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Christian Steyer und der Berliner Solistenchor luden in die Lukaskirche

Ungehörtes im Oftgehörten Christian Steyer und der Berliner Solistenchor luden in die Lukaskirche

Fast immer steht er im Hintergrund, im Halbdunkel, das göttliche Licht strahlt die Mutter und das in der Krippe liegende Kind an. Die Abwertung Josefs, des Nährvaters Jesu, des Mannes an der Seite der allerheiligsten Jungfrau Maria, hat Programm.

Dresden. Die koptische "Historia Josephi" aus dem 4. Jahrhundert lässt Josef 90 Jahre alt sein, als er Maria zu sich nimmt, allerdings hat es die Geschichte nicht in den Kanon der Evangelien geschafft. Im Markus- und Johannesevangelium kommt Josef gar nicht vor, bei Lukas ist der Mann, der das Wagnis einging, eine Patchwork-Familie zu haben, mit dieser sogar in die zeitweilige Emigration zu gehen, eine Randfigur. Immerhin gibt es ein schönes Lied über ihn und zwar die alte, nach dem lateinischen Cantio "Resonet in laudibus" gestrickte Weise "Joseph, lieber Joseph mein", dessen zweite Strophe lautet: "Gerne, liebe Maria mein, / helf' ich wieg'n dein Kindelein, / Gott, der soll mein Lohner sein / im Himmelreich / der Jungfrau Kind Maria". Dieses Lied erklang auch beim Konzert von Christian Steyer und dem Berliner Solistenchor, die in der Lukaskirche dazu ermunterten, alte Weihnachtslieder neu zu entdecken. Der in Berlin lebende Steyer hat Klassiker wie Kommet, ihr Hirten", "Es ist ein Ros entsprungen" oder "Maria durch ein Dornwald ging" mit Elementen aus unterschiedlichen Genres vermengt. Nun sind Weihnachtslieder ja so ziemlich das Allerschwerste. Keine andere klassische Musikform wird z.B. derart von Auswüchsen totaler Kommerzialisierung bedroht. Steyers Ansatz ist laut Booklet der Doppel-CD (erschienen bei Pool Music) folgender: Er will nach dem pulsierenden Kern suchen, nach einer alten neuen Schönheit... Die Arrangements Steyers atmen nicht zu knapp Einflüsse des Jazz, aber es ist der sehr tonale Umgang mit Texten und Stimmen, der den alten Liedern etwas Ursprüngliches und Heutiges erschließen soll. Der Hörer wird aufgefordert, Ungehörtes im Oftgehörten zu entdecken, musikalische Spannungen neu wahrzunehmen.

In der Regel steht eine Solostimme im Vordergrund, der Rest des stimmlich beeindruckenden Chores steuert einen teilweise regelrecht kontrastierenden Klangteppich bei. Steyer selbst, der u.a. in dem Film "Die Legende von Paul & Paula" mitwirkte und mit "Der Blindgänger" 2004 einen seiner größten Erfolge als Filmkomponist feiern konnte, entlockt dem Klavier dezente, minimalistische Klänge. Andererseits wirken viele Lieder ungemein kunstvoll, ob der vielen Lyrismen hier und da regelrecht überkandidelt. Es ist ja nicht selten die "Einfachheit" vieler tradierter Melodien, weshalb Weihnachtslieder zu Klassikern wurden. Sie vermitteln Gemeinschaft, setzen Emotionen und Erinnerungen frei. Das vermögen Steyers Arrangements nicht, denn sie sind nun mal neu und singulär.

Als eine der Zugaben wurde "Es ist ein Ros entsprungen" angestimmt. Die getragene Melodie, die das Geheimnisvolle der Ereignisse unterstreicht, das Staunen über das Wunder, tut ihre Wirkung. Und vielleicht ist das der Ansatz, der einem helfen könnte, diese Neuinterpretation alter Lieder zu verstehen: Sich einfach mal dem Staunen überlassen. Fakt ist: Steyer und dem Berliner Solistenchor gelang es nachhaltig zu zeigen, dass sich sogenannte Brauchtumspflege und höchster Kunstanspruch nicht zwangsläufig ausschließen müssen.

von Christian Ruf

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