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Breschke und Schuch präsentieren mit "Striezelmarktwirtschaft" ihre "Jahresendabrechnung"

Breschke und Schuch präsentieren mit "Striezelmarktwirtschaft" ihre "Jahresendabrechnung"

So wie alle Jahre wieder ein Virus kommt, das offenbart, dass die Deutschen auch Panikweltmeister sind, so kommt alle Jahre wieder auch - was eine deutlich schönere Tradition ist - die Striezelmarktwirtschaft wieder, bei der Manfred Breschke und Thomas Schuch uns in ihrer Jahresendabrechnung die Leviten lesen und den Spiegel vorhalten.

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Der musikalische Begleiter Daniel Vedres bläst zur "Jahresendabrechnung" von Thomas Schuch (l.) und Manfred Breschke.

Quelle: Natalia Kononenko

Noch bevor die Menschen sich zwischen Heiter- und Festlichkeit der Adventszeit allzu behaglich einrichten, wollen sie noch mal den Marsch blasen. Mit im Boot, das hat sich bewährt: Daniel Vedres, der aus allem, was nur irgendwie an ein Instrument erinnert, Töne zaubert - und sie derart sampelt, dass es wie eine ganze Combo klingt.

Man sieht Breschke zunächst als dreiköpfige Hydra, als fette Krake, als feisten wie fiesen Markt aller Märkte, der mit Genuss die Politik vor sich hertreibt. Schon da wird (über-)deutlich, worauf der Abend vorrangig hinausläuft: Kapitalismusschelte. Kabarett mit klarem Feindbild auf bei aller satirischen Sprachartistik kleinstem intellektuellen Nenner hat eben noch immer seine Fans, die zu schätzen wissen, dass ihnen selbst nichts abverlangt wird, nur die "da oben" Gegenstand des Spotts sind.

Man trifft an diesem Abend viele alte Bekannte: Da wären Herr und Frau Mömmerich, Kultfiguren, die im Organspendegesetz einen Jungbrunnen fürs ewige Leben entdecken. Ein Wiedersehen gibt es auch mit dem Klavierstimmer Amadeus Oben (Breschke) vom Weißen Hirsch, wo man "die Gürtellinie als Halskrause" trägt, und Hartz-IV-Bezieher Walter Unten aus Prohlis, der jeden Beruf "verpflaumt" hat und nicht ganz legal am Ordnungsamt vorbei auf dem Striezelmarkt seine Pflaumentoffel anbietet - recht erfolglos, denn gegen die Kamasutra-Toffel einer Konkurrentin, bei denen sich Pärchen gegenseitig vernaschen, hat er keine Chance. Bio-Pyramiden hat Unten gleichfalls im Angebot. Was an denen Bio sei? Nun, "sie kommen nicht aus China, das ist Bio genug", meint der arme Schlucker, dem es durchaus Genugtuung bringt, dass Oben mittlerweile nicht minder in der Bredouille, weil bei den Banken in der Kreide, steckt. "So arm, wie sie sind, kann ich gar nicht mehr werden", höhnt er.

Sehr hübsch die Nummer, in der Breschke als gestresster Banker, der zur Entspannung auf fallende Staatsanleihen spekuliert, einem Schmalspurrevoluzzer im Protestcamp vor der EZB in Frankfurt "Mentalmunition" für den Widerstand liefert und sogar seinen Zigarrenschneider als Finger-Guillotine überlässt. Grottig hingegen die Szene mit Schuch als Soldat und Breschke als sich aus dem innersten Führungszirkel des Heeres meldender Reporter. Das ist finsterste Kommiss-Klamotte, in der schnarrend darüber gewitzelt wird, dass bei einer privatisierten Bundeswehr die Verluste in Form von ausgefallenem Menschenmaterial abgeschrieben werden können. Schuchs Karikatur hat auch nicht annähernd die Brisanz einer Figur, wie sie Georg Schramm mit dem Charakter des sympathischen Oberstleutnants Sanftleben geschaffen hat. Weniger an flacher Stereotypie wäre da deutlich mehr gewesen, um Abgründe freizulegen.

Brüderle, Guttenberg, von der Leyen, Merkel, Westerwelle - sie alle werden vom wohlplanierten Feldherrenhügel der Meinungshoheit herunter wohlfeil-einseitig vorgeführt, wirklich tabulose Provokation ist das allerdings nur selten, so böse manche Sprüche auch vordergründig sein mögen. Die Pointen Breschkes und Schuchs sind kleine Triumphe, aber einen nachhaltigen Erkenntnisgewinn bringen sie bei aller aufklärerischer Attitüde kaum. Wer Politiker grundsätzlich für erlogen, machtgierig und korrupt erachtet, wer sich über deren (vermeintlich) begrenzte sprachliche oder intellektuelle Fähigkeiten nur zu gern lustig macht, der wird in diesem Programm viel lachen; wer offenkundige Sachzwänge (wenn auch zähneknirschend) anerkennt, sich mit einfachen Antworten nicht abspeisen will, wird dieser Mischung aus Klamauk und Kabarett weniger abgewinnen können, mag das alles im