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Burghart Klaußner inszeniert mit „Terror“ das Stück der Saison

"Ich rede schon wie ein Politiker" Burghart Klaußner inszeniert mit „Terror“ das Stück der Saison

Vor wenigen Tagen hat er den Bayerischen Filmpreis als bester Darsteller gewonnen, für die Hauptrolle in „Der Staat gegen Fritz Bauer“. In Dresden inszeniert er das Stück des Jahres schlechthin: „Terror“ von Ferdinand von Schirach. Bei der Premiere am Donnerstag steht Klaußner mit auf der Bühne.

Eigentlich wollte Burghart Klaußner nie etwas anderes werden als Schauspieler.

Quelle: Max Parovsky

Dresden. Erst vor wenigen Tagen hat er den Bayerischen Filmpreis als bester Darsteller gewonnen, für die Hauptrolle in „Der Staat gegen Fritz Bauer“. Während der Streifen gerade seinen internationalen Siegeszug antritt, ist Schauspieler Burghart Klaußner aber längst wieder in anderen Fahrwassern unterwegs. In Dresden inszeniert er das Stück des Jahres schlechthin: „Terror“ von Ferdinand von Schirach. Bei der Premiere am Donnerstag steht Klaußner dabei auch in der Rolle des Richters mit auf der Bühne. Im Gespräch mit Torsten Klaus, das die Vorzüge des diplomatischen Dienstes ebenso streift wie die Angst des Deutschen vor der Anarchie, zeigt sich der 66-Jährige gewitzt und ironisch.

Frage: Filmpreis für „Fritz Bauer“ – Gratulation übrigens –, im Fernsehen waren Sie außerdem jüngst in „Die Stadt und die Macht“ zu sehen. Sind Film und Fernsehen derzeit die interessanteren Medien, vor allem bei der Figurenentwicklung, als das Theater?

Burghart Klaußner: Nein, überhaupt nicht. Das Theater ist die Heimat – und Film, das sind Begegnungen. Warum ist das Theater die Heimat? Es hat ein Haus, ein Ensemble als Kreis von Freunden oder Familie. Es ist die Brutstätte einer ganz anderen Art von Figuren. Beim Film muss man oft aus der Hüfte schießen, was mir manchmal wiederum aber auch sehr recht ist. Zum Beispiel die Figur des Fritz Bauer: Zuerst dachte ich, sie sei unspielbar. Aber es musste gehen, die Aufgabe war ja viel zu lohnenswert. In München, bei der Vergabe des Filmpreises, hat gerade Edmund Stoiber von der CSU einen inneren Kniefall vor unserem Film und auch vor Bauer gemacht. Worauf ich mich fragte: Was ist jetzt passiert? Waren die in der CSU früher alle links? Stoiber nannte Bauer jedenfalls einen „Architekten Deutschlands“ und hat damit natürlich vollkommen Recht.

Fritz Bauer oder auch Manfred Degenhardt, den Sie in „Die Stadt und die Macht“ verkörpern, sind Figuren aus dem politischen Leben. Ist es besonders reizvoll, sich auf diese Reibefläche mit dem Politischen einzulassen?

Es hat etwas Reizvolles schon bei Shakespeare oder auch bereits in der Antike. Politik ist für uns ja ein großes Geheimnis. Wir wissen nie, wie viel ist Privatanteil des Handelnden, wie viel ist das Weltgeschehen, das sich ohnehin nicht aufhalten lässt – und wie viel ist dazwischen. Deshalb ist die Frage, was die Politik und die Politiker antreibt, immer faszinierend. Schließlich haben sie viel Einfluss auf unser Leben.

Ferdinand von Schirachs „Terror“ ist ebenfalls ein sehr politisch getriebenes Stück, die Gerichtsverhandlung gegen einen Piloten der Luftwaffe. Er hat eine Lufthansa-Maschine mit 164 Menschen an Bord abgeschossen, weil das Flugzeug von Terroristen gekapert wurde, die es auf die mit 70 000 Menschen voll besetzte Münchner Allianz Arena zusteuerten. Das Stück lief in Berlin, Frankfurt, Düsseldorf...

Es ist das Stück der Saison, absolut. Es ist sehr aktuell, auf seine Weise auch sehr simpel. Bis hin zu so uralten Klamotten, dass die Zuschauer abstimmen dürfen. Aber je handhabbarer, desto einleuchtender.

Ist das Stück nicht zu vordergründig moralisch?

