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Christoph Maria Herbst las im Alten Schlachthof auch juristisch geschwärzte Passagen

Christoph Maria Herbst las im Alten Schlachthof auch juristisch geschwärzte Passagen

Da sage noch mal jemand, Fernsehen mache nicht doof. Die allabendliche Umweltverschmutzung via Bildschirm ist längst eine alltägliche geworden, rund um die Uhr - und die vielen Dutzend Kanäle reichen nicht aus, all den Müll zu entsorgen.

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Der durch "Stromberg" bekannte Christoph Maria Herbst las im Schlachthof.

Der scheint aus sich selbst heraus zu wachsen. Er beeinflusst das Kino seit langem, zunehmend auch das Theater und in jüngeren Jahren auch ein Genre, das sich bislang wacker als Literatur zu behaupten verstand. Nicht erst seit Feuchtsphären und sonstigen Sümpfen scheint der nicht mehr sendefähige Restmüll zwischen Buchdeckel endgelagert zu werden. Als Zwischenlager gibt es Lesemarathons.

Manchmal schlägt diese Resteverwertung aber auch munter Kobolz. Christoph Maria Herbst etwa, der vermutlich wirklich wider eigenen Willen auf der Deutschen Fernsehmisere "Das Traumschiff" mitgefahren wurde - gegen gute Bezahlung, versteht sich - schlägt nun noch Folgekapital aus dieser sechswöchigen Tour und beschreibt sie in seinem Buch "Ein Traum von einem Schiff" als endlose Tortur. Dafür nimmt der gelernte Bankkaufmann und heutige Schauspieler ("Stromberg") einen Monat lang die Strapazen einer Lesereise quer durch Deutschland auf sich. Am Sonntag ging er in Dresden vor Anker und füllte für ziemlich exakt 90 Minuten den Kleinen Saal des Alten Schlachthofs.

Vermutlich kassiert Christoph Maria Herbst mit Buch und Hörbuch nachträglich eine Art Schmerzensgeld für die Schiffspassage. Und für einen Besuch im Gericht. Eine mitreisende Regieassistentin wollte sich in einer Art Romanfigur ("Ein Traum von einem Schiff" heißt im Untertitel tatsächlich "Eine Art Roman") erkannt haben und verklagte den Autor. Dessen Buch musste nun auf juristische Weisung mit einigen geschwärzten Zeilen erscheinen. Ein ähnliches Urteil gegen das Hörbuch haben die Literaturwächter der deutschen Justiz schlicht vergessen, das enthält den kompletten Text. Auch bei der Lesung trug der reisende Buch-Händler "verbotene" Teile vor und machte sich mit dem teils bei plumpesten Witzen tobende Publikum als "kriminelle Vereinigung" gemein.

Man braucht eine Menge Humor, um diesen Witzbold gut zu ertragen. Herbst-Humor halt. Er ist ein genialer Vortragskünstler, durch und durch professionell. Blicke, Dialekte, Gesten, Pausen, all das beherrscht er ziemlich perfekt. Doch seine Pointen sind so gut gebaut, dass sie immer schon lang genug vor der nächsten Kurve auszumachen sind. Zwanghaft originell, dieser Text, und damit in etwa so überraschend wie das Unterhaltungsfernsehen selbst. Immer weit, sehr weit unter Haltung.

Einen Vorwurf darf man Herrn Herbst allerdings nicht machen - er ist kein Hochstapler. Vor seinem Bordgang an das "Traumschiff" Titanic (die Kapelle spielt bekanntlich bis zum düsteren Schluss) hat er sich als Comedy-Leichtmatrose bezeichnet. Ein Lotse wird daraus nicht.

Vor der eineinhalbstündigen Lesung, die Teil seines bundesweiten Monats-Marathons ist, gab Herbst noch bejubelte Statements zur Striezelstadt Dresden ab und versprach, sein gesamtes Honorar der Dresdner Tafel zu spenden. Eine noble Geste des kriminellen Komikers.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 29.11.2011

Michael Ernst

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