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Buchpremiere für Klaus Funkes "Der falsche Jude" im Stadtmuseum Dresden

Buchpremiere für Klaus Funkes "Der falsche Jude" im Stadtmuseum Dresden

Bekannt geworden ist der Dresdner Autor Klaus Funke mit Erzählungen und Romanen über Musiker. In die Schublade "Musikschriftsteller" jedoch möchte sich der 65-Jährige auf keinen Fall stecken lassen.

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Schließlich arbeitet sich seine bemerkenswerte Produktivität auch an anderen Themen ab, wie uns sein jüngster Roman "Der falsche Jude" zeigt.

Der Seitensprung ins andere Metier indes fordert schmerzlichen Tribut. Wenige Tage zuvor, als Funke aus seinem Dauerbrenner, dem Paganini-Roman "Der Teufel in Dresden" von 2006, las, musste das Weber-Museum in Hosterwitz wegen Überfüllung dicht gemacht werden. Diesmal saßen bei der Buchpremiere im Stadtmuseum nur 20 Leute.

In "Der falsche Jude" breitet Klaus Funke eine klar angelegte Geschichte über die Suche nach einer neuen Identität aus. Interessant wird sie für uns Leser, wo sie Persönliches mit Politischem verknüpft. Der Autor nimmt uns mit ins Jahr 1963 an eine Erweiterte Oberschule in Dresden. Wir erfahren, wie sich damals politische Gegensätze im Schulalltag zeigten. Wie sich Freundeskreise nach Position der Eltern sortierten: Ärzte- oder Unternehmersöhne bildeten Inseln bürgerlichen Lebens, Kinder von SED-Mitgliedern blieben ausgeschlossen. Dennoch, ein Geschichtsroman ist es nicht. Solche spätpubertären Konflikte, wie hier geschildert, könnte man sich ganz gut auch heute vorstellen.

In der Hauptgestalt Joseph Pilinski begegnen wir einem 17-jährigen Oberschüler, der unter seiner kleinen Gestalt leidet, darunter, dass niemand ihn beachtet, er keine Freunde hat. Ein in sich Gekehrter, der viel mit sich selbst beschäftigt ist und das schreibend zu verarbeiten versucht. Dass wir ihn in seinen Aufzeichnungen kennenlernen, rückt ihn uns sehr nah. Sonderlich sympathisch freilich ist er einem nicht.

Denn er entdeckt eine Art Wundermittel für sich: Verbreitet, er sei Jude. Verdutzt beobachten wir, wie er schlagartig in den Mittelpunkt rückt. Auf einmal hat er Freunde, finden ihn Mädchen attraktiv, erlebt er mit ihnen erste sexuelle Abenteuer. Erstaunlich rasch wird er unangreifbar. Nach allem, was den Juden im Dritten Reich angetan wurde, bemühen sich alle, behutsam mit ihm umzugehen. Er bekommt Anerkennung - bei seinen Mitschülern ebenso wie beim Direktor. Das verleiht ihm so viel Macht, dass er einen Nebenbuhler aus dem Weg zu räumen vermag - indem er ihm eine antisemitische Beschimpfung unterschiebt. Zwar meint er sich im Recht: "Ich bin kein Lügner, ich verteidige mich nur." Doch wird ihm bewusst, auf welch heikle Sache er sich da eingelassen hat. Sehr gut beschreibt der Autor, wie dieser Pilinski zwischen Triumph, Freude über seinen Erfolg und Erschrecken hin und her pendelt.

Seine Aufzeichnungen kommen schwer gefühlsgeladen daher. Da fliegen einem "Oh!", "Ha!" und "Ach!" um die Ohren, bekommt die Sprache etwas Theatralisch-Altertümliches, wenn man Ausrufe liest wie: "Ich Elender! Ich Verruchter!". Ist er entzückt von Mädchen, werden seine Lobpreisungen phrasenhaft konventionell. An einer Stelle merkt er selbst, dass er schwülstig wird. Gewollt? Wie auch immer, zumindest charakterisiert es diesen Pilinski als Schwarmgeist, der sich eine Scheinwelt aufbaut.

Ganz hervorragend hingegen sind die Lehrer gestaltet. Ein buntes Figurenensemble, bei dem man jeden einzelnen Auftritt mit Vergnügen liest. Umso größer das Bedauern, wenn sie sich in der zweiten Hälfte kaum noch blicken lassen. Nur dem Direktor begegnen wir noch, aber der verliert gegen Ende hin an Kontur.

Schließlich stürzt das ganze Lügengebäude zusammen. In seiner Ausweglosigkeit, seinen Selbstmordgedanken kommt uns dieser Pilinski wieder näher. Unverhofft begegnet er einem wirklichen Juden, einem Tabakhändler, der etwas bilderbuchartig wirkt, aber seine berührende Lebensgeschichte erzählt. Wie er in der Nazizeit seine Verwandten, auch seine Frau verliert. Eine Christin, die sich den Juden zugehörig erklärte, als dies den Tod bedeutete. Pilinski trifft auf sein Gegenbild. Die Erschütterung, das Erschrecken über sich, löst eine Verwandlung aus. Allerdings mutet es etwas pädagogisch an, wenn er uns seine Erkenntnis mitteilt, "dass nicht Eigensinn und Ruhm erstrebenswert sind, sondern Wärme, menschliche Wärme und Liebe".

Das Ende - er bekennt sich nun wirklich zum Judentum - hinterlässt einen leicht unangenehmen Beigeschmack. Ist alles gut, wenn der falsche nun ein richtiger Jude wird? Akzeptieren möchte man das als Leser nicht.

Tomas Gärtner

Klaus Funke: Der falsche Jude. Aus den Aufzeichnungen des Oberschülers Johannes Pilinski. Lychatz Verlag, Leipzig. 306 S., 19,95 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 10.03.2012

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