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Cage und der Zufall: Wochenendspektakel bei den TonLagen in Dresden-Hellerau

Cage und der Zufall: Wochenendspektakel bei den TonLagen in Dresden-Hellerau

Zur Heimfahrt auf dem Fahrrad wird das Knistern des Herbstlaubs unter den Reifen zu Musik. Aha, zwei Tage Intensivkurs John Cage bei den TonLagen in Hellerau zeigen Wirkung.

"Ich mag Geräusche wie auch Einzeltöne", bekennt der einstige Musikrebell in seinem köstlichen "Vortrag über Nichts" von 1950. Der enthält durchaus etwas, nämlich grundlegende Aussagen zu Struktur, Form, Tonalität oder über sein Verhältnis zum geschmähten Beethoven. Wenn es an diesem Cage-Wochenendmarathon überhaupt etwas zu kritteln gibt, dann vielleicht an der finalen Platzierung eben dieses Vortrags zu mitternächtlicher Stunde am Sonntagmorgen. Nur noch wenige aufnahmefähige Enthusiasten vermochten rund zwei Stunden lang Markus Boysen und der phänomenalen Pianistin Pi-Hsien Chen mit "Music of Changes" zu folgen.

Aber auf Schlüsselelemente der Musikrevolution durch den 1912 geborenen und 1992 verstorbenen Cage hatten schließlich schon beim TonLagen-Prolog am Montag Dresdner und Meißner Schüler eingestimmt (DNN berichteten). Und für den theoretischen Teil war am Freitagabend das mobile "Kunstwissenschaftliche Beratungsbüro" zuständig. Raoul Mörchen und der Norweger Trond Reinholdtsen im lautsprecherverstärkten Funk-Ferndisput etwa über den räumlichen Rahmen von Musik, über Harmonie und Klang. Später öffnete Reinholdtsen im Obergeschoss sein "Cageanisches Institut für Panik und Kritik" mit einem Postkasten für jedermann und offen für jede Form der ernsthaften oder scherzhaften Unterredung.

Solche Ideen nahmen dem allein schon vom Umfang her respektheischenden Unterfangen des Europäischen Zentrums der Künste Hellerau etwas von der drohenden Schwere, dem allzu großen Respekt vor den Rätseln, die Cage nach wie vor aufgibt und die auch etwas mit dessen bewusstem Spiel mit dem Zufall und dem scheinbaren Nichts, der Stille, zu tun haben. Ernsthaftigkeit war bei Musikern, Performern und Sprechern allenthalben spürbar. Was nicht ausschließt, dass man Cage zur Not auch bei vorübergehendem Lichtausfall oder zumindest auf der Bratsche auch mit einem verbundenen Finger hinbekommt. Beim Publikum hätte der feierliche Ernst gern etwas häufiger von dem Schalk abgelöst werden können, der Cage ja auch im Nacken saß.

Denn Gelegenheit zur Mitwirkung bekamen die Besucher in Hellerau reichlich. Nicht nur nach der Auftaktrunde am Freitagabend, als statt Würfel oder Münze der Griff in die Zettelkiste darüber entschied, ob man in den drei Stunden bis Mitternacht der blauen oder roten Route durch das Festspielhaus nachgehen sollte. Das hatte für die "Blauen" leider zur Folge, dass man Olaf Bär als Sprecher in "45'" verpasste. Dafür erinnerte "Variations III" mit dem ELOLE-Klaviertrio sehr an das erste Happening von 1952, unter anderem wegen der Verwendung einer Leiter.

"Publikumspartituren" gaben Aktionen vor, laufen, klatschen, deklamieren, zumeist in "eigener Zeit" und daher ungeprobt konfus wirkend. Zwischendurch Texte über die Kettenschifffahrt, über Pilze und aus Adornos "Ästhetischer Erziehung". Das berühmte "Vexations"-Thema von Eric Satie wurde allerdings nicht 840-mal wiederholt, und exakt zum Ablauf der vorgesehenen 45 Minuten Dauer klatschte eine couragierte Hörerin das Programm nach Stoppuhr zu Ende.

Die allgegenwärtigen Uhren! John Cage war ein Liberalist, musikalisch wie politisch. Während der laufenden "Song books" war das Bekenntnis seines Freundes Henry Thoreau zu hören, das er sich zu Eigen machte: "The best government is no government at all!" Aber im Tribut an die allmächtige Zeit findet die Freiheit bei Cage ihre Grenzen, gerät oft zu einem Diktat der Sekundenanzeige. Mit Beginn der 50er Jahre löste er sich zwar von Partitur und oft auch vom Notenbild. Bei den "Song Books" erinnert die Notation an bunte Spaghetti, aber exakte Zeitangaben finden sich allemal. "Seventy-Four" mit der Dresdner Philharmonie am Sonnabend dauerte exakt 12 Minuten. Auch die zwei Huskies, die Manos Tsangaris dazu auf der Galerie mehr oder weniger regelmäßig passieren ließ, sollten Zeitgliederung symbolisieren. Nur die Stille-Komposition "4'33''" überzog wegen der "Satz- pausen" um eine runde Minute. Die Philharmonie bot sozusagen ein Schlüsselkonzert zu Cage, das mit "The Seasons" von 1947 noch einen frühen, postromantischen oder impressionistischen Cage brachte. "Atlas Eclipticalis", das als orchestrales Hauptwerk gilt, zeigte einmal mehr, dass nach einem formalen Prinzip konstruierte Kompositionen ihre eigene Ästhetik entfalten können. Diese Übertragung von Sternenkarten veranschaulichte Manos Tsangaris dann noch mit blinkender Pultbeleuchtung bei den 86 Musikern, Pulsare und schwarze Löcher meinetwegen. Darüber hinaus aber waren die Erwartungen an seine Raumillustration und -illumination zu den vier Cage-Werken wohl etwas überzogen.

Der direkte Vergleich mit trockenen CD-Produktionen legt dennoch den Schluss nahe, dass man Cage möglichst live erleben muss. Dieses Non-Stop-Cage-Wochenende lebte von der Performance. Wenn man so will, war auch der Pilz-Spaziergang mit rund 20 Interessenten ein Teil dieser Performance. Die Kommune bei New York, in der Cage ab 1954 lebte, ernährte sich möglichst auf diese natürliche Weise. Cellist Jan Vogler, der diese Leidenschaft mit Cage teilt, fand trotz angeschlagener Gesundheit in der Heide Genießbares und lieferte am Mittag mit einem der "One"-Stücke eine bewundernswert konzentrierte Leistung.

Wer sich am Sonnabend um Mitternacht zu einer Art Abschlussplenum im Festsaal auf die Kissen niederließ, erlebte noch einen bruchlosen Übergang von Cage zu Bach. Wohl dem runden Dutzend Rucksackgäste, die nach eineinhalb Stunden Goldberg-Variationen, von der liebenswürdigen Psi-Hsien Chen auswendig interpretiert, ihre Trance direkt in den Schlafsaal eine Treppe höher mitnehmen konnten!

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 08.10.2012

Michael Bartsch

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