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Casper impft sein Dresdner Publikum mit aufrüttelnden Texten

Casper impft sein Dresdner Publikum mit aufrüttelnden Texten

Musik und das passende Gefühl gibt es heute längst nicht mehr, nur während eines Konzertes oder sterilisiert über einen mp3-File, Musik und die dazugehörige Atmosphäre lässt sich überall konsumieren.

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Casper ist ein Trendsetter, was jugenddynamische Unterhaltungsmusik angeht, und er sorgt für volle Häuser, auch in der Dresdner Reithalle.

Quelle: Dietrich Flechtner

Videos werden zum Download hinterlegt, Foren zum Gedankenaustausch gepflegt. Was vor wenigen Jahren noch der versteckte Mitschnitt war, ist heute ein Video. Damals geächtet, weil möglicherweise die Verbreitung die Anzahl der verkaufbaren Datenträger minimierte, sind heute die Clips Markenzeichen, schrille und authentische Trailer.

Die Pfade, auf denen alle Konzerthöhepunkte nachgeschaut werden können, sind allen bekannt, wenn sie sich nur etwas für Jugendkultur interessieren. Nur Konsumieren ist absolut out, und es geht darum, mit interessanten Einfällen Hunderte von Pageimpressions zu generieren. Das Heer derer, die permanent ein Smartphone im Anschlag haben und alles verbreiten, was ihnen vor die Objektive huscht, ist groß, und ganz vorn auf ihrer Motivliste stehen Partys und Konzerte. Meist Auftritte von Idolen, einer Post-MTV-Ära, mit denen die Generation Stromgitarre samt ihrer Bob-Dylan-Sozialisation nichts anfangen kann.

Casper ist ein Trendsetter, was jugenddynamische Unterhaltungsmusik angeht. Seine Auftritte sind schwer angesagt, und was er auf der Bühne verbreitet, wird mit Respekt aufgenommen. Hunderte von Teenagern belagerten so auch die Reithalle auf dem Gelände der Straße E, schon lange, bevor von der Bühne auch nur ein Wort erklang. Zu Beginn des Konzertes dann war kaum noch eine Bewegungsmöglichkeit, immer deutlicher wurde, was damit gemeint sein muss, wenn "Der Druck steigt", denn dieser Song ist das unüberhörbare Credo, das der Sänger immer wieder propagiert. Es ist ein Stück Musikkultur, das ganz eindrucksvoll die Gefühlslage der "Versager mit Stil" widerspiegelt, deren Leitfiguren vor der Tristesse des Alltages immer wieder verschwinden, die nach "Flatrate Liebe" suchen und in deren Herzen sich Wut aufstaut. Der Aufruf "Holen ab jetzt zurück, was uns gehört!" wird vor dem Hintergrund nur allzu gut verstanden und mit dem Brustton der Überzeugung aus einigen hundert Mündern mitgesungen. Solche Texte bedürfen nahezu keines Kommentars, weder für die Fans noch für diejenigen, die gern wissen wollen, wie sich heute Jugend anfühlen mag.

Zum verbalen Schlag setzte Casper noch einen drauf, stieg in dichtem blauen Dunst auf die Bühne, und ganz langsam wurden die Wolfsmasken aller Musiker sichtbar, aus deren Augen zwei spitze Lichter den Nebel durchbohrten, "Lauf, lauf um dein Leben!" war die dazu passende Aufforderung. Kurz darauf fuhren die Bässe direkt in die Magengrube und signalisierten: "die Wölfe sind los und woll'n das Blut seh'n". Jeder Satz, jede Geste provokant, aber auch auffallend deskriptiv, nicht unbedingt auf Rap und HipHop-Allüren fixiert, stattdessen fügte sich mit Abwechslung ein angenehm vollständiges Bild zusammen, "So und so" angereichert mit vielen scharfen Momenten, die sich bisweilen in Sentimentalität ergossen und ein Auge für den Nachbarn öffneten. Denn so übertrieben cool sich die Akteure auf und vor der Bühne gern gaben, auf ihren Wortwitz und die Verbalattacken verlassen konnten, gern breitbrüstig in den Weg stellten und den Konkurrenten aktiv in die Schranken wiesen - so beeindruckend reagierte Casper auch, als die Wellenbrecher dem Druck der Massen nicht mehr standhielten und einigen das Bewusstsein aus der schmalen Brust gedrückt wurde. In diesem Moment war die Inszenierung nebensächlich, die vom Publikum geforderte Gasse, die signalisieren sollte "Die Welt zerbricht in zwei Teile" zweitrangig, denn das schwungvolle Aufeinanderzubewegen sorgte mangels Ausweichmöglichkeiten und steigendem Druck für Ohnmachtsanfälle. Die Show wurde im zweiten Drittel unterbrochen und nahm nach der Pause nicht mehr die ursprüngliche Fahrt auf.

Was blieb, war mehr als eine schnöde Momentaufnahme einiger Großstadtrapper, die natürlich auch ihren "Mein Block"-Fetisch pflegen wollten. Casper konnte erklären, mit ganz unterschiedlichen Stilistiken und der Interaktion zwischen ihm und den Menschen, deren Leben seine Texte sind.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 24.10.2011

Stephan Wiegand

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