Volltextsuche über das Angebot:

4 ° / -3 ° wolkig

Navigation:
Google+
Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden bespielt das ganze Kleine Haus

Premiere Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden bespielt das ganze Kleine Haus

Die Bürgerbühne am Staatsschauspiel Dresden verwandelt zum Abschluss der Spielzeit 2015/16 Bühne, Flure und Dächer des Kleinen Hauses in lebendige Orte und erzählt in einem Großprojekt gemeinsam mit fünfzig Dresdnern Geschichten von heute und früher, von Dresden und anderswo.

„Ich war einmal“ u.a. mit Hans-Ulrich Schmidt (l.) und Konrad Neidhardt.
 

Quelle: Matthias Horn

Dresden.  Das Kleine Haus glich zur Uraufführung der neuen Bürgerbühnen-Produktion „Ich war einmal“ einem großen Ameisenhaufen. Die Ameisen, also wir, trugen Aufkleber mit dem Titel des Abends in verschiedenen Farben – die Farbenzuweisung war bereits auf der Eintrittskarte vermerkt. Und wir „krabbelten“ im Haus die Treppen hoch und runter einem der Guides hinterher. Sie als Leser werden in diesem Text einer zufällig generierten „roten“ Gruppe durchs Kleine Haus folgen können.

Das Teilerlebnis-Prinzip ist hier Programm: Bei 37 Erzählern, sechs Musikern und 13 Guides würde eine „Alle inklusive“-Tour Aufführungsdauer und Auffassungsvermögen der Zuschauer sprengen. Mit drei Stunden (eine Pause ist dabei) ist der Abend ohnehin schon lang genug. Die Geschichten-Erzähler in allen Altersgruppen sind im ganzen Haus verteilt und empfangen in den üblichen Spielräumen oder in kleinen Produktions-, Haustechnik- oder Maskenräumen ihr Publikum – immer wieder. Das verlangt den Erzähl-Bürgern Ausdauer und eiserne Disziplin ab, denn an einem besucherstarken Abend wie zur Premiere müssen sie etwa acht Mal ihre Geschichte präsentieren. Andererseits ist bei dem enormen Aufwand an Teilnehmern, Hauspersonal und Räumen zu hoffen, dass in den nächsten Vorstellungen, nachdem Verwandte und Freunde da gewesen waren, genügend Zuschauer neugierig auf die Bürgerbühnen-Geschichten sein werden. Wirklich lobenswert ist bei „Ich war einmal“ die logistische Leistung und der anhaltende Enthusiasmus der Beteiligten. Da nimmt man als Zuschauer Staus, Warten und das Treppensteigen gern in Kauf.

Folgen Sie mir nun auf eine „rote“ Tour durchs Haus. Dazu gehörten zwei längere Aufenthalte im Saal und im Theaterraum unter dem Dach. Im Saal wurden im Zuschauerraum sieben Inseln aus langen Tischen installiert, an denen man nach Belieben Platz nehmen konnte. Die Oberfläche der Tische bestand aus Bildmaterial-Collagen, die zu den Geschichten passten, welche von verschiedenen Erzählern im Wechsel dargeboten wurden. Die Erzähler gingen von Tisch zu Tisch und erzählten noch einmal und noch einmal ihr „Ich war einmal“. So hörte man zum Beispiel immer wieder das triumphale „Hurra“ von Hasmik Sargsyan, einer jungen Frau aus Armenien, wenn sie vom Jubel ihrer Kindheit in den 90ern berichtete, als die Kinder das Wiedereinschalten des Stroms begrüßten, das zu Sparzwecken nach einem festgelegten Zeitplan aus- und eingeschaltet wurde. Ihre kurzen Geschichten, die sie mit glänzenden Augen mit uns teilte, hatten auch mit Krankheit und Krieg zu tun – ihr jüngerer Bruder dient zurzeit in der Armee, an der Grenze zu Berg-Karabach, wo wieder geschossen wird. Hansruedi Humm versuchte wiederum, die Welt besser zu machen – mit Bonbons und einer freundlichen Aufforderung in meist verständlichem Schweizer Dialekt, sich mehr zuzulächeln. René Roschig saß auch an unserem Tisch und umriss seinen schmerzlichen Weg von 672,40 Mark Ost als PA (Produktive Arbeit)-Lehrer über eine verletzungsreiche Karriere als Fallschirmjäger zu 10 000 Mark West als Vermögensberater. Zwischendurch bereute Dario Seltmann hörbar für alle, 20 Jahre zu spät für die Techno-Ära geboren zu sein.

