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Bücher von Axel Helbig und Peter Gehrisch in Dresden vorgestellt

Bücher von Axel Helbig und Peter Gehrisch in Dresden vorgestellt

Der eine Dresdner, Axel Helbig, Jahrgang 1955, ist ein wissbegierig Fragender. Der andere, Peter Gehrisch, 1942 geboren, ein skeptischer Bildbeschwörer dunklen Unheils.

Beide, freundschaftlich verbunden durch die Literatur- und Kunstzeitschrift "Ostragehege", haben jetzt im Stadtmuseum ihre neuen Bücher vorgestellt.

2007 hatte Axel Helbig seine Gespräche mit 19 Dichtern unter dem Titel "Der eigene Ton" veröffentlicht. Nun hat er einen weiteren Band folgen lassen mit seinen in "Ostragehege" erschienenen Interviews. Der Titel des ersten traf's wohl am genauesten. Weshalb der neue einfach eine "2" beigestellt bekam. Denn Axel Helbig ist überzeugt: "Ein Dichter muss einen eigenen Ton haben, wenn er uns etwas sagen will." Die 15 Dichter, die er diesmal ausgewählt hat, sind wiederum von ihm hochgeschätzte Autoren - von B wie Artur Becker bis W wie Jens Wonneberger. Subjektiv? Gewiss. Aber mit unschätzbarem Vorteil für uns Leser: Hier fragt einer, der sich allein von seiner Begeisterung dazu hat beauftragen lassen. Das lenkt unsern Blick geradewegs auf das Großartige der Literatur jedes Gesprächspartners.

Helbig hat zuvor alles von ihnen gelesen. So zielen seine Fragen, die selbst eine Fülle an wesentlichen Beobachtungen enthalten, ohne Umwege in die Tiefe, dorthin, wo Literatur spannende Entdeckungen bereithält. Und er hat sich Zeit genommen, jeweils drei Stunden. Für diese Gründlichkeit werden er und somit auch wir reich beschenkt. Wir erfahren etwa, wie Wulf Kirsten den Sprachschatz alter Bauern in seinen Gedichten aufbewahrt oder warum für Catalin Dorian Florescu eine Anomalie, ein Bruchstück zu sein das eigentlich Menschliche in einer Welt gesteigerter Perfektion ist.

Axel Helbig ist es gelungen, Gesprächskonstellationen zu schaffen, in denen die Dichter oft mehr über sich sagen, als ihnen zuvor bewusst war. Wer sie als Leser besser verstehen möchte, der findet hier reichlich erhellende Aussagen aus ihrem Mund. Die schwarz-weißen Autorenfotos fallen in der miserablen Druckqualität dagegen ab.

In Peter Gehrischs neuem Gedichtband "Der glimmende Ring meiner Lichtwissenschaft" tritt uns ein Sprechender gegenüber, dessen Kindheitserfahrung die einer zerstörten, immer wieder zerstörbaren Welt ist. Die Gegenwart ist für ihn "Nachkrieg". Wohin er mit vor Schreck geweiteten Pupillen schaut, erscheinen ihm Gespenster der Vergangenheit in Ruinen. Und angesichts von Versprechungen einer schönen Zukunft zu DDR-Zeiten, die sich als Illusionen erwiesen, ist er skeptisch geworden.

Ein philosophischer Kopf gibt sich in diesen Versen zu erkennen, der unablässig nach dem Sinn des Daseins und nach Orientierung sucht. Häufig finden wir Bilder der Reise, gelegentlich auf offenem Meer. Zugleich weiß er um die Vergeblichkeit, denn: "Alle Erkenntnis ist nur Fragment". Und das Ich zu begreifen scheint kaum möglich, weil das sich stets selbst bezweifelt.

Bisweilen betrachtet er die Gegenwart mit Talkshows, Geschwafel und Werbung voll Überdruss, als "Welt Debiler". Die steuert unaufhaltsam auf den Abgrund zu. Gehetzt, von Reizen überflutet, sehnt er sich nach der Leere des japanischen Zen-Buddhismus. Als seinen Gegenentwurf beschwört er, nicht zufällig mit einem alten Wort, das Reich der "Musen", die Dichtung. Die gestaltet er mit genauem Gespür für Rhythmus und Sprachklang. Er scheut pathetisch gesteigertes Sprechen nicht, Ausrufezeichen findet man reichlich.

Er greift auf die Mythologie der Griechen und der Märchen zurück, montiert Worte und Sätze aus anderen Sprachen in seine Verse, vor allem aus dem Polnischen. Peter Gehrischs Mutter ist eine vertriebene Schlesierin. Seinen zweiten Wohnort, das polnische Lwówek Slaski (Löwenberg) betrachtet er als "Rückkehr zu den Vorfahren, aber in eine fremde Gegend mit fremden Leuten". Dem bedrohlichen Dunkel setzt er das Licht entgegen. Es kann als Scheinwerfer plötzlicher Erkenntnis aufflammen, als jäher Blitz niederfahren oder als schwaches, tapferes Licht glimmen.

Notwendige Nachbemerkung: Die Pegida-Debatte erreicht jetzt auch Dichterlesungen. Und polarisiert: Axel Helbig, mit "Dresden nazifrei" auf der Straße, sieht Pegida von Rechtsextremisten gesteuert. Peter Gehrisch, der sich nirgendwo einreiht, sieht "die Medien" lügen und eine unsägliche Politik, die echten Dialog mit den Massen nicht zulässt. Und Moderator Viktor Kalinke, Leiter des Leipziger Literaturverlags, hält es für ein Dresdner Phänomen: Ein romantischer Geist im Elbtal, dessen idealisierende Sicht bei Missständen rasch in Unzufriedenheit stürze.

Axel Helbig: Der eigene Ton 2. 249 S., 29,95 Euro. Peter Gehrisch: Der glimmende Ring meiner Lichtwissenschaft. Mit Carbonographien von Gerard van Smirren. 126 S., 16,95 Euro. Beide Leipziger Literaturverlag

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.01.2015

Tomas Gärtner

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