Das finde ich nicht. Es versucht die Argumente abzuklopfen, die es für die möglichen Urteile gegen den Angeklagten gibt.

Das mag sein. Trotzdem ist das finale Votum der Zuschauer eher ein moralisches als ein justiziables.

Weil der Fall auf der Grenze der Justiziabilität angesiedelt ist. Und es wird schon stark von Nichtjuristen – und das sind Schöffen, also das angesprochene Publikum – entschieden werden über ein Bauchgefühl. Es gibt sowohl starke Argumente für einen Schuldspruch wie für ein „Nicht schuldig“. Das Publikum muss seinen Weg durch diesen Dschungel finden. Auf jeden Fall hat das Stück einen hohen Diskussionsgehalt. Von den anderen Aufführungen wissen wir, dass sich beispielsweise Ehepaare darüber bis an den Rand der Erschöpfung streiten können. Überhaupt ist in der Beratungspause des Publikums einiges los. Es lässt auch hier im Haus keinen kalt. Ich habe noch nie erlebt, dass so viele Leute aus der Technik auf uns zukommen und Überlegungen einbringen. Das ist wirklich charmant.

Darüber hinaus ist die Frage nach Moral ein komplexes Phänomen, ähnlich wie die Frage nach Schuld übrigens. Schuld ist ein häufig gebrauchtes Vehikel, um Macht auszuüben. Allein nach Moral zu urteilen, ist äußerst schwierig. Man braucht Prinzipien, um diese Moral einzuordnen. Am besten entlang der Linie von Demut, Zurückhaltung, Nachdenklichkeit – was wohl alles dasselbe bedeutet. (kurze Pause) – Ich rede schon wie ein Politiker.

Ich wollte Ihnen auch eben vorschlagen, ins Diplomatische Corps zu wechseln.

Hm. Kein schlechtes Leben übrigens. Keine Grenzkontrollen, immer freies Wohnen und Essen. Super Partys.

Entsprechende Pläne?

Schön wär’s. Da kommt man nur nicht so leicht rein. Das ist eine In-Group, die lassen nicht jeden ran.

Und es gibt, mit allem Respekt, eine Altersbegrenzung.

Altersbegrenzung? Gibt’s für mich nirgends. (lacht)

Bei „Terror“ führen Sie Regie und spielen gleichzeitig den Richter. Ist es Ihre erste Doppelbeschäftigung dieser Art?

Ist es. Und ich hätte es nie gemacht, wenn mich Wilfried Schulz nicht dazu verpflichtet hätte. Was sollte ich da machen? Nein sagen konnte ich nicht.

Was macht dieses Doppel so speziell?

Ich würde es in einer normalen Theaterarbeit nicht machen können. Der Blick nur von unten, der des Zuschauers, ist nicht zu ersetzen. Und es geht hier auch nur, weil wir auf der Bühne eine Gerichtsverhandlung haben, einen sehr übersichtlichen Vorgang. Ich saß trotzdem oft genug im Parkett. Anders hätte ich es nicht hingekriegt.

Wie kam es zur Stückauswahl?

Der Verlag hatte zwar die Uraufführung schon vergeben, sie hatten mich aber trotzdem weiter mit dem Text gelockt. Und dann rief Wilfried Schulz an, so überschnitt sich das. In Vorbereitung dieses Abends sind wir dann auch ins Gericht gegangen. Da geht es ganz anders zu als bei „Die zwölf Geschworenen“, weniger anklägerisch, mehr aufklärerisch. In Dresden waren wir zum Beispiel beim Infinus-Prozess und bei einer Verhandlung wegen Totschlags. Man bekommt dort ein Bild von Zivilisation vorgeführt. Es geht nicht darum, jemanden in eine Ecke zu drängen, sondern die Hintergründe einer Tat aufzuklären und sie ins Urteil einfließen zu lassen – wie auch in unserem Stück.

Man kennt Sie aus ernsthaften Rollen. Wie wär’s mal mit einer Komödie? Shakespeare?

Das ist das nächste. Komödien gibt’s ja nicht so viele, aber es gibt sie – es soll sie geben. Eine Komödie ist aufs höchste zu wünschen. Ich habe tatsächlich ernsthaft vor, komisch zu sein. Und komischerweise kommt mir dann immer der Ernst dazwischen. Ha, was für ein Satz! Humor, wenn nicht Komik, ist ja auch ein Lebensmittel, ein Überlebensmittel.

Das gilt sicher nicht nur für die Komödie am Theater?

