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Bürgerbühne-Uraufführung: "Cash. Das Geldstück" im Kleinen Haus

Bürgerbühne-Uraufführung: "Cash. Das Geldstück" im Kleinen Haus

Über Geld spricht man nicht, man hat es! Oder auch nicht, wie die meisten der zwölf Bürgerbühnen-Akteure in ihrem Geld-Stück "Cash". "Dresdner spekulieren", lautet der Untertitel, aber ihre Stückentwicklung ist überhaupt nicht spekulativ, sondern brutal real, und unter ihnen ist auch nur einer, der sich schon einmal bis zu einer Million hinaufspekuliert hatte.

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Geld über Geld. Aber wozu eigentlich? Konstantin Burudshiew ist einer der "Cash"-Protagonisten.

Quelle: David Baltzer

Alle anderen spekulieren, wie sie sich mit Einkommen zwischen Null und 1500 Euro netto - auch ein Bankangestellter verdient nicht mehr - irgendwie durchschlagen. Mit Nebenjobs, mit Trennungsunterhalt, mit Hilfe von Gönnern und sogar von einem echten Mäzen. Per Saldo bringen sie es zusammen auf einen Kontostand von 5560 Euro. Ja, so genau erfährt man es, das Publikum darf die Echtheit der Kontoauszüge begutachten. Die Zwölf machen sich auch im Wortsinn fast nackig und treten in ihrem letzten Hemd auf, auch wenn es im Probenprozess Bedenken gegeben haben soll, sich im Gegensatz zum heute üblichen Versteckspiel um Einkommensverhältnisse so weit zu outen.

Denn es ist eine Todsünde, wie Brecht in "Mahagonny" sagt, kein Geld zu haben. Die Bürger auf der Probebühne 3 des Kleinen Hauses sprechen in Anlehnung an Marx von der Geld-Scheiße, die aber alternativlos sei. Karl Marx ziert auch die dem Erscheinungsbild von Dollarnoten entlehnten Drei-Taler-Scheine, die als Kostüm getragen werden, in denen man sich badet und die ins Publikum fliegen. "In money we trust" behauptet darauf eine Inschrift, aber gespielt wird selbstverständlich das ganze Gegenteil, nämlich das in den vergangenen Jahren weltweit verfestigte tiefe Misstrauen gegen die virtuelle Geldwirtschaft. Der zeitlos gültige Kapitalismus-Analytiker taucht übrigens persönlich auf, guckt zuerst als "Nischel" aus einem der zahlreichen symbolisch aufgestellten Tresore, die auch als Theke oder Umkleidekabine dienen. Seine Maske, auch das erfährt man, soll 1200 Euro teuer gewesen sein. Das Staatsschauspiel muss es ja haben! Marx und seinen Zitaten aus dem "Kapital" gewinnen diese Wutbürger in der Auseinandersetzung mit der schreienden Ungerechtigkeit unserer Zeit und der Dauerkrise einer immer absurderen Gier-Wirtschaft viel Treffendes ab.

Wie der Einführungstext des lesenswerten Programmheftes ankündigt, sind die erzählten Erwerbsbiografien der Einzelnen zugleich Lebensgeschichten. Diese passend kombinierten Berichte belegen zugleich, dass die teils Schwindel erregenden Auf- und Abstiege nichts mit der eigenen Leistung zu tun haben. Der Begriff der Leistungsgesellschaft ist heute, wo der Wert realer Arbeit schwindet, ohnehin nur noch eine Hülse.

Die Leistung dieser offenherzigen Akteure besteht eher in der Bewältigung ihrer Schicksalsschläge. Einige hat das zum "Empört Euch!" Stéphane Hessels geführt, die meisten eher zu einem sympathischen Fatalismus, der das Heil in immateriellen Werten sucht. Zwei Frauen, die es schon mal auf dem Edelstrich versucht haben, schreien ihren Zorn auf die Verlogenheit einer Gesellschaft heraus, die Massenprostitution auf dem Arbeitsmarkt geradezu voraussetzt. Andere loben inzwischen die Chance, statt Arbeit nun Zeit für menschliche Zuwendung zu haben.

"Gar kein Geld ist besser als wenig Geld", lautet eine der Sentenzen aus dem letzten Drittel der knapp eineinhalbstündigen Premiere am Gründonnerstag. Das Finale verallgemeinert über die Einzelschicksale hinaus, wird philosophischer, aber auch kämpferischer. "Wir brauchen eine ethische Revolution!" fordert dann eines der Plakate, "Menschenwert statt Geldwert!" ein anderes. Die Angst, dass bei Bedarf der Reichen und der Politiker auch unsere Ersparnisse so schnell herangezogen werden könnten wie die der Zyprer, wird klar formuliert. Es grummelt mittlerweile nicht nur im Land, es artikuliert sich auch etwas. Diese Selbst-Spieler äußern aber nicht nur ihren Frust. Sie kommen dem Publikum deshalb so nah, weil sie über eine meist schmerzhaft erlernte Lebenskunst, die sie den Gierigen voraus haben, zu einer reiferen Lebensfreude gelangt sind. Hübsche Show-Ausflüge wirken deshalb überhaupt nicht aufgesetzt. Am Schluss singen sie zur Ukulele: "Hast Du schon gehört, das ist das Ende vom Kapitalismus..."

inächste Aufführungen: 4., 14. & 30.4.

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 30.03.2013

Bartsch, Michael

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