Volltextsuche über das Angebot:

8 ° / 4 ° Regenschauer

Navigation:
Google+
Cameron Carpenter und seine "Touring Organ" im Alten Schlachthof

Cameron Carpenter und seine "Touring Organ" im Alten Schlachthof

Und da dachte man, schon Kontrabassisten und Schlagzeuger haben es schwer. Noch gestrafter als die Genannten ist beim Transport des Instruments der Amerikaner Cameron Carpenter, denn der reist mit eigener Orgel.

Voriger Artikel
Tssst-tseng-plock! - Matmos mit Martin C. Schmidt und Drew Daniel waren im Dresdner Beatpol
Nächster Artikel
Palais-Sommer-Organisatoren wollen Festival-Kosten per Crowdfunding einwerben

Cameron Carpenter an seiner Orgel im Alten Schlachthof.

Quelle: Oliver Killig

Von Zeit zu Zeit verordnet sich der Klassikbetrieb eine Frischzellenkur und setzt seiner zahlenden Kundschaft neue Staranwärter vor. Diese sind (wie der 33-jährige Carpenter) meist gefühlte 22 Jahre alt, was in seinem Fall aber auch den einzigen Bezug zu den Goldenen 20ern der diesjährigen Musikfestspiele darstellte. Carpenter, dessen Agentur ihn irgendwo zwischen David Garrett und Phantom-der-Oper mit Verstärker positioniert, gibt inmitten seiner futuristisch-imposanten, selbst konzipierten "Touring Organ" wacker den unangepassten, genialischen Punk, womit er bei den Besuchern seines ausverkauften Konzerts im Alten Schlachthof offene Türen einrennt. Das Publikum folgt ihm begeistert in der Vermutung, das zentrale Defizit der klassischen Orgelschule bestehe im fehlenden freien Blick auf den Interpreten, und wird mit gut 100 Minuten bester Sicht auf das klitschnasse Hemd des Orgelpfeifen-Paganinis belohnt.

Carpenters Fähigkeiten sind unbestritten, allerdings ist er mit seinen nuancierteren Interpretationen aus dem modernen Orgelrepertoire im Alten Schlachthof in etwa so gut aufgehoben sind wie ein Bocuse-Schüler in der McDonald's-Küche. Herausragend gelingen ihm Marcel Duprés Variationen über ein altes Weihnachtslied, den Abend dominieren freilich Carpenters gänzlich der eigenen Virtuosität verpflichtete Arrangements, denn wenn es nicht mindestens im 5-Minuten-Takt Anlass gäbe, filigranen Effekt und Schwerstarbeit zu bestaunen, man ginge so traurig nach Hause wie nach einem Rolling-Stones-Abend ohne "Satisfaction".

Entsprechend greifen auch andere Gesetze der Bewertung - als Ein-Mann-Zirkus muss Carpenter (der auch eine "Hommage an Klaus Kinski" im Repertoire führt) Dompteur, Raubtier, Clown und menschliche Kanonenkugel in einer Person sein und für jeden brav vorgetragenen César Franck mit einer wilden Etüde oder mindestens einem sprunghaften Mozart (hier die Dürnitz-Sonate) entlohnen. Beim Schweinsgalopp durch Albéniz, Bernstein, Burt Bacharach und Eigenkompositionen wird alles der Selbstinszenierung unterworfen: der Irokesenschnitt und das Liberace-Gedenk-Schuhwerk, die kokette Demutsgeste nach jedem Applaus, der verspätete Beginn sowie das In-den-Wind-Schießen der im Programmheft versprochenen Stückfolge. Bachs schweres e-Moll-Präludium mit Fuge würde die Luft im Schlachthof noch schwerer machen und weicht einer leichten Triosonate, als Zugabe gibt es mit viel Donner und Blitz den 3. Satz aus Tschaikowskis "Pathétique".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.06.2014

Wieland Schwanebeck

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr