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Chorjubiläum im Doppelpack

Kreuzchor Chorjubiläum im Doppelpack

Immer und immer wieder ist in Musiker- und insbesondere Sängerbiografien der Verweis auf mitteldeutsche Wurzeln zu finden. Das ist nach wie vor so – zum Glück! Und ab und zu hört man dann auch die Frage, warum das wohl so sei, dass viele der Besten eben gerade von hier kommen.

Dresden. Immer und immer wieder ist in Musiker- und insbesondere Sängerbiografien der Verweis auf mitteldeutsche Wurzeln zu finden. Das ist nach wie vor so – zum Glück! Und ab und zu hört man dann auch die Frage, warum das wohl so sei, dass viele der Besten eben gerade von hier kommen. Darauf gibt es vor allem eine Antwort: die große, über Jahrhunderte gewachsene Knabenchortradition, die der beste Humus für das Entstehen und Reifen wunderbarer Musiker ist. Man kann nur von Herzen wünschen, dass diese Voraussetzungen ungeachtet von Sparzwängen und sonstigen Querelen in unruhigen Zeiten weiter vorhanden sind und bleiben.

In der Vesper zum Sonntag Sexagesimae in der Kreuzkirche wurde die Qualität des Knabenchorgesangs wieder einmal sehr deutlich, traf doch die geballte Kraft von insgesamt 1700 Jahren Chortradition aufeinander. Die Geschichte des Dresdner Kreuzchores, der sich in seiner Jubiläumssaison (800 Jahre) befindet, ist eng mit der Stadt Dresden verbunden. Der Stadtsingechor Halle, der in dieser Vesper zu Gast war, ist sogar noch älter und wurde vor 900 Jahren, nämlich im Jahr 1116 im Zusammenhang mit dem Augustinerkloster Neuwerk erstmals erwähnt.

Für mich bedeutete diese Vesper so etwas wie die Begegnung mit eigener Vergangenheit und Gegenwart. Da sind zum einen die zahlreichen Vespern und Konzerte des Dresdner Kreuzchores, die ich nicht missen möchte. Andererseits denke ich auch gern an etliche Auftritte des Stadtsingechores zurück, die ich während meines Studiums in Halle genießen durfte.

Letzterer steht heute unter der Leitung eines ehemaligen Kruzianers, Clemens Flämig, und brachte zunächst eine kunstvolle barocke Motette „Meine Seele harrt auf dich“ von Johann Heinrich Rolle
mit. Ein schwebend leichter, sehr durchsichtiger Klang ist dem Chor eigen. Das zeigte sich auch in einer Psalmenvertonung des früheren Thomaskantors Moritz Hauptmann „Meine Seel‘ ist stille zu Gott“, die Clemens Flämig und sein Chor wunderbar sensibel darboten.

Höhepunkt des Einzelauftritts der Hallenser Gäste war zweifellos der vierstimmige Satz „O bone Jesu“, der in seiner Urfassung aus der Renaissance (Marc‘Antonio Ingegneri) stammt und für den hier eine auf Raumwirkung setzende Bearbeitung des Schweden Gunnar Eriksson ausgewählt worden war. Der Wiedergabe war klar anzumerken, dass es eben nicht um äußere Effekte beim Ausbreiten der Klangwellen ging, sondern das man mit Innigkeit zu beeindrucken wusste.

Der Dresdner Kreuzchor tummelte sich diesmal in den Gefilden der Spätromantik, Standard des Chorrepertoires – kernig, kraftvoll, homogen im Klang. Da waren Regers „Dein Wort, o Herr“ aus den 20 Responsorien und eine der zwei Motetten op. 29 von Brahms „Es ist das Heil uns kommen her“. Kreuzkantor Roderich Kreile legte ebenso viel Wert auf die in sich stimmige Überzeugungskraft des Chorals wie auf die genaue Ausformung der sich anschließenden Fuge.

Schließlich vereinigten beide Chöre unter der Leitung des Kreuzkantors ihre Stimmen. Und wer nun Angst hatte, dass die sozusagen doppelte Chorkraft undurchsichtigen, lauten Klangmulm hervorbringen würde, sah sich glücklicherweise getäuscht. Schlank, präzise und durchsichtig blieb es in Mendelssohn Bartholdys „Jauchzet dem Herrn alle Welt“, mündend in ein machtvolles Glaubensbekenntnis „Ehre sei dem Vater“. Und kann man Regers stilles Abendgebet „Nun sich der Tag geendet hat“ schlichter und feiner in den dynamischen Abstufungen singen? Das ist kaum vorstellbar und berührte deshalb umso mehr.

Kreuzorganist Holger Gehring steuerte überlegen und glanzvoll eines der ganz großen Orgelwerke der Literatur bei: Bachs Präludium und Fuge h-Moll BWV 544.

Beim Verlassen der Kirche empfing die Besucher das wundervolle Turmblasen von der Spitze der Kreuzkirche, das aber leider vom Krach der technischen Geräte der auf dem Altmarkt befindlichen Eisbahn gestört wurde.

Von Mareile Hanns

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