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Christine Mielitz inszeniert wieder in der Semperoper: Schostakowitschs "Moskau, Tscherjomuschki"

Christine Mielitz inszeniert wieder in der Semperoper: Schostakowitschs "Moskau, Tscherjomuschki"

Christine Mielitz und Dresden, das ist ein ganzes Kapitel Operngeschichte. Sie hat hier in jungen Jahren als Assistentin von Harry Kupfer gewirkt, wurde 1982 Oberspielleiterin und hat als Regisseurin unvergessliches Musiktheater geschaffen.

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Christine Mielitz bei Proben.

Quelle: Matthias Creutziger

Nach wie vor gilt ihr 1989 herausgekommener "Fidelio" als Ikone, im Wagner-Jahr wurde ihr "Lohengrin" nochmals gezeigt, "La Bohème" ist im Mai wieder zu sehen. Heute gibt es endlich eine Neuproduktion von Christine Mielitz in Dresden, die musikalische Komödie "Moskau, Tscherjomuschki" von Dmitri Schostakowitsch. Michael Ernst hat sie vor einer Probe gesprochen.

Frage: Wie fühlt es sich für Sie denn an, dieses Wiedersehen mit Dresden?

Christine Mielitz: Naja, so wunderbar wie der Titel dieses Stücks! Tscherjomuschki heißt ja Vogelbeerbäumchen und ist der Name eines Moskauer Neubaugebiets. Das Ganze handelt von einem Traum der Russen in der Tauwetterperiode um 1958, als sie glaubten, mit neuen Wohnungen auch den neuen Menschen bauen zu können. So ähnlich geht es uns jetzt auch bei den Proben, als würden wir uns ein bisschen neu erfinden.

Was für neue Menschen schaffen Sie?

Die Behauptung der Chruschtschow-Zeit war ja eine große Überheblichkeit, eine Illusion. Diese Hybris machen wir natürlich nicht mit, wir besinnen uns auf die guten Qualitäten Dresdens - hervorragende musikalische und szenische Vorbereitung, große Motivation, wie ich sie hier immer erlebt habe, eine fabelhafte Mischung aus jungen und gestandenen Sängern, ein junger russischer Dirigent, der genau das richtige Feeling für dieses Stück hat, und ein begeisterter Chor.

Schostakowitsch hat bekanntlich schwere Zeiten durchlitten und lässt dies in seinen Werken auch anklingen. Wie doppelbödig ist diese "Musikalische Komödie"?

Das ist die wichtigste Frage bei diesem Stück. Ich hoffe, dass sie öfter gestellt wird, dass vor allem auch das Publikum sie sich stellt. Schostakowitsch war ja Zeit seines Lebens ein erfolgreicher Komponist, aber der Erfolg wurde ihm mal von dieser, mal von anderer Seite sehr in Frage gestellt. Die russische Regierung nahm ihm seine Kritik am Stalinismus sehr übel, als er gesagt hat, dass er viele Jahre einen gepackten Koffer unter dem Bett hatte. Diese Angst komponierte er auch in unser Stück mit rein, den Alptraum eines jungen Paares, das bei jedem Klingeln aufschreckt. Diese Szene ist urkomisch komponiert und drückt gerade dadurch die schreckliche Furcht aus, bei jedem Klingeln mit dem Schlimmsten zu rechnen. Die Komik besteht darin, dass genau das, was kreuzgefährlich war, ganz harmlos wird. Aber die Angst der Menschen ist nicht auf Knopfdruck und mit einem neuen Regierungsprogramm zu beenden.

Russische Lebensfreude und russische Lebenslust...

Er hat mal gesagt, dass er mit 39 Jahren zum ersten Mal in seinem Leben keine Schüsse mehr in seinem Heimatland gehört habe. Die Schüsse der Revolutionen, des Ersten und Zweiten Weltkrieges - an denen wir Deutschen ja keinen kleinen Anteil hatten! -, die Schüsse der Interventionskriege, eigentlich die Schüsse der ganzen Welt auf Russland - Das hat man natürlich auch im Westen nicht gern gehört, wenn er sagt, wir vernichten Russland von innen her, aber ihr wolltet es von außen vernichten, als wir unseren Weg Richtung Revolution gehen wollten. Er hat eigentlich nirgends Heimat gefunden und starb sicher nicht umsonst mit 69 Jahren an Herzversagen.

Aber ausgerechnet in dem Moment, wo das Stück spielt, erlebt er eine entspanntere Phase. Mit diesem Tauwetter brach die sprichwörtliche Lebensfreude und Lebenslust der Russen hervor. Solch ein Neubaugebiet wie Tscherjomuschki, das wir heute vielleicht mit Skepsis sehen, bedeutete damals für viele Menschen, aus elendigsten Verhältnissen herauszukommen. Ein Glückstraum pur! Das hat die positive Stimmung natürlich gefördert, wenn Eheleute zum ersten Mal ein eigenes Schlafzimmer hatten, endlich durfte sich das Ich der Menschen, das vorher so ganz in der Gesellschaft aufzugehen hatte, wieder ein bisschen entfalten.

Was bietet so ein historisches Stück dem heutigem Publikum darüber?

Heute sollten wir den großen Ausgleich zwischen Ich und Wir vielleicht eher umgekehrt wieder suchen. Das wäre ein Traum, wenn wir zu einem gewissen Gemeinschaftsgefühl zurückfinden könnten. An diesem Punkt hat uns das Stück natürlich sehr interessiert: Was von den Träumen der Leute war Illusion, was war bei Schostakowitsch Illusion? Er hat kein Happy End geschrieben, auch keinen Tragödienschluss. Das heißt, er weiß selbst nicht, wie es ausgehen wird. Er stellt der Gesellschaftsordnung weder ein total positives noch ein total negatives Zeugnis aus.

Ich glaube, das entspricht auch unserer heutigen Erinnerung - wir hätten sicherlich gern einiges bewahrt und sehr, sehr viel verändert. Aber nicht alles! Wir leben in einer spannenden Zeit, in der Errungenschaften, die sich Menschen erkämpft hatten, wieder zu bedenken wären. War alles nur Staatsdoktrin oder sind da auch menschliches Wünschen und Träumen mit eingeflossen? Das Schöne an diesem Stück ist, dass Schostakowitsch sagt, wenn man den "neuen Menschen" schaffen will, ist das immer ein Irrtum. Es gibt keine Stunde Null. Alle große Utopien wollen den neuen Menschen, aber wenn sie das verbissen betreiben, landen sie ganz schnell in Diktatur und Fanatismus.

Schostakowitsch zeigt uns, dass die Menschen mit Humor und Charme, mit Flirt und Liebe wie Schwejk einen - im Sinne der Mächtigen - etwas unsauberen Weg finden. Der ist oft die Rettung, befriedigt aber nicht total. Denn es gibt Korruption und schlimme Abfallprodukte, aber gibt es das heute nicht mehr?

Was würden Sie sich wünschen?

Dass wir solche Inspirationen wieder besser zu verstehen üben. Dass wir uns mit dieser ungeheuren künstlerischen Schaffenskraft und dem großen Traditionen der russischen Musik wieder besser vernetzen. Welche Freude könnten wir haben! Was mich mit dem Publikum hier verbindet, ist ein gemeinsames Zeitgefühl. Das ist von großem Wert.

Premiere "Moskau, Tscherjomuschki" heute, 20 Uhr, Semper 2. Musikalische Leitung: Mikhail Agrest, Inszenierung: Christine Mielitz, Bühnenbild & Kostüme: Christian Rinke

Weitere Aufführungen: 23., 25. und 28.2., 2., 4., 6., 28., 30. und 31.3., 2.4.

www.semperoper.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.02.2014

Michael Ernst

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