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Büroschlaf zur Kunst gemacht - 30 Künstler beziehen für "Springhouse" ein Dresdner Bürogebäude

Büroschlaf zur Kunst gemacht - 30 Künstler beziehen für "Springhouse" ein Dresdner Bürogebäude

Verhaltenes, rhythmisches Klopfen kommt aus einer Ecke im Treppenhaus des alten Bürokomplexes am Ende der Tannenstraße. Ein junger Mann beugt sich über ein seltsames Objekt.

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Die beiden Kuratoren von Springhouse Anna Bründl und Sven Christian Schuch (im Hintergrund) sowie der Künstler Daniel Engelberg mit Kaktus.

Quelle: Amac Garbe

Dabei handelt es sich um einen liegenden Overheadprojektor, vor dessen Ausgangslichtkegel ein Taktzähler schwingt. Das Ganze soll später Teil einer Außeninstallation sein, erzählt Johannes Regin, der als einer von rund 30 Künstlern ausgewählt wurde, beim temporären Kunstprojekt "Springhouse 2014" mitzumachen. Hinter ihm steht ein zusammengezimmertes Bett, direkt unter der Treppe. Hier wird er eine Woche lang schlafen. Jene einfachen Holzmöbel - dort ein Tisch, hier eine Sitzgruppe, da ein breites Bett - wurden von der französischen Künstlergruppe "boijeot.renauld.turon" geschaffen. Als soziale Skulpturen 'stören' sie den gewohnten Anblick der kargen Büroflure und sind zugleich nützliches Inventar für die residierenden Künstler.

Normal ist hier dieser Tage sowieso nichts. Wo sonst verschiedene Firmen und Bürogemeinschaften hinter verschlossenen Türen ihrer Arbeit nachgehen, herrscht jetzt auf allen Gängen reges Treiben. Überall wird gewerkelt, diskutiert, getüftelt. Schuld daran ist die Theaterwissenschaftlerin und Kuratorin Anna Bründl. Sie hatte die Idee für dieses ungewöhnliche Kunstprojekt, das mittlerweile bereits zum vierten Mal in Dresden stattfindet.

Bisher wurden von den Künstlern eher bürgerliche Räume eingenommen, zuletzt 2013 das Privathaus des Anwalts und Kunstsammlers Stefan Heinemann. Bewusst wollten die beiden Kuratoren Anna Bründl und Sven Christian Schuch in diesem Jahr in andere städtische Konzepte hineinschauen. Wichtig war ihnen dabei auch der Kontext der Räumlichkeiten. Das Bürogebäude auf der Tannenstraße direkt über dem Alaunpark mit seiner wechselvollen Geschichte - einst Industriebaukombinat der DDR, dann Treuhandbesitz und schließlich ein Nachwendearchitekturbüro, das sich bis heute immer mehr in kleine Büroeinheiten vereinzelt - bot sich geradezu an für ihren Themenschwerpunkt: "Wie wollen wir arbeiten? Wie wollen wir leben?" Hier könne man exemplarisch sehen, wie sich Arbeitsweisen und Arbeitsstrukturen mit der Zeit verändern, erklärt Sven Christian Schuch. Aus staatlichen Großbüros werden immer häufiger Kleinsteinheiten für Freelancer.

"Springhouse" versteht sich dabei vor allem als Plattform. Dresdner und auswärtige Künstler aus ganz Deutschland, Europa und sogar Australien kommen zusammen, wohnen eine Woche am Ort des Geschehens und arbeiten an ihren Kunstwerken, die sie zum größten Teil direkt für die Ausstellung schaffen. Dabei fiel die Auswahl für die beiden Kuratoren nicht leicht. Über 100 Bewerbungen gingen im Vorfeld ein. Via Internet diskutierten sie nächtelang - von Dresden nach Beirut, wo Schuch derzeit lebt. Schließlich wählten sie gut 30 Künstler aus. "Dabei ging es uns vor allem darum, dass sich die Leute auf das Haus und die Themenstellung einlassen", führt Anna Bründl aus. "Wir bedienen hier ja keine professionellen Künstler. Wir wollen ihnen ein Experimentierfeld bieten, wo sie gleichzeitig eine Auszeit und einen Anfangspunkt für ihr künstlerisches Schaffen finden", ergänzt Sven Christian Schuch und steigt über einen Bretterstapel, der vermutlich bald Teil einer Installation sein wird. "Springhouse" habe den Anspruch, Sprungbrett zu sein. Auch für die Besucher sollen sich über diese temporäre Umnutzung Orte öffnen, in die man sonst nicht reinkommt und in denen man normalerweise keine Kunst erwartet.

Das reizte auch den Künstler Daniel Engelberg. Anders als in einem weißen, leeren Galerieraum muss man in einem eigentlich anders genutzten Gebäude Wege finden, sich mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen, befindet der 34-Jährige. "Diese Art zu arbeiten finde ich spannend. Ich muss mit dem Vorhandenen arbeiten, und der Besucher muss lernen zu unterscheiden, was gehört dazu, was ist addiert worden." Er hat sich eine leere Ecke in einem der Flure ausgesucht, in die er eine Bürozelle einbauen wird. Im Moment sieht man davon nur einen Grundriss aus grünen Stangen, in einer Ecke kauert ein Styroporkaktus. Was dabei am Ende wirklich herauskommen wird, weiß Engelberg selbst noch nicht. "Ich habe mir vorgenommen, auf die sterile Büroatmosphäre und die recht beliebige Architektur zu reagieren." Der Kaktus wird dabei auf jeden Fall eine Rolle spielen, verrät er und philosophiert über die skurrile "Pflanzenwelt" vieler Büros und die dabei geschaffene Pseudowohnlichkeit. Dann wendet er sich wieder seinen Arbeitsskizzen zu. Bis zur Eröffnung gibt es noch viel zu tun.

"Unsere Idealvorstellung ist, dass wir hier am Donnerstag eine Art Labyrinth haben - wann immer man um eine Ecke biegt, findet man etwas Neues", beschreibt Kuratorin Anna Bründl, während sie in dem verwinkelten Gebäude den Rufen eines Künstlers folgt.

Wärmstens legt sie noch die zwei Podiumsdiskussionen ans Herz, bei denen am Freitag ("Wie wollen wir arbeiten? Zukünftige Modelle des Arbeitens und der Wertschöpfung") und Sonnabend ("How to live? Alternative forms of communication and living") jeweils um 18 Uhr verschiedene Künstler, Fotografen, Architekten und am Freitag auch der SPD-Sachsen-Vorsitzende Martin Dulig mitdiskutieren werden.

Temporäre Kunstausstellung "Springhouse" vom 22. bis 24. Mai im Bürokomplex auf der Tannenstraße 2 (über dem Alaunpark).

Die Vernissage mit Tanz- und Klangperformances und anschließender Eröffnungsparty beginnt am Donnerstag, 19 Uhr.

Die Ausstellung ist am Freitag und Samstag von 14 bis 21 Uhr geöffnet. Der Eintritt hierfür sowie für alle Veranstaltungen ist frei.

www.spring-house.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 21.05.2014

Susanne Magister

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