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Carolin Kebekus gastierte im Dresdner Wechselbad

Carolin Kebekus gastierte im Dresdner Wechselbad

Oh, wie sie das satt hat! Diese Frage des Kellners im Restaurant, immer "schön" dem Klischee verpflichtet. Nein, Salat und Prosecco sind nicht für die Dame, die kriegt das Bier und den Hackbraten.

Carolin Kebekus ist auch sonst ein bisschen anders. Man hat sich ja dran gewöhnt, dass die Mädels von heute zwar nicht mehr kochen können wie ihre Mütter, dafür aber saufen wie ihre Väter. Kebekus tritt seit geraumer Zeit dagegen an und nun auch im Wechselbad, dass sie darüber hinaus pöbelnd, brüllend, motzend und mit Kraftausdrücken um sich werfend auch "auf dicke Hose" machen können wie die Kerle.

Nun ist Kebekus aber nun mal zumindest optisch eindeutig eine Frau, also ein "Mensch mit Menstruationshintergrund". Insofern bleibt ihr nur die Rolle der "Bitch", die auf der Straße "Pussy Terror" verbreitet, den Abend mit einem fetten Gangsta-Rap eröffnend, der noch altgedienten Zuhältern die Schamesröte ins Gesicht treibt, frei nach dem Motto "Was Bushido kann, kann Mushido schon lange!"

Philologen wie zart besaitete Zeitgenossen, die ob der rüden Fäkal- und Schimpfwortkanonaden pikiert flüchten könnten, sind im Wechselbad nicht da. Es ist eindeutig eine Fangemeinde, die sich über die verbale Kraftmeierei des zwar in Bergisch-Gladbach geborenen, trotz dieses Makels aber durch und durch kölschen Mädels mit großer Klappe amüsiert. Angeblich kommt sie aus dem rechtsrheinischen Köln-Ostheim, also von der Schäl Sick (rheinisch für "scheele/​falsche Seite"). Von dort, wo wie in anderen Veedels und Vorstädten das multikulturelle Leben zu einer brisanten Mixtur hochgeköchelt ist, wo achtjährige Steppkes mit und ohne Migrationshintergrund auf dicken Max machen, allerdings die den großen Brüdern abgelauschten eindeutigen Offerten falsch verstanden haben: "Hei, du Ohrensohn. Ich schicke Dich! Und ich schicke deine Mutter!" Dass Kebekus die Chuzpe hat, sich auch sonst ein ums andere Mal über die von ihr schlichtweg als "hässlich" bezeichnete Heimatstadt Köln inklusive Karneval und ins Mafiöse hinein spielendem Klüngel lustig zu machen, zeugt durchaus von Größe. Da könnten sich hiesige Lobhudler mal ne Scheibe abschneiden.

Eine Art modernistische Emanzen-Comedy ist es eindeutig nicht, die Kebekus betreibt. Die Naivität vieler Geschlechtsgenossinnen, die sich jedem modischen Mist unterwerfen, ob nun Röhrenjeans oder Botox-to-Go, geht der Stand-Up-Comedienne ebenso auf die Nerven, wie das Macho-Gehabe der Männer. Sie kann auch jederzeit das Tempo wechseln, von Zote auf facettenreiche Gesellschaftskritik, gespickt mit süffisanten Spitzen, umschalten.

Wenn sie in die Kloaken der deutschen Fernsehstars abtaucht, mit variationsreicher Körpersprache und lebendigem Mienenspiel über kleingeistige Größen à la Bohlen und seinem öffentlich praktizierten Sexismus vom Leder zieht, über Supermodels und Castingshow-"Stars" lästert, dann wird sie richtig gut. Dann zeigt sich, dass die süße Prolltussi nur gespielt ist, Kebekus auch eine ausgezeichnete, charmante und hintersinnige Kabarettistin zu sein vermag. Bloß weil eine auf Bitch macht, muss sie noch lange nicht ohne Sinn für Moral sein. Und wenn auch sich nur eine Handvoll Leute im Saal ertappt fühlt, die Augen geöffnet bekommt, dann wäre schon viel gewonnen.

Kebekus Ansatz ist schon von anderem Kaliber als das übliche Politkabarett, wo die üblichen Verdächtigen ihre ohnehin schon feststehenden Überzeugungen bequem und billig bestätigt bekommen. Christian Ruf

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 01.11.2012

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