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Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" am Dresdner Staatsschauspiel

Christa Wolfs "Der geteilte Himmel" am Dresdner Staatsschauspiel

Mit der Bühnenfassung von Christa Wolfs Erzählung "Der geteilte Himmel" versprach das Staatsschauspiel vorab die Sicht auf "ein Stück deutsche Geschichte, das in Dresden bis heute spürbar ist - mehr als 20 Jahre nach dem Ende der DDR".

Wie bitte? Eine Ankündigung, die wie eine Drohung mit der Nachhilfekeule klingt, macht wenig Lust auf Theater, doch andererseits konnte ein Regisseur wie Tilmann Köhler (Jg. 1979) von vornherein nicht in den Verdacht kommen, mit einer besserwisserischen, die Zeitzeugen belehrenden Interpretation aufzuwarten. Und so legitimiert sich seine Rita Seidel von "heute" ganz schlicht und einfach dadurch, dass ihr Text zu einem wesentlichen Teil aus Christa Wolfs Lebensbeichte "Stadt der Engel-" stammt - und durch die persönliche Glaubwürdigkeit und Integrität einer Schauspielerin wie Hannelore Koch. Dennoch stand Köhler bei seiner Inszenierung im Dresdner Schauspielhaus mit seinen kaum über das Alter ihrer Figuren hinausgewachsenen Protagonisten vor der schwierigen Aufgabe, den dicken Firnis aus Vorurteilen, plakativen Deutungen der Geschichte im Großen wie im Kleinen sorgsam abzutragen - oder ihn einfach zu ignorieren, um sich der tragischen Liebesgeschichte mit möglichster Frische und Unbefangenheit zu nähern, ohne deren Hintergrund zu vernachlässigen oder gar zu bagatellisieren.

Kunst-Landschaft

Was den "Firnis" angeht, arbeitet Köhler mit einer Mischung aus beiden Methoden. Er versucht gar nicht erst, ein gar zu genaues Sittenbild vom Ende der fünfziger/Anfang der sechziger Jahre zu zeichnen. Er leistet sich einige Anachronismen, lässt historische Vorgänge fast ausschließlich über biografische Fakten sichtbar werden und abstrahiert sogleich von den näheren Umständen. Statt den Zuschauer mit einer Überfülle von Details anzustrengen (oder die möglicherweise geballte Erfahrung im Parkett mit allerlei Anspielungen zu korrumpieren oder zu langweilen) überlässt er die Illustration der Vorgänge weitgehend dessen Fantasie, die auch angeregt wird durch das einfühlsam begleitende Violinspiel von Maria Stosiek.

Die Bühne von Karoly Risz wird bestimmt von großen lichtgrauen, sich wie ein Wolkenhimmel wölbenden oder schwer nebelhaft herabsenkenden Planen, einer Kunst-Landschaft, auf die, sparsam und in Schwarz-Weiß, eine real-historische projiziert wird (bzw. Filmaufnahmen der Erde aus der Luke von Wostok 1). Die Menschen darin agieren vorzugsweise mit bunten Luftballons - blasen sie auf, lassen sie platzen, trinken sie aus, werfen sie weg, Metaphern für alltägliche Verrichtungen wie für Träume und Illusionen. Das lässt die Randfiguren (Albrecht Goette, Ahmad Mesgarha in ewiggleichem Outfit mit oder ohne Strickmütze) anfangs auffällig schablonenhaft erscheinen, verdichtet sich am Ende aber doch zum Sinnbild von einem immerwährend pulsierenden Gewebe und Kreislauf des Lebens - der eben doch nicht nur aus Wiederholungen besteht.

Nur so lässt sich schließlich die Einmaligkeit einer Geschichte behaupten, wie sie sich - als sei es gerade eben erst - zwischen Rita Seidel und Manfred Herrfurth abgespielt hat. Einer berührenden, gescheiterten und irgendwie bis heute fortwirkenden Liebe, über die sich noch immer nachzudenken lohnt, und zwar nicht nur deshalb, weil sich eine Mauer der Willkür dazwischen geschoben hat. Wie in der Erzählung ist Ritas Zusammenbruch unter der Last der Ereignisse der Scheide- und Kristallisationspunkt. Wenn sie aus ihrer Ohnmacht aufwacht, weiß sie zwar sehr genau, was geschehen ist, aber auch, dass sie eine andere geworden ist und ihr Leben neu in die eigenen Hände nehmen muss. Aus dem Wechsel zwischen den zeitlichen Ebenen wird hier eine ständige Überblendung, in der Ritas (nicht etwa als schizophren gedeutete) Lebensphasen auch miteinander in den Dialog treten.

Lea Ruckpaul ist "das braune Fräulein" vom Dorfe, etwas kokett auf etwas zu schickem Fahrrad, das dem Jungakademiker Manfred unerwartete wie unbequeme Fragen stellt und ihn damit unwiderstehlich anzieht. Mit ihrer noch fast kindlich wirkenden Unbefangenheit und Neugier, ihrer so selbstverständlichen, unbeirrbaren Hingabe und Konsequenz ist sie wirklich bezaubernd. Matthias Reichwald kommt viel weniger akademisch trocken und bürgerlich daher, als es der Text eigentlich vorgibt. Long Shirt trägt er statt Anzug (Kostüme: Susanne Uhl) und ist ein sehr heutiger großer Junge, der mit 30 endlich in die Gänge kommen muss, aber mit den Verhältnissen nicht klarkommt. Weder mit denen in der Familie, in der ihn der Vater (Albrecht Goette) als ewiger, noch dazu intriganter Mitläufer (erst SA, dann SED) anekelt und die hysterische, ihn abgöttisch liebende Mutter (Hannelore Koch) allenfalls sein Mitleid anspricht. Noch mit denen in der Gesellschaft, in der er vor allem Arroganz und Misswirtschaft wahrnimmt, die ihn schließlich durch Ablehnung von Ideen brüskiert und auf die andere, scheinbar bequemere Seite der Welt treibt.

Ringen um den Stoff

Doch Rita kann ihm nicht folgen, weil ihre eigene Entwicklung eine so gegensätzliche ist: In ihrem Praktikum in der Waggonfabrik, so absurd sich der Produktionsalltag auch darstellt, lernt sie doch begreifen, was eine Gemeinschaft, was Verantwortung für eine Aufgabe bedeuten kann, und ihr persönliches Ziel, Lehrerin zu werden, verinnerlicht sie letztlich dadurch, dass sie die Kinder ihrer Generation vom traumatischen Einfluss solcher Väter wie dem alten Herrfurth befreien muss.

Die Mühe des Ringens um diesen Stoff bleibt spürbar, aber das gibt der Aufführung zumal im Kontext des öffentlichen Umgangs mit der Biografie von Christa Wolf auch eine besondere Glaubwürdigkeit, eine Redlichkeit, die sich auch im Verzicht auf spektakuläre Deutungen und Zuspitzungen erweist. Dass dabei so etwas wie Pathos aufkommt, Rührseligkeit oder gar ein moralinsaurer Geruch, verhindert die Regie zum einen durch allerlei skurrile Einfälle. Als etwa der zwielichtige, ebenfalls stark an Rita interessierte Betriebsleiter Wendland (Philipp Lux) Manfred zum Essen einlädt, servieren sich die beiden, mangels anderer gegenseitig einen ihrer Unterschenkel als Eisbein. Zum anderen lässt sie nie die Tragik, den Schmerz und die Trauer vergessen, die Annika Schilling als Rita im Krankenhaus zu verarbeiten hat. Statt sich in Wehleidigkeit zu verlieren, gehen die drei Facetten der Figur am Ende, auch in einer höheren Bedeutungsebene, solidarisch ineinander auf.

Etwas von diesem Gefühl klang wohl auch im langanhaltenden Beifall am Schluss der Aufführung mit, die wohl keine der ganz großen Sternstunden des Theaters ist, aber in jedem Fall eine ehrliche und damit würdige Ehrung der Autorin.

Nächste Vorstellungen heute und am 30.Januar

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.01.2013

Tomas Petzold

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