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Charpentiers Oper "Médée" an den Landesbühnen vor der Schablone heutiger Asylproblematik

Charpentiers Oper "Médée" an den Landesbühnen vor der Schablone heutiger Asylproblematik

Sieben Frauen kauern in gebeugter Geste auf der Bühne der Landesbühnen Sachsen. Sie warten, in graue Jacken und Röcke gehüllt, auf eine unbe- stimmte Zukunft.

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Silke Richter in der Titelpartie.

Quelle: Hagen König

Flüsternd erzählt der Bericht einer jungen Mutter aus Tschetschenien, wie sie vor der Männerge- walt in ihrer Heimat mit ihrer Tochter nach Deutschland flüchtete. Dann erklingt die Musik zu Marc-Antoine Charpentiers Oper "Médée" (1693), die Zauberin Medea tritt durch die Wand in diesen grauen Wartesaal - und setzt sich hin.

Jan Michael Horstmann hätte kaum einen aktuelleren Bezug finden können, um den Mythos der Medea auferstehen zu lassen. Er rückt Charpentiers vergessene Barockoper in den Rahmen heutiger Asylproblematik. Es ist vor allem das Motiv der unvorstellbaren Einsamkeit einer aus der Gesellschaft Ausgeschlossenen, mit dem Horstmann die 300 Jahre alte Oper geschickt ins Heute holt. Schon 2007 stand er am Pult der Mittelsächsischen Philharmonie, als die Oper am Theater Freiberg deutsche Erstaufführung feierte. Nun beschenkt Horstmann als Regisseur und musikalischer Leiter der Elbland Philharmonie Sachsen auch Radebeul mit dieser lohnenden Wiederentdeckung.

Die Geschichte von der Zauberin Médée, die in Korinth Asyl begehrt, verstoßen wird und aus Rache an ihrem treulosen Mann Jason ihre Söhne mordet, bleibt im Kern der Inszenierung immer Erzählung. Die Amme Nérine (Antje Kahn) schafft dabei als Erzählerin gleichsam Zugang zum mythischen Stoff und dessen Vorgeschichte, ist Bindeglied zwischen Musik und Handlung, Mythos und Realität.

Stefan Wiel hat die Bühne in jenen grauen Behördenbau verwandelt, in dem Médée eingeschlossen ist. Ein kleines Fenster, ganz oben in der rechten Ecke gibt ab und an den Blick ins Innere des Regierungssystems von König Créon frei - für sie unerreichbar. Sie ist ausgeliefert in diesem Land, das von männlichen Machtstrukturen regiert wird. Silke Richter lässt die ganze Palette heftiger Gefühle, denen diese Médée ausgesetzt ist, in ihrem kräftigen Mezzosopran aufflackern, macht Wut und verbitterte Verzweiflung hörbar. Dabei gelingt es ihr wunderbar, die sprachliche Schönheit des Französischen auch gesanglich auszumalen.

Peter Diebschlag steht dem Zauberweib als Jason stimmlich mit seiner kühlen Tenorpartie entgegen. Er lässt die männliche Härte in seiner Stimme widerhallen, erst in der Abschiedsszene mit seiner Geliebten Créuse schimmert da etwas Gefühlvolles durch. Die Szene, in der Créuse an dem von Médée vergifteten Kleid zugrunde geht, gelingt ihm und Miriam Sabba wunderbar ergreifend.

Überhaupt schaffte Jan Michael Horstmann mit Musik und Inszenierung viele schöne Momente, die erneut die Frage aufwerfen, warum diese Oper so lange im Dunkel des Vergessens verschwand. Der Stoff ist zeitlos, die Mu- sik von einer für den französischen Barock ungewöhnlichen Melodiösität getragen. Horstmann holt am Pult alle Facetten der Partitur aus dem Orchester heraus, das von einem Continuo auf historischen Instrumenten noch gedoppelt wird.

Dazu spielt diese Inszenierung auch mit den Eigenheiten barocker französischer Operntradition. Da wandelt sich der Chor mehr als nur einmal in den Intermezzi zum Ballett und bei einem bunten Fest zu Ehren von Créuse taucht plötzlich ein läppischer Amor auf. Das ist alles andere als die strenge, klassische Form. Dafür ist es überzogen komisch und lockert den schwermütigen Stoff unheimlich auf. Für kurze Augenblicke wird aus dieser "Médée" das, was sie sicher auch am Hofe des Sonnenkönigs einmal war: köstliche, ja fest übertriebene Unterhaltung. Die Inszenierung findet so ihre ganz eigene Sprache - irgendwo zwischen zauberhaftem Märchen und grausamen Mythos.

Erst nach der Pause verwandelt sich Médée in eine erzürnte Zauberin im roten Glitzerkleid (Kostüm: Berit Mohr). Sie schwört auf der düsteren Bühne die Rachegötter an, lässt Gewitterstürme aus dem Orchestergraben aufsteigen. Hier ist der Umschlagpunkt des Ganzen erreicht - Médées große Arie im dritten Akt ist zweifelsohne der Höhepunkt dieser Oper. Am Ende steht Médée über dem Wartesaal im Fenster, blickt auf ihren traurigen Triumph. Die wartenden Asylsuchenden kehren zurück - und der Vorhang fällt, etwas abrupt an dieser Stelle, aber gefolgt von großem, verdientem Premierenapplaus.

nächste Aufführungen: 29.5., 19 Uhr; 3.6., 19.30 Uhr www.landesbuehnen-sachsen.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.05.2014

Nicole Czwerwinka

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