„Ich war einmal“ – Szene mit Björn Reinemer

„Ich war einmal“ – Szene mit Björn Reinemer

Quelle: Matthias Horn

In dem Theaterraum unterm Dach wurde die Lebensgeschichte von Hans-Ulrich Schmidt mithilfe des sehr talentierten Jungen Konrad Neidhardt in Szene gesetzt. Die Kriegserlebnisse des Älteren erzählte der Junge aus der Kinderperspektive, und auch seine späteren Einsätze mit Riesenbrille als Berater, Partei-Funktionär oder sonstige Erwachsene sorgten im Publikum für Heiterkeit und für Bewunderung für die klare Sprache und die sympathisch freche Ausstrahlung. Diese Begleitung passte hervorragend zum ruhigen Erzählton von Hans-Ulrich Schmidt, der zu den Konstrukteuren vom Palast der Republik gehörte und den Abriss aus bautechnischer Sicht bedauert.

Anschließend teilte sich die größere Gruppe in ca. 8-Personen-„Portionen“. Die nun kleineren, „wendigeren“ Gruppen folgten ihrem Guide, der (oder die) hochgehaltene Jahreszahlen mit wichtigen Ereignissen garnierte, bevor man in meist kleinen Räumen kürzeren Geschichten zuhören konnte. 1961 etwa. Dazu gehört natürlich der Bau der Mauer, aber auch die Anti-Baby-Pille und die Geschichte von Karl-Dieter Schmitz, der im Westen sitzen geblieben war und nach dem „Ausflug“ der Eltern in den Osten doch noch in die nächste Klasse versetzt wurde. Das hatte natürlich seinen Preis: Er musste Russisch und Erzgebirgisch lernen. Das Jahr 1986 erinnert automatisch als erstes an den GAU in Tschernobyl, der sich genau vor 30 Jahren ereignete. Die 17-jährige Anna Usicenko, die in einem engen Raum den Tisch eifrig putzt, führt mit ihrer Geschichte direkt dorthin zu ihren ukrainischen Großeltern. Der Großvater leitete Einsätze des Roten Kreuzes und musste ins verseuchte Gebiet fahren. Der radioaktive Staub wurde weggefegt – wohin er dann gelangt ist, weiß keiner so genau. Eine Tragik ganz anderer Art offenbarte Björn Reinemer in der Maske. Als nicht anerkannter Enkel eines erfolgreichen, wohl reichen Opernsängers wollte er Kontakt zur Familie aufnehmen, bekam aber 2001 einen ablehnenden Erben-Anruf.

Nach einer Verschnaufpause wurde zum Finale im Saal geladen. Hier führten zehn schaukelnde Kinder und Jugendliche Dialoge miteinander oder beantworteten von den anderen Teilnehmern gestellte Fragen, die offenbar aus einem Konzept-Frage-Katalog stammen: Welche Wörter sterben aus? Was würdet ihr aufgeben? Was wird sich nie ändern? Es gab immer wieder Beifall für witzige oder kluge Antworten, doch das Ganze wurde überdehnt zu einem fast schon nervenden Überfluss an Informationen und Authentizität.

Das Premierenpublikum applaudierte am Ende begeistert dem vielköpfigen Inszenierungsteam unter der Leitung von Miriam Tscholl.

Aufführungen: 21.5., 1. und 25.6, Kleines Haus

www.staatsschauspiel-dresden.de

Von Bistra Klunker

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Kultur News

Entwirren Sie mit schnellem Auge und flinkem Geist den Buchstabensalat des Rätselspiels! Hier kostenlos im Spieleportal von DNN.de spielen! mehr

  • Semperopernball
    Semperopernball

    Alle Infos, alle Highlights, die schönsten Bilder - der Semperopernball in Dresden. mehr

  • 13. Februar

    Ob Gedenken, Täterspuren oder Menschenkette: Alle Infos finden sie in unserem Special zum 13. Februar in Dresden mehr

  • Onlineabo

    "DNN-Exklusiv" heißt das Online-Premiumangebot der Dresdner Neuesten Nachrichten, dass Sie überall und rund um die Uhr nutzen können - zu... mehr

  • E-Paper
    E-Paper

    Mit unserem E-Paper-Abo können Sie die DNN in digitaler Form täglich im Original-Layout im Web oder auf Ihrem Tablet lesen. mehr

  • Magicpaper
    Magicpaper

    Wenn Sie an Beiträgen in der gedruckten DNN das Handy-Symbol entdecken, stehen ab sofort mithilfe der Magicpaper App zusätzliche digitale Inhalte f... mehr