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Christian Thielemann dirigiert die "Elektra"-Premiere in der Semperoper Dresden und spricht im Interview über Richard Strauss

Christian Thielemann dirigiert die "Elektra"-Premiere in der Semperoper Dresden und spricht im Interview über Richard Strauss

Januar eröffnet die Sächsische Staatsoper mit der Premiere der Oper "Elektra" das Jubiläumsjahr zum 150. Geburtstag von Richard Strauss. Sie ist eines der neun (!) Strauss'schen Musiktheaterwerke, die an der Dresdner Hofoper uraufgeführt wurden, unter den Generalmusikdirektoren Ernst von Schuch, Fritz Busch und schließlich Karl Böhm.

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Chefdirigent Christian Thielemann neben der Strauss-Büste in der Semperoper.

Quelle: Matthias Creutziger

Insgesamt verfasste Strauss 15 Opern. Die letzte, bahnbrechende Dresdner "Elektra"-Inszenierung stammte von Ruth Berghaus und hatte 1986, zwei Jahre nach der Wiedereröffnung der Semperoper, Premiere, dirigiert von Hartmut Haenchen. Jetzt inszeniert in der Semperoper Barbara Frey, die Intendantin des Zürcher Schauspielhauses, und am Pult steht der Chefdirigent der Sächsischen Staatskapelle Dresden, Christian Thielemann. Kerstin Leiße befragte ihn zu Strauss und dessen Werk.

Frage: Das Wagner-Jahr ist zu Ende, das Strauss-Jahr hat begonnen. Was bedeuten Ihnen Richard Strauss und dessen Werk?

Christian Thielemann: Ich habe Strauss immer für seine Gelassenheit bewundert. Er wusste zu trennen zwischen dem Inferno auf der Bühne und der Entspanntheit in den eigenen vier Wänden. Strauss konnte frühmorgens an der "Elektra" arbeiten, um am Nachmittag in aller Ruhe Skat zu spielen. Das klingt ganz banal, aber ich kann Ihnen sagen, dass ihn darum so mancher Kollege beneidet haben dürfte. Über seine Instrumentationskunst müssen wir gar nicht erst sprechen, die ist singulär, und da machte ihm keiner was vor.

Hat Wagner mit seinen Dresdner Jahren bei der Hofkapelle gewissermaßen künstlerisch und klanglich den Boden bestellt, auf dem Strauss' Werk zum Blühen kommen konnte?

Zweifellos hat der junge Strauss enorm von Wagner profitiert, nicht nur in kompositorischer Hinsicht, sondern auch von Wagners Leistungen als Orchestererzieher. Die Opern von Strauss fordern ja allerhand - auch noch von heutigen Orchestern. Dass Strauss seine Werke bei der Staatskapelle so gut aufgehoben wusste, hatte er zu einem guten Teil auch der Arbeit der jeweiligen Kapellmeister zu verdanken. Schuch, Reiner, Busch und Böhm sind da natürlich an allererster Stelle zu nennen, die wiederum aber auch von der Arbeit ihrer Vorgänger profitiert haben, und da ist man dann schnell bei Wagner.

In Dresden wurden allein neun Strauss-Opern uraufgeführt, die von Ihnen geleitete Staatskapelle gilt als Strauss-Orchester par excellence. Was kennzeichnet ein Strauss-Orchester und warum können das die Dresdner so gut?

Wenn man das in Worte fassen könnte... Ich glaube, dass Richard Strauss für die hiesige Staatskapelle so etwas ist wie die Walzer-Sträusse für die Wiener Philharmoniker. Diese Musik liegt den jeweiligen Orchestern einfach im Blut, natürlich auch durch intensive und nie unterlassene Pflege. Und das Wunderbare daran ist, dass sich dies über die Generationen hinweg nicht verliert. Ich bin überzeugt davon, dass Strauss seine "Kapelle" heute sofort wiedererkennen würde.

Dass Strauss-Jahr beginnt für Sie in Dresden mit der von Ihnen musikalisch geleiteten Neuinszenierung der "Elektra". War dies Ihr Wunsch, und wenn ja, warum haben Sie sich ausgerechnet für diese Strauss-Oper entschieden?

Das war ja nicht alleine meine Entscheidung, sie fiel im Zusammenspiel mit der damaligen Intendantin Ulrike Hessler. Sicherlich ist die "Elektra" die Oper von Strauss, die die ganze Bandbreite seines Schaffens wie in einem Brennspiegel zusammenführt. Es ist musikalisch die radikalste seiner Opern - in vielen Passagen werden Sie Schwierigkeiten haben, tonale Harmoniestrukturen nachzuvollziehen. Gleichzeitig gibt es aber auch hier große Melodiebögen und lyrische Höhepunkte, die auf Werke wie den "Rosenkavalier" oder auch die "Arabella" vorausweisen. Die "Elektra" könnte man also mit Recht als eine Essenz des Strauss'schen Œuvres bezeichnen, und schon allein deshalb eignet sie sich so gut, das Strauss-Jahr 2014 zu eröffnen.

Können Sie sich vorstellen, was Zuhörer 1909 zur Uraufführung dieses emotional aufrüttelnden Strauss'schen Werkes empfunden haben? Und was teilt uns die Oper heute mit?

Was die Menschen damals empfunden haben, kann ich schwer beurteilen. Die Musik von Strauss war ja damals Avantgarde und hat die Leute wahrscheinlich ganz anders schockiert, als das heute möglich ist. Trotzdem kann sich auch im 21. Jahrhundert niemand der Radikalität und extremen Dichte dieser Partitur entziehen. Dieser Stoff schafft einen einfach.

"Elektra" verlangt einen Orchesterapparat von 111 Musikern, was dazu geführt hat, dass Ruth Berghaus für ihre Inszenierung das Orchester auf der Bühne platzieren musste, weil der Orchestergraben der rekonstruierten Semperoper zu klein war. Mittlerweile gibt es dieses Problem nicht mehr, denn der Graben wurde erweitert. Haben Sie die Berghaus-Elektra gesehen? Und welche Erwartungen haben Sie an die Regie von Barbara Frey?

Ich kann Ihnen sagen, dass es auch mit vergrößertem Graben gar nicht so einfach war, alle Musiker dort unterzubringen. Ich hoffe, dass die Kollegen über Weihnachten ein wenig aufgepasst haben- (lacht). Die Berghaus-Elektra kenne ich natürlich, das war eine spektakuläre Produktion, die mich sehr beeindruckt hat. Frau Frey sucht einen ganz anderen Weg, der mich aber auch überzeugt und der - wie ich finde - sehr spannend ist.

Wie gelingt es Ihnen, den gewaltigen Strauss'schen Orchesterapparat zu formen und zu beherrschen? Worauf legen Sie besonderen Wert?

Nun, man wächst ja mit der Erfahrung, die man im Laufe der Zeit gewinnt. Sie können noch soviel zu Hause im stillen Kämmerlein studieren. Wenn Sie dann vor einem Orchester stehen, werden Sie schnell merken, dass Ihnen die Theorie nicht immer weiterhilft. Sie müssen wissen, wann Sie dem Orchester Freiraum geben können und wann Sie die Zügel in die Hand nehmen müssen. Das lernt man nur mit der Zeit. Ungemein profitiert habe ich diesbezüglich aber natürlich auch von so großartigen Kapellmeistern wie Horst Stein und Heinrich Hollreiser sowie natürlich von Herbert von Karajan. Oberstes Gebot für mich ist, dass man dem Sprachduktus folgt. Der Sänger soll immer zu verstehen sein, und da muss man dann manchmal auch ein wenig korrigierend eingreifen. Nicht jedes Forte kann unter dieser Prämisse gleich laut sein.

Ist das erlesene Solistenensemble mit Evelyn Herlitzius, Waltraud Meier, Anne Schwanewilms, Frank van Aken und René Pape Ihre Wunschbesetzung?

Absolut. Diese Besetzung ist fantastisch und lässt keine Wünsche offen.

In einem Symphoniekonzert mit der Staatskapelle werden Sie eine Rihm-Orchesterfassung des erst 1982 entdeckten Strauss-Liedes Malven uraufführen, dazu Rihms "Ernsten Gesang" für Orchester aus dem Jahr 1996, Strauss' Letzte Lieder und die Alpensinfonie. Haben die Strauss-Lieder für Sie eine besondere Bedeutung?

Ja, denn ich kenne keinen Komponisten, der raffiniertere Orchesterlieder schreiben konnte als Richard Strauss. Er hatte einen geradezu überirdischen Instinkt für die menschliche Stimme im Verbund mit einem großen Orchesterapparat. Das ist bis heute unübertroffen.

Und welche der Strauss-Opern dirigieren Sie am liebsten? Und warum?

Immer die, die gerade auf dem Pult liegt.

Premiere 19. Januar, 18 Uhr, Semperoper. Weitere Vorstellungen: 22., 25., 31. Januar und 22., 29. Juni 2014

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.01.2014

Kerstin Leiße

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