Das gilt überall.

Gibt es dafür denn genug gute Drehbücher?

(lauter Ausruf) Nein! Das ist das Hauptproblem. Vor ungefähr einem halben Jahr wurde mir ein Drehbuch angeboten, das unter Komödie firmierte. Das Lesen hat mich in tiefe Depressionen gestürzt. Dabei gibt es in der Geschichte der Komödie unglaubliche Vorbilder, denen ich immer angehangen und die ich meinen Söhnen frühzeitig beigeprügelt habe. Sie kennen alle Marx-Brothers-Filme, alle von W.C. Fields, Laurel und Hardy, auch Filme von Heinz Erhard. Man muss einfach einen Grundstock an Komödien kennen. Deshalb ist auch das Schreiben von Komödien unterbelichtet, weil sich wenig auf bekannte Erfolgsmuster bezogen wird im deutschen Drehbuchschaffen. Dort wird unerträglich viel auf Klamauk und Fäkalienhumor abgestellt. Und es gibt eine Quelle für Humor, vor der die Deutschen Angst haben: die Anarchie. Von der brauchen wir generell mehr.

Was wären Sie geworden, wenn nicht Schauspieler?

Ahnungslos. (lacht) Ich hatte keine Berufswünsche anderer Art. Doch: Ganz am Anfang, mit sechs, wollte ich Modeschöpfer werden. Auch weil man da Frauen trifft. Dann wollte ich Detektiv werden, aber nur, um mich zu verkleiden. Der Kern dieses Wunsches lag aber darin, Schauspieler zu sein. Mit acht war das dann klar, da war es also um mich geschehen. Vielleicht blitzte auch Journalist mal kurz auf. Aber als Kind kann man sich darunter konkret sehr wenig vorstellen. Im Rückblick auf ein bis jetzt gelebtes Leben weiß ich jedoch nicht, was ich mir noch hätte wünschen sollen. Nichts anderes.

Was ist für junge Schauspieler heute schwerer oder leichter, gemessen an der Zeit, als Sie das Handwerk lernten?

Ohne Talent ist nach wie vor nichts möglich. Und Talent setzt sich auch immer durch. Es gibt keine hochbegabten Schauspieler, die nichts geworden sind. Deutlich einfacher ist mittlerweile die Filmarbeit, weil viel mehr Angebote existieren. Dazu kommt eine ganz andere Vermarktungskette übers Internet, viel mehr Fernsehsender als zu meiner Schauspielschulzeit, Netflix. All das kannten wir nicht. Diese Entwicklung kann man vergleichen mit der Einführung des Films als neues Medium. Doch von der reinen Ausübung des Berufs her? Da wüsste ich nicht, was sich geändert hätte.

Ein Aber bleibt spürbar...

Ja, denn was sich dagegen geändert hat, ist die Theaterliteratur. Es gibt sie, würde ich sagen, nur noch begrenzt. Es sind viel mehr Romanadaptionen als originäre Theaterstücke unterwegs. Das wird unter Beobachtung bleiben. Da müssen wir noch klären, wohin uns das führt. Es gibt natürlich auch noch reine Theaterautoren wie René Pollesch, denen für meine Begriffe aber langsam die Luft ausgeht. An die Stelle des Textes tritt die Performance. Und auch der wird sicher mal die Luft ausgehen. All das hat aber mit der Schauspielerei nichts zu tun, sondern mit der Frage: Wofür brauchen wir das Theater? Da würde ich mit Blick auf unser Stück sagen: um in der Gegenwart leben zu können.

Apropos Autor. Was ist von Ihnen da noch zu erwarten?

Ich habe einen Text, ein Musical geschrieben, quasi eine Auftragsarbeit fürs Bochumer Schauspielhaus. Mit größtem Vergnügen. Eine musikalische Komödie. Ich habe es neulich erst wieder gelesen und musste feststellen: Es ist die beste musikalische Komödie, die je geschrieben worden ist. Das war mir anfangs nicht ganz so klar. (lacht) Aber jetzt will ich da einen anderen Weg gehen. Ich will schon lange eine Geschichte aufschreiben – eine Kurzgeschichte, vielleicht auch länger. Es geht darin um meine Heimatstadt Berlin, um meinen Vater – aber nicht um mich. An einer Autobiografie bin ich nicht interessiert.

Premiere am Donnerstag, 19.30 Uhr, Schauspielhaus

www.staatsschauspiel-dresden.de

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