Volltextsuche über das Angebot:

20 ° / 9 ° wolkig

Navigation:
Google+
Christoph Twickel stellte in Dresden sein Buch über die Risiken der Gentrifizierung vor

Christoph Twickel stellte in Dresden sein Buch über die Risiken der Gentrifizierung vor

"Wir sind doch auch als Studenten in die Neustadt gezogen, weil die hip ist", meint der junge Mann zu seinen Freunden, während er sein Fahrrad losschließt. "Was soll daran schlecht sein?" - Christoph Twickel hat an diesem Abend mit Lesung, Vortrag und Diskussion für Verunsicherung und lebhafte Debatten gesorgt.

Voriger Artikel
Dresdner Stadtmuseum zeigt Arbeiten von Streetart-Künstler Banksy
Nächster Artikel
Öffnung und Vernetzung: Wilfried Krätzschmar ist neuer Präsident der Sächsischen Akademie der Künste
Quelle: PR

Die mit mehr Geld verdrängen die bescheidener Lebenden aus den einfacheren Stadtteilen der Großstädte, wenn dort saniert wird und die Mieten explodieren - darum geht es in seinem Buch "Gentrifidingsbums oder Eine Stadt für alle". In London und Berlin sei das schon weit gediehen. Auch in Hamburg, wo Twickel als Journalist lebt und arbeitet.

"In Dresden ist das noch nicht so weit fortgeschritten." Aber im Gange, wie einige der etwa 20 anwesenden Zuhörer in der Motorenhalle des riesa efau bestätigen.

Und die Bunten, Kreativen, Alternativen, Studenten, intellektuelles Prekariat, Hausbesetzer gar, sollen den Motor dieser großen Verdrängungsmaschine mit in Gang halten? Nicht nur geldgierige Hausbesitzer und Immobilienmakler? Starker Tobak, diese These Twickels.

Aber der kann das belegen - mit echten Werbebroschüren und Imagefilmchen aus Hamburg. Ausgerechnet die nichtkommerzielle, unangepasste Gegenkultur werde als Standortfaktor ins moderne Stadtmarketing eingebaut, erläutert er. Lässt einen US-amerikanischen Soziologen in einem Videofilmausschnitt darlegen, wie die Metropolen durch die Globalisierung ununterscheidbar geworden sind. Überall die gleichen Shopping-Malls mit den gleichen Geschäften, Markenklamotten, der gleichen Musik.

In diesem Einheitsbrei ist der Wunsch der Mittelklasse nach dem Besonderen erwacht: "Die Business Class scannt die Städte ab und sucht das Authentische." Und dazu, haben findige Werbeexperten entdeckt, gehört die handgemachte Subkultur, das, was ein Quartier zum "Szeneviertel" adelt.

Dass überhaupt damit geworben wird, hat für Twickel mit einer neuen Stadtpolitik unter den Bedingungen neoliberaler Globalisierung zu tun.

Noch in den 1960er, 70er Jahren gab es Industriestädte - Wohnviertel rings um Fabriken. Seit den Achtzigern wird die Herstellung eines Produkts in einzelne Schritte zerlegt, ausgeführt an unterschiedlichen Orten auf der ganzen Welt - immer dort, wo es am kostengünstigsten für den Unterneh- mer ist. Aber irgendwo müssen die Schaltzentralen dieser verstreuten Produktion sitzen. Ihr Standort zu sein - darum konkurrieren die Großstädte seither.

Getreu dem neoliberalen Credo, dass es mit privatwirtschaftlichen Methoden am effektivsten geht, haben die Rathäuser Stadtmarketing-Firmen ausgegründet. Dem Dresdner dürfte an dieser Stelle die 2008 gegründete städtische Tochterfirma Dresden Marketing GmbH einfallen. Zur Kostprobe ein Zitat von deren Geschäftsführerin Bettina Bunge: "Der Ansatz, die Vermarktung einer Stadt als strategische Markenführung nach dem Vorbild erfolgreicher Markenkonzerne zu verstehen, ist zukunftsorientiert, aber auch ambitioniert."

Genau das meint Christoph Twickel: "Ein Stadtteil wird wie ein gehobenes Markenprodukt behandelt. Das soll wirtschaftlich potente Bewohner anlocken und ärmere abschrecken."

Dies hält er für eine fragwürdige Entwicklung. Weil das Wesen des Städtischen "verdichtete Unterschiedlichkeit" sei. Also dass jeder in seiner Eigenart irgendwo in der Metropole einen Platz zum Leben findet.

Deshalb hat er sich selbst auch am Pro- test gegen Stadtmar- keting und Gentrifizierung in Ham- burg beteiligt. 2009 haben sie das Manifest "Not In Our Name" verfasst. Sie wollten immer Orte, "die aus dem Markt gefallen sind", erklären sie darin, eine freie, autonome Aneig- nung von Häusern, die sich der Ökonomisierung der Stadt verweigere. "Wir wollen jetzt nicht helfen, sie in Wert zu setzen."

Häuser zu besetzen, reicht nach Twickels Ansicht nicht, wenn sie irgendwann doch auf den freien Wohnungsmarkt kommen. "Statt Durchlauferhitzer für die Gentrifizierung zu sein, müssen andere Eigentumsformen langfristig gesichert werden." Sozialer Wohnungsbau sei das eine. Eine weitere Möglichkeit: dass Genossenschaften die Häuser kaufen. "Recht auf Stadt geht nur mit Vergesellschaftung", lautet eine seiner Thesen. Dafür müsse Kommunalpolitik Wege schaffen. Am Ende seines Vortrags zeigt er das Foto einer Hauswand, darauf gesprüht: "Eine Stadt ist keine Marke".

Christoph Twickel: Gentrifidingsbums oder Eine Stadt für alle. Edition Nautilus. 128 S., 9,90 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 04.07.2014

Tomas Gärtner

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr