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Christian Lifkas Werke im Internationalen Begegnungszentrum - Das Flüstern der Stadt

Christian Lifkas Werke im Internationalen Begegnungszentrum - Das Flüstern der Stadt

Unüberschaubar ist sie, verwirrend: ein verschachteltes Häusermeer mit verwinkelten Straßenzügen. Doch sie ist freundlich. Bunt, in zart aquarellierten Pastelltönen auch empfindsam oder in kräftigen Farben, mit Tusche überzeichnet, trutzig, fast wehrhaft, wie eine Burganlage.

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Christian Lifka: Black & White, Episode 9, Tusche, Marker, Stempel auf Papier, 2014.

Quelle: Repro Christian Lifka

Aber die Sonne scheint, und über dem mittleren Blatt liegt ein Lächeln in den Bäumen, in einer Engelsfigur und in überall auftauchenden imaginären Gesichtern.

Als Christian Lifka im dritten, schwierig zu bestückenden Ausstellungsraum des Internationalen Begegnungszentrums die Hängung für seine Arbeiten plante, war an einer Stelle ein Diktattext angezweckt, mit dem sich offenbar Sprachschüler des Hauses unlängst zu beschäftigen hatten. Vermutlich hat er - bewusst oder unbewusst - seine drei Stadtbilder gerade wegen dieses Zettels an eben dieser Stelle platziert. Christian Lifka ist gewiss nicht sentimental, aber wie diese einfach konstruierten Sätze an der Wand hingen, war es, als wären es Worte, die aus den Fenstern und Türen einer flüsternden Stadt zu vernehmen sind:

"Am Morgen frühstücke ich in der Woche schon um sechs.

Aber ich trinke nur einen Kaffee und esse einen Apfel.

Zum Mittag esse ich eine Suppe und ein Hauptgericht.

Manchmal gehe ich in die Kantine-" usw.

Kunst und Leben, in diesem Fall Lifkas Aquarelle, greifen mit der Vorstellung, wie viele Menschen in einer großen, bunten Stadt morgens um 6 Uhr mit den gleichen oder ähnlichen Tätigkeiten und Bedürfnissen ihren Tag beginnen, berührend ineinander. Denn für den Einen kann es das große, bescheidene Glück eines in Frieden begonnenen Arbeitsalltags ohne Hunger und Ängste bedeuten, was für den Anderen als unzumutbare, ärmliche Tristesse erscheint.

Christian Lifka kombiniert oft malerische und zeichnerische Elemente. Nah am Gegenständlichen liegendes mischt sich mit abstrakten Gesten. Das erzeugt Spannung. In der Folge "Black and White" entwickelt er, beinahe ausschließlich mit schwarzer Tusche gekleckst, gemalt, laviert, gezeichnet, gerakelt oder gestempelt, einen sehr grafischen, beinahe druckgrafischen Eindruck. Eine bedrückende Atmosphäre teilt sich mit. In "Episode 4" schaut ahnungsvoll ein Totenschädel aus einem fahrig umrissenen Kreisgebilde, auf den ein Fadenkreuz gerichtet zu sein scheint. Verspritzte Flecken unterschiedlicher Intensität lassen, diese Vision weiter verfolgend, frösteln. Die imaginierte Figur schwebt inmitten eines ebenso unrealen Lichthofes, umgeben von umlaufenden Treppen oder Gittern. Ähnliche akkurate, stufen- oder gitterartig, mit Kamm oder Rakel erzeugte Parallelen begegnen auch in den anderen Episoden. Man denkt an Piranesis "Carceri"-Radierungen aus der Mitte des 18. Jahrhunderts, die ungeachtet ihrer unendlich scheinenden Weite keinen Ausgang, ja nicht einmal einen Ausblick zeigen. Oder Goyas Alpträume vom "Schlaf der Vernunft, der Monster gebiert". Lifka stempelt Kreuze, wie Zielmarken in der Landschaft hinzu, Ziffern, oder Buchstaben, mit denen man Individuen bezeichnen könnte.

Die Frage: was ist der Mensch als Individuum? Wie ist seine Position im gesellschaftlichen Gefüge - in den Episoden 8 und 9 lichtet sich die Stimmung.

Der Reiz sparsamer farbiger Akzente, die Versuchungen überreichlich vorhandener Alltagsmaterialien, die sich zum Drucken eignen, Wellpappen, Assietten oder collagierbare Zeitungsausschnitte ebnen den Weg aus der Depression.

1952 in Dresden geboren, in Dresden gelernt, studiert und das Diplom 1985 bei Günter Horlbeck an der HfBK abgelegt, lebt und arbeitet Christian Lifka seitdem als freier Maler und Grafiker, Grafikdesigner und "Internet-agent" in der Stadt und ihrem Umfeld. In der Kunst spielt seine Verortung kaum eine Rolle - dennoch ist sie dem Leben in der Stadt verhaftet. Es ist die urbane Lebensform schlechthin, das enge quirlige Miteinander verschiedenster Charaktere auf engem Raum, und es ist die Enge, die nicht nur räumlich, sondern auch in den Köpfen oft zu Bedrängnis führt. Lifka fand einen künstlerischen Weg zu einer gewissen Unabhängigkeit, sowohl von Traditionellem als auch von Abbildhaftem, ohne sich der Wirklichkeit der Zeit zu verschließen.

bis 16. Januar, Internationales Begegnungszentrum, Heinrich-Zille-Str. 6, geöffnet Mo, Di und Do 14-18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 07.01.2015

Jördis Lademann

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