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Bühnenfassung von Ingo Schulzes "Deutschlandbericht" hatte Premiere am Staatsschauspiel Dresden

Bühnenfassung von Ingo Schulzes "Deutschlandbericht" hatte Premiere am Staatsschauspiel Dresden

Der Leser oder Zuschauer mag selber Namen ihm bekannter Schriftsteller einsetzen, die sich hinter dem Kürzel B.C. verbergen könnten. Sie sollten nur DDR-Wurzeln besitzen, im Ruf eines Dissidenten gestanden und den damaligen deutschen Teilstaat mehr oder weniger freiwillig verlassen haben.

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Holger Hübner (B.C.) und Sonja Beißwenger (Elzbieta)

Quelle: David Baltzer

Im gelobten Westen mutierten sie zu Epigonen ihrer selbst, gerieten in Schaffenskrisen, verloren ihren Nimbus als Rufer und Mahner. Um eine solche Figur dreht sich eher schleppend denn Schwindel erregend der Text "Vom Wandel der Wörter. Ein Deutschlandbericht" von Ingo Schulze, der im Kleinen Haus in einer inszenierten Lesung uraufgeführt wurde. Der Zuschauer lasse sich bei diesem Ratespiel bitte nicht davon irritieren, dass B.C. auch Züge von Peter Handke in seiner Kritik am Kosovo-Krieg trägt.

Gekleidet hat der Autor den gar nicht so fiktiven Bericht über ein Schriftstellerleben zwischen den Systemen in den Brief eines jungen, aufstrebenden Literaten an einen Museumsdirektor. Darin entschuldigt er sich für die Unfähigkeit, über ein tatsächlich existierendes Kunstwerk zu schreiben, das wiederum B.C. aufs vehementeste inspiriert hatte. Es geht um eine 500 Quadratmeter große Rauminstallation des Düsseldorfer Künstlers Reinhard Mucha, ausgestellt auf der Biennale Venedig 1990 und jetzt dauerhaft in der Düsseldorfer Kunsthalle K21 zu sehen. Ihr Titel "Das Deutschlandgerät" ist wiederum einem technischen Großgerät entlehnt, mit dem entgleiste Schienenfahrzeuge wieder eingehoben werden können. Die Raumplastik jedenfalls steckt voller Anspielungen auf deutsche Zustände und Mentalitäten, nicht zuletzt wegen der Verwendung von 53 urdeutschgemütlichen Fußbänkchen. Was sie offenbar nicht vermag: Im Zuge der deutschen Vereinigung entgleiste Schriftsteller wieder auf die Schaffensbahn zu bringen.

Dieser Briefschreiber und literarische Debütant, in der Bühnenfassung ein "Ich", mit dem der Autor offensichtlich kokettiert, versucht über eineinhalb Stunden eine Annäherung an die Figur des Vorbildes mit dem Knick in der Biografie. "Mutmaßungen über B.C." wäre auch ein passender Titel für den Text gewesen. Und weil darin sonst nur noch die Ärztin und Frau von B.C. Elzbieta Kühn vorkommt, ließ sich die literarische Vorlage ganz passend auf drei mehr sprechende denn agierende Schauspieler aufteilen.

Die schleichen sich in der Regie von Christoph Frick erst einmal staunend ins Geschehen, tragen Wuschelkopf-Perücken à la Schulze-Frisur, spielen mit den Buchstaben "Das Deutschlandgerät" auf einem später schrägstellbaren Bühnenpodium. Das ist belegt mit einem Teppich in Schwarz-Pink-Ocker, und wo einst das Hammer- und Sichel-Emblem prangte, gähnt nur ein leerer weißer Fleck. Alexander Wolf hat dahinter als Kulisse die technische Zeichnung vermutlich eines Hydraulik-Zylinders an die Leinwand geworfen. Sie gibt bei den Längen der Bühnenfassung Gelegenheit zur Interpretation. Denn es dauert geschlagene zehn Minuten, bevor es eigentlich losgeht. Und es dauert genau 55 Minuten, bevor zum ersten Mal deutlich wird, wohin Ingo Schulze steuern will und dass dieses Künstlerschicksal von gesellschaftspolitischer Relevanz ist. Da fallen wie Starkniederschläge aus Schäfchenwolken plötzlich Sätze wie "Den Büchern fehlt zunehmend die Dimension Auflehnung" oder "Kein nennenswerter Widerspruch, nichts von Aufruhr - Ruhe". Massenhaft angepasst seien die braven Literaten, ätzt Schulze unvermittelt in bekannter und treffender Manier.

Für das allerdings, was er wirklich zu sagen hat, genügte auch die letzte Viertelstunde. Da ist B.C. chronologisch gesehen eigentlich schon mit knapp 70 verstorben, steht aber nochmals auf, um mit Frau Elzbieta und seinem vielleicht einzigen Schriftstellerfreund "Ich" seinen Abstieg zu resümieren. Zumindest ansatzweise wird dann deutlich, warum B.C. nicht mehr veröffentlichte, nur noch schrieb, vor allem seine früheren Werke umzuschreiben begann, warum er für die neue West-Umgebung keine adäquaten Worte mehr fand. Was man früher einmal gemacht hat, lässt sich an anderem Ort so nicht wiederholen. Wieder klagt Schulze über das "Grundgesetz Opportunismus", über die allgegenwärtige Konformität, die sich unbeeindruckt von sozialen Verwerfungen ausbreitet. Der Autor steckt spürbar in beiden Figuren seiner schreibenden Zunft, im scheiternden B.C. und in dem erwachenden Jungautor.

Den letzteren zeigt Matthias Reichwald als einen angestrengten, ehrgeizigen, aber zugleich unsicheren und suchenden Typen. In diesem Brieftheater erscheint dieses "Ich" noch am plausibelsten. Holger Hübner kann vielleicht aus seinem B.C. gar nicht mehr machen. Denn man erfährt zwar eine Fülle von Details aus dessen Leben und seinen Begegnungen, aber die Figur schillert schon im Text nicht wirklich zwischen Dilemma und Selbstbehauptungswillen. Dabei ist Hübner, das komödiantische Naturtalent, schon um große Ernsthaftigkeit bemüht. Wo es ums Eingemachte geht, legt ihm aber nun einmal der Text Sätze in den Mund, die eher auf ein Demo-Plakat zu malen wären. Auch Elzbieta kann als komplexer Mensch kaum entstehen. Viel biografischer Ballast im Text, aber über die subtile, vielleicht tragende Liebesbeziehung zu B.C. erfährt man wenig. Sonja Beißwenger versucht als eine couragierte, manchmal kapriziöse Frau immerhin, unter die Oberfläche zu dringen.

Schulzes Text ist entweder zu lang oder als Exposé für eine Art Briefroman viel zu kurz geraten. Die Bühnenfassung entließ offenbar auch die meisten Zuschauer ohne einen Zugewinn an Erkenntnis, denn der Premierenbeifall verebbte bald. "Er hält bessere Reden", war von Besuchern zu vernehmen.

Aufführungen: 11. und 21.06., 3.7., Kleines Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.06.2013

Michael Bartsch

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