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Christian Thielemanns "Mein Leben mit Wagner" - Heute Buchvorstellung mit dem Dirigenten in Dresden

Christian Thielemanns "Mein Leben mit Wagner" - Heute Buchvorstellung mit dem Dirigenten in Dresden

"Wie nähert man sich Richard Wagner? Vielleicht am besten, indem man zwei, drei Ausschnitte aus dem ,Liebesverbot' und dem ,Rienzi' hört sowie die ,Faust'-Ouvertüre - und sich dann am ,Fliegenden Holländer' erfreut.

Weil sich da plötzlich großartiges Musiktheater ereignet ... Durch den ,Holländer' weht ein glühender Atem. Schon in der Ouvertüre spielen die Instrumente in exponierter Lage, fast hysterisch, es pfeift und rasselt und fegt ..." Diese Empfehlung spricht einer aus, der es kennt. Man darf ihm in diesem Urteil vertrauen, denn er befindet sich oft genug im Auge des Wagnerschen Orkans selbst: Es ist Christian Thielemann, Wagner-Kenner und -Dirigent par excellence und mit Bayreuth und dessen Grünem Hügel seit 30 Jahren vertraut. Dass er ein Wagnerianer ist und warum, das lässt uns Thielemann jetzt direkt wissen: Er hat ein Buch auf den Markt gebracht, das auf Gesprächen beruht, die er von August 2010 bis Juli 2011 mit der renommierten Musikjournalistin Christine Lemke-Matwey in Bayreuth, Berlin, Salzburg und am Attersee führte. Es trägt den programmatischen Titel "Mein Leben mit Wagner".

Der Grundton der offenherzigen Publikation ist ein aufklärerischer. Denn bei all seiner Begeisterung für das Wagnersche Opus: Thielemann will nicht missionieren, er will teilhaben lassen an seiner Sicht auf das Werk, er will in die Strukturen des Wagnerschen Musiktheaters einführen und nachvollziehen lassen, warum was wie musiziert werden sollte. Akribisch nimmt er sich die dramatischen Werke des Theaterneuerers vor, erklärt deren Entstehung, Inhalt, Besetzung, Aufführungspraxis und erfreut (oder kritisiert gelegentlich) Kollegen seiner Zunft, indem er subjektive Empfehlungen ausspricht, welche Aufnahmen für ihn Gültigkeit haben.

Wer Christian Thielemann schon mal persönlich begegnet ist und erlebt hat, mit welcher Begeisterung und Lebendigkeit, auch Spontanität, er über Musik und Musizieren spricht, wird ihn in den Zeilen durchaus wiedererkennen, auch wenn natürlich hier eine Bearbeitung des Sprachflusses vonnöten war und auch spürbar ist. Für den Leser mag diese inhaltliche und sprachliche Stringenz von Nutzen sein, bei der gleichzeitig mit dem Buch erschienenen Hörfassung, die von Ulrich Tukur mit aller professioneller Finesse gelesen wird, darf man es eher bedauern, dass der Maestro nicht selbst vorm Mikrophon sitzt. Dafür aber bietet die aus fünf CDs bestehende Hörbox (insgesamt 349 Minuten) einige Klangbeispiele.

Es ist kein autobiographisches Buch, gleichwohl spielt natürlich die Vita des am 1. April 1959 in Berlin geborenen Dirigenten eine große Rolle. "Richard Wagner wurde mir in die Wiege gelegt", sagt Thielemann, was heißt, dass er, in eine "gutbürgerliche" Familie hineingeboren, mit klassischer Musik aufwuchs. "Für mich hat es nie eine Alternative zur Musik gegeben", das Erlebnis Wagner habe diesen "Autismus" noch verstärkt. Der junge Thielemann hörte bereits 1966 (!) Karajans "Walküre", ließ sich mit 13, 14 Jahren von "Tristan und Isolde" und "Parsifal" bis ins Mark erschüttern. "Dabei war ich nicht nur von der Atmosphäre, den Farben, der Instrumentierung hingerissen, sondern von der Idee, durch Musik überwältigt zu werden - und zu überwältigen."

Thielemann, 1980 Karajans Hilfe bei dessen "Parsifal" in Salzburg und ein Jahr später schon mal Assistent in Bayreuth, hat bekanntlich die Ochsentour eines Kapellmeisters absolviert: "Ich musste sehr viel vom Blatt spielen ..., ich lernte, mit Chören zu atmen, und musste Operettenvorstellungen ohne jede Probe dirigieren. Vor allem aber fraß ich mir ein dickes Repertoire an, eine Werkkenntnis, von der ich bis heute zehre." Auch für Wagner. Dessen Werk nahm in Thielemanns Laufbahn immer größeren Raum ein, manches Mal ist er dabei, wie er eingesteht, auch das Risiko des Scheiterns eingegangen. Bayreuth indes ließ zunächst - auch noch, als er 1997 zum GMD an der Deutschen Oper Berlin ernannt wurde - auf sich warten. In diesen Jahren habe er etwas "fürs Leben gelernt, nämlich auf gar nichts zu warten. Nichts zu sehr zu wollen. Ob es die Bayreuther Festspiele sind oder die Wiener Philharmoniker oder die Semperoper in Dresden: Solche Dinge passieren immer dann, wenn man nicht daran denkt."

Aber Bayreuth und dessen damaliger Patriarch Wolfgang Wagner dachten natürlich an ihn: 1999 erreichte Thielemann der Ruf, und seitdem ist er vom Grünen Hügel nicht mehr wegzudenken. "Wagner in Bayreuth dirigieren zu dürfen, ist für alle, die die Aura des Ortes spüren und das Haus mit seinen akustischen Eigenheiten akzeptieren oder gar lieben, der Gipfel." Dennoch: "Mit den Erfolgen sind auch meine Zweifel größer geworden. Je mehr man weiß und kann, desto mehr weiß man eben auch, wie viel mehr man noch wissen und können müsste... Wagner stellt seine Dirigenten vor derart komplexe Schwierigkeiten, technisch, handwerklich, musikalisch, mental, emotional, physisch und intellektuell, dass jede Form von Selbstzufriedenheit oder Übermut fehl am Platze ist."

In seinem "Leben mit Wagner" nähert sich Thielemann dem Mythos Wagner und Bayreuth, und dass er dies aus der Sicht eines praktizierenden Musikers und (weitgehend) ohne Verklärung tut, auch das macht es lesenswert. "Ich möchte Richard Wagner nicht persönlich begegnen. Ich glaube, ich würde mich vor ihm fürchten", schreibt er. "Wenn er zur Tür hereinkäme mit seinen 1,66 Metern und hätte vielleicht ungewaschene Haare unterm Samtbarett und hörte nicht auf zu sächseln und zu schwadronieren, über das Wetter und den Nachtschlaf und seine Hunde Russ und Putz und Molly, über Atlasbeinkleider, Zahngeschwüre, Klistiermethoden und bevorzugte Sängerinnen - ich wäre erledigt. Desillusioniert. Nicht weil ich ein so hehres romantisches Bild von ihm habe, sondern weil ich erkennen müsste, wie stark die Wagner-Welt auseinanderfällt: ins Wirkliche und ins Mögliche, in Musik und Realität, in den Dresdner Hofkapellmeister, zu dem Wagner es brachte, und den handwerklichen Stümper, als den er sich selbst gern bezichtigte, und in vieles mehr. Als Dirigent sollte man das sicher alles wissen - aber man darf es auch wieder vergessen ... Ich habe die Partituren, und da steht alles drin."

Und so nimmt Thielemann den Leser mit auf seinen Weg zu Wagner. Erklärt, was es auf sich hat mit dessen Musikdrama, wie das Orchester besetzt ist und warum die Akustik des Festspielhauses in Bayreuth so einzigartig ist - "dieses Gefühl, dass die Musik aus den Stühlen quillt, hat mich ungeheuer fasziniert ... Der Klang hat keine Quelle und keine Richtung, er ist überall. Der Klang ist der Raum, die Musik ist die Welt - und ich bin mittendrin" - und warum neben dem Dirigentenpult während der Proben ein altes graues Telefon steht. Erzählt, weshalb er die unbequeme Ruth Berghaus als eine der besten Regisseurinnen überhaupt kennen- und schätzen gelernt hat. Setzt sich mit der Musik und den Texten der Wagner-Werke auseinander, mit der Aufführungsgeschichte und - distanziert - mit Wagners Antisemitismus und dem politischen Missbrauch des Œuvres durch die Nationalsozialisten. Er lädt den Leser zu einem informativen Gang entlang der "Verbrechergalerie" im Festspielhaus ein, wo Fotos aller Dirigenten in Bayreuth zu sehen sind, und setzt sich kritisch mit dem heutigen Musikbetrieb auseinander, mit den Jetset-Dirigenten und betont, dass junge Künstler, insbesondere Sänger, selbst für sich verantwortlich sind.

Wagner, sagt Thielemann, habe ihn gelehrt, Partituren zu lesen. "Musik ist in erster Linie Klang. Erst dann kommt der Laut, der Ton, die Farbe, dann kommt die Struktur." Man muss Wagner nicht so hören, lesen, verstehen, lieben wie Thielemann. Aber man kann ihn anders hören, lesen, verstehen und lieben, wenn man sich durch die 300 Seiten gelesen hat. Einem wird man dabei ganz bestimmt näher gekommen sein, und das ist Christian Thielemann selbst. Was auf seine Wagner-Dirigate aus anderer Perspektive neugierig macht.

Und ein Thielemannscher Tipp zum Ausgang: Seine liebste "Rienzi"-Aufnahme ist Heinrich Hollreisers Einspielung mit der Dresdner Staatskapelle sowie den Chören des Leipziger Rundfunks und der Dresdner Staatsoper aus dem Jahr 1975.

Heute, 20.15 Uhr, Buchvorstellung mit Christian Thielemann in der Gläsernen VW-Manufaktur. Auszüge aus dem Buch liest Friedrich-Wilhelm Junge. Karten 16 Euro (erm. 12) in der Schinkelwache, Tel. 0351/4 91 17 05.

Hörbuch, Lesung mit Musik. Mit Ulrich Tukur. 5 CDs, 349 min. Audio Verlag, 2012

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.11.2012

Kerstin Leiße

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