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Carsten Gille zeigt seine Arbeiten in der Galerie der Sächsischen Landesärztekammer in Dresden

Carsten Gille zeigt seine Arbeiten in der Galerie der Sächsischen Landesärztekammer in Dresden

Farbe besetzt Leinwände und Papiere und beseelt die Bildräume ganz unschüchtern und mit Nachdruck. Carsten Gille zeigt seine Arbeiten in der Galerie der Sächsischen Landesärztekammer.

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Carsten Gille. Krumme Lake. 2011. Öl auf Leinwand.

Quelle: Repro: Carsten Gille

Er ist ein Künstler, der sich der Malerei verschrieben hat und mit ihr der Farbe als einem lebendig bewegten Naturelement. Ob Gärten, Landschaften, literarische Interpretationen, biblische Themen, Szenen des Alltags oder das Spiel mit Farbflächen, die Bilderfindungen von Carsten Gille besitzen immer eine eigenwillige Poesie, die sich an den Erkenntnissen der klassischen Moderne reibt.

"De rerum natura" - über die Natur der Dinge, nennt der Künstler selbstbewusst diese Ausstellung, als handle es sich um ein Traktat über die Malerei. Und so ist es auch, in Anlehnung an das aus dem 1. Jahrhundert v.Chr. stammende Lehrgedicht des römischen Dichters und Philosophen Titus Lucretius Carus, genannt Lukrez, der in seiner naturphilosophischen Abhandlung dem Menschen Gemütsruhe und Gelassenheit vermitteln wollte, um ihm die Furcht vor dem Tod und den Göttern zu nehmen. Diese materialistische Herangehensweise war verbunden mit der Einsicht, dass die Unkenntnis des Menschen über seine Stellung in der Welt, über die Natur, durch Aufklärung überwunden werden kann. Welche aufklärerischen Absichten kann man nun Carsten Gille unterstellen?

Den durch tausend morsche Konventionen erstickten und verschütteten Kern des künstlerischen Lebendigseins ist er mit analytischem Verstand und logischer Schlussfolgerung auf der Spur. Um die einfache große Kraft von Farben unmittelbar gegenwärtig zu machen, darf man nicht Erscheinungen beschreiben, sondern muss Zeichen aus einfachen Formen und energiebewegten Farben setzen. Für den Betrachter gibt es kein Ausweichen hier in der Ausstellung, entweder wird er Opfer der sichtbaren Farbkultur oder beherzter Gegner.

Malerei ist für Carsten Gille ein Bekenntnis. Er ist ein Philosoph unter den Malern, ein Realist unter den Träumern, der die Befreiung der Malerei an den Gegenstand bindet. Ein durchaus romantischer Aspekt in seiner Arbeit, der seiner intelligenten Neugier und Experimentierfreudigkeit keinen Abbruch tut.

Er malt nicht seine Gefühle, sondern malt, um Gefühle zu erzeugen. Die Farbkontraste und deren Rhythmus sind gebunden an irrationale Landschaften, die er so nie gesehen hat und die man so auch niemals wirklich sehen wird. Er ist kein Pleinairist, der mit der Staffelei unter dem Arm beglückt in die Natur zieht, um sich beeindrucken zu lassen. Er ist nicht daran interessiert, mit den Landschaften die Weltseele bloßzulegen. Ihn interessiert die Fähigkeit von Farbe, Räume erlebbar zu machen, Volumina zu entwickeln. Farben werden einer Disziplin und einem eigenwilligen Ordnungssystem unterworfen, das nicht ihrer eigengesetzlichen Natur widerspricht. Farben wollen auch nichts über sich selbst hinaus ausdrücken und bedeuten, aber indem sie ihren besonderen Eigenwert darstellen, rufen sie zugleich Erscheinungen hervor, in deren Spannung das Verhältnis des Ich zur Welt sowohl beleuchtet, als auch im ästhetischen Gleichgewicht aufgehoben wird. Carsten Gille tarnt seine abstrakten Farbkompositionen demzufolge im Schafspelz der Landschaftsmalerei.

Ihn interessiert die Synthese von Form und Malkultur, ohne den Inhalt überzubewerten. Ihn interessiert der Zusammenhang von Rhythmus und Gegenrhythmus, von Klangfarben, von Komplementärkontrasten, von Raum und Fläche, von Licht und Schatten. Und dennoch verführt Carsten Gille mit seinen Arbeiten, denen er eindeutig landschaftsbezogene Titel gibt: Nest, Am See, Waldlandschaft, Teich, Sumpf, Waldrand, Landschaft, Frau mit Boot. Wir stehen also einem Traktat über die Malerei in Bildern gegenüber. Das ist die Natur der Dinge eines Malers. Carsten Gille liebt die Metamorphose und gelangt von einer Abstraktion zu einer konkreten Wirklichkeit.

1959 in Berlin geboren, studierte Carsten Gille in Dresden. Gewachsen ist er an der Berliner Malkultur um Harald Metzkes, Lothar Böhme und Hans Vent. Gille lebt und arbeitet seit 1982 freischaffend, umgeben von einem Landschaftsparadies, auf dem Hofefeld in Frauenstein, wo er mit seiner Frau gemeinsam in der ausgebauten Scheune eine namhafte Sommergalerie seit 1996 führt.

Fasziniert, mitunter irritiert, aber immer überrascht, taucht man als Betrachter in seinen Mikrokosmos lebendiger Landschaftsvariationen und -improvisationen ein. Gilles Kunst scheint erhaben über eine räumliche und zeitliche Messbarbeit. Vertrautes und Imaginäres, Findungen und Erfindungen sind miteinander im Dreiklang von Gelb, Blau und Grün mit feinsten Lichtern von Orange und Rosarot. Es lebt das Prinzip von Makro- und Mikrokosmos in diesen Irrgärten, den Farbfeldern. Fremdheiten bilden Zusammenhänge, in denen wir entfernte Zeiten und nahe Wirklichkeiten gleichzeitig erleben. Und doch wahren die Arbeiten ihre Geheimnisse. Und somit sensibilisiert Carsten Gille den Betrachter, der verweilt, für das Dahinter, Dazwischen.

Der Künstler liebt keine Pathosformeln oder unüberlegte leidenschaftliche Ausbrüche. Mit einer beachtlichen Konsequenz in der Reduktion von Farben verarbeitet er seine Erfahrungen und Erinnerungen und das oft mit serieller Hingabe.

In den Bildern herrscht das intellektuelle Klima eines Erkenntnisprozesses, genährt vom Augensinn der Erfahrung. Alles Erklärende ist weggelassen. Landschaftserfahrung offenbart sich in der Kosmologie der Bilder als etwas Elementares. Und doch wird aus Nähe und Ferne, Struktur und Farbfläche, Prägnanz und Andeutung, aus Farbklang und Atmosphäre letztlich doch eine persönliche Erlebniswelt spürbar, ganz besonders auf den Papierarbeiten. Zu einem melancholischen Grundton gesellt sich ein heiter musikalischer Aspekt, wenn Rosé und Ocker komponiert werden. So entsteht ein Klangbild von Jahreszeiten, von Hingabe an die Malerei, von Traum und Stille, von Bewegung und Veränderung, vom Werden und Vergehen.

bis 24. März, Sächsische Landesärztekammer, Schützenhöhe 16

geöffnet Mo-Fr 9-18 Uhr

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.03.2013

Karin Weber

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