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"Charlotte Corday" als Opernpremiere am Mittelsächsischen Theater in Döbeln

"Charlotte Corday" als Opernpremiere am Mittelsächsischen Theater in Döbeln

Paris, 13. Juli 1793. Die junge Landadlige Charlotte Corday kommt nach Paris. Es ist der Vortag des Jahrestages der Revolution. Sie hat einen Plan, sie will Jean Paul Marat ermorden und kauft sich ein Messer.

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Raonic Lukovic, Lilia Milek und Ensemble in "Charlotte Corday".

Quelle: René Jungnickel

Für sie hat der blutige Revolutionär mit seinen Säuberungsmethoden und dem unerbittlichen Vorgehen gegen geringsten Widerspruch die Revolution längst verraten. Sie plant den gerechten Mord. Und sie plant, diesen Mord am Jahrestag der Revolution zu begehen. Weil sie aber schon einen Tag zuvor unter dem Vorwand, sie habe eine Liste mit den Namen gefährlicher Verräter der Revolution, bei Marat vorgelassen wird, nimmt sie die Gelegenheit wahr und sticht dreimal zu. Marat verblutet, man kennt das Gemälde von Jacques-Louis David mit dem Sterbenden in der Badewanne.

Anlässlich des 200. Jubiläums der Französischen Revolution erhielt der 1951 geborene italienische Komponist Lorenzo Ferrero den Auftrag, eine Oper für das römische Opernhaus zu komponieren, wo "Charlotte Corday" 1989 dann auch uraufgeführt wurde. Jetzt hatte diese Oper in deutscher Übersetzung am Mittelsächsischen Theater in Döbeln Premiere, der Komponist war anwesend.

Zusammen mit seinem Librettisten Giuseppe di Leva geht er von den historischen Ereignissen aus, nimmt sich aber die Freiheit und lässt die Mörderin und ihr späteres Opfer zuvor schon zwei Mal zusammentreffen. Charlotte Corday scheint einen anderen Feind im Kopf gehabt zu haben und nutzt zunächst die Gelegenheiten nicht, ihre Tat zu vollbringen. Der Marat in der Oper ist ein gebrochener, kranker Mann, dem es zu widerstreben scheint, dass die sogenannten Errungenschaften der Revolution nur durch ein Heer von Spitzeln und Überwachern, selbstverständlich zum Wohle des Volkes, verteidigt werden können. Das Volk macht keinen glücklichen, geschweige denn freien Eindruck, und die Kinder spielen mit Vorliebe Hinrichtungen nach. So werden aus den Widersachern fast Seelenverwandte, und Marat leistet keinen Widerstand, der Mord an ihm wird fast zu einem Akt der Erlösung. Das ist so interessant wie ambivalent, und die Frage, ob diese Mörderin ein Engel der Gerechtigkeit oder eine kriminelle Terroristin ist, müssen die Zuschauer für sich entscheiden.

Dass der Komponist Lorenzo Ferrero Italiener ist, kann man nicht überhören, dass er die Operntraditionen seines Landes verehrt, auch nicht. Hier wird melodisch gemordet. Und alles ist dabei, die große Arie, das Duett, Ensembles und Chorszenen. Üppiger, aufbrausender Orchesterklang, aber auch die fein und zart empfundene Musik seelischer Verunsicherung. Keine Kopien, aber Verneigungen vor den großen Kollegen. Beim besonders eindrücklichen Vorspiel zum dritten Akt könnte man meinen, Puccini wäre nach Hollywood gekommen, so könnte seine Filmmusik klingen.

Da ist der Dirigent Jan Michael Horstmann voll in seinem melodischen Element, die Musiker der Mittelsächsischen Philharmonie reizen die Vorgabe mit Genuss aus, nur die akustischen Möglichkeiten des kleinen Theaters setzen gelegentlich Grenzen. Alle Partien sind mit Solisten des Theaters besetzt, und alle hinterlassen besonders in den anspruchsvollen Hauptpartien erfreuliche Eindrücke.

Lilia Milek als Charlotte Corday ist die Unschuld vom Lande mit dem Messer im Gewand und meistert diese fordernde, große Partie mit etlichen Ausflügen in die höheren und höchsten Regionen. Als Jean Paul Marat überzeugt Sergio Raonic Lukovic, musikalisch nicht so reich bedacht wie seine Widersacherin. Seinen Leibwächter Gaston singt und spielt Guido Kunze. Das ist eine musikalisch und charakterlich interessante Figur, eine Art Kleinbürger, der um jeden Preis verteidigt, was sein Arbeitgeber, also die Verwalter der Revolution, von ihm verlangen, ein Mann der immer singt, was richtig klingt, und fleißig für die gerechte Sache jeden falschen Ton der anderen denunziert. Christoph Schröter als zweifelnder Abgeordneter der Girondisten bekommt das zu spüren, und als Tenor kann er auch ein wenig schmachten und leiden, denn Charlotte ist keinesfalls seinetwegen nach Paris gekommen.

Natürlich wartet man auf die berühmte Szene, Marat in der Wanne, die Mörderin mit dem Messer. Hier gibt es eine interessante Idee des Bühnenbildners Tilo Staudte und der Regisseurin Judica Semmler: Marats Wanne ist in den Boden eingelassen, der Revolutionär sitzt im Wannengrab. Der Mord wird wie ein Ritual vollzogen, und wie nach absolviertem Liebesakt legt sich die Mörderin in den erschlafften Arm des Ermordeten. Hier ist die Inszenierung auch am dichtesten, zuvor, gerade bei den Szenen des Volkes, das ja total verunsichert ist, hätte es von der Personenführung her etwas genauer zugehen können. Aber die Handlung wird ablesbar, das ist wichtig. Wichtig wäre auch die Möglichkeit gewesen, durch Übertitelung den Text besser mitverfolgen zu können.

Am Ende für das Theater in Döbeln ein großer Abend. Nicht, dass man mit diesem Werk die ganz große Entdeckung erlebt hätte, aber - und das macht den empfehlenswerten Erfolg dieser Premiere aus - dass dieses Genre lebendig ist und dass vor allem ein Theater lebendig ist, wenn es mutig ist und Wagnisse eingeht.

Aufführung im Theater Döbeln: 5.5.

Im Theater Freiberg: 11., 14., 17. und 30. 5.; 1. und 7. 6.

www.mittelsaechsisches-theater.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.05.2013

Boris Michel Gruhl

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