelle: Buchcover

Toni Krahl landet in einem Gefängnis in Pankow und ist von Stund an nicht mehr Toni Krahl, sondern „84links“. Die Ziffer steht für die Zelle, links nicht für Gesinnung, sondern den Standort der Pritsche. Rechts lag keiner, Krahl ist in Einzelhaft. Als Politischer. Verhöre folgen, tagelang, Der Delinquent soll Hintermänner preisgeben. Schließlich taucht ein Anwalt auf. Es ist Wolfgang Vogel, Unterhändler der DDR, Spezialist in Sachen Häftlingsfreikauf. Er macht ein scheinbar unwiderstehliches Angebot. Krahl könnte bald wieder in Freiheit, sogar im Westen sein, dank einer allgemein erwarteten Amnestie zum 20. Jahrestag der Republik am 7. Oktober 1969. Aber Krahl will nicht weg. Er ist ja an sich kein Staatsgegner, hat weder Freunde noch Verwandte im Westen. Er bleibt – und wird zu drei Jahren Haft verknackt. Das am 29. November verkündete Urteil stand bemerkenswerterweise schon drei Tage vorher in der FAZ, wie Krahl in seinem Buch festhält.

Von einen auf den anderen Tag erfolgt aber alsbald Krahls Entlassung, die Verurteilung zu drei Jahren wird zur Bewährung ausgesetzt. Eine Begründung erfolgt nicht, aber sein Vater war nun mal nicht nur ein verdienter Genosse, sondern sogar eine Kampfgefährte Honeckers. Man hatte „zusammen in Brandenburg gesessen; das verpflichtete ja auch“. Krahls Vater war zwar Funktionär der Nomenklatura, aber kein Hardliner, ebenso wenig Krahls Mutter, die sein Vater, wenn er gut drauf war, „die rote Zarin“ von Schöneweide nannte. Es gab nie Vorwürfe der Eltern, ließ Krahl die Zuhörer der Lesung wissen.

Ein Studium bleibt Krahl verwehrt, er landet zur „Frontbewährung“ im VEB „7. Oktober“. Die Mitglieder der „Brigade Hans Marchwitza“ waren auserkoren, für Krahls „Umerziehung und Heimholung in die sozialistische Menschengemeinschaft“ zu sorgen. In gewisser Weise war man erfolgreich. Krahl zieht die Lehre durch und holt das Abi nach, macht aber bald nur noch Musik, von der er auch gut leben kann. Und den Kunstpreis der DDR nahm der „VEB City“ gerne an, wie nicht unterschlagen wird.

Tiefer bohrt Krahl nicht, und erstaunlich bleibt es letztlich trotzdem, dass Krahl regelmäßig in den Westen fahren durfte. Andere „Staatsfeinde“ konnten zeitlebens von Vergünstigungen seitens der Staatsorgane der DDR nur träumen. Sogar Krahls erste Ehefrau darf in den Westen – und bleibt dort. Wie nahe dies ihm ging, wird von dem Musiker nicht reflektiert, wie überhaupt Privates in diesem Buch ziemlich außen vor bleibt. Vom Menschen Krahl erfährt man nur in Ansätzen etwas, auf ihre Kosten kommen eindeutig in erster Linie die, die etwas über die Band City und den Rock- und Kulturbetrieb in der DDR erfahren wollen. Mit dem einen Aufschrei in der Funktionärsriege verursachenden Album „Casablanca“, das die Masse der Lieder versammelt, die eingefleischte City-Fans auf Konzerten wieder hören möchten, wird – so die Lesart, wenn nicht Legende – City dann den „Soundtrack zum Untergang der DDR“ liefern.

Verletzungen bleiben scheinbar. So schreibt Krahl in seinem oftmals launig daherkommenden Werk: „Die staatsoffizielle Geschichtsschreibung hat sich darauf geeinigt, dass die Westkünstler die Helden der Freiheit und des Wechsels in der DDR sind.“ Das stimmt so eigentlich nicht, eher macht man sich durchaus darüber lustig, dass etwa die Scorpions mit „Winds of Change“ die Mauer zum Einsturz gebracht hätten. Hanebüchen ist auch der Satz: „Das westdeutsche Marktpublikum vergaß auch schneller als das Publikum in der DDR, weil den Leuten andauernd neue Künstler und neue Platten aufgedrängt wurden und die Industrie immer neue Titel in die Programme drückte und damit ältere schneller raus.“ Nein, es war keiner gezwungen, Beatles, Elvis oder Manfred Mann’s Earth Band zu vergessen, es war nur einfach so, dass halt unablässig die Menschen neue Stile für sich entdeckten, ob nun Neue Deutsche Welle der New Wave, Grunge oder Glam Rock. So war es ja einst auch Toni Krahl ergangen, der erklärt, er sei zweimal geboren worden. Das erste Mal am 3. Oktober 1949 – und das zweite Mal 1963, als er sich von Freunden eine Single der Beatles auslieh. Sie war die Initialzündung für den eigenen Soundtrack des Lebens, danach war für ihn alles andere „antiquiert, angestaubt, altmodisch“.

Toni Krahl: Rocklegenden. Verlag Neues Leben, 222 Seiten, 19,99 Euro

Von Christian Ruf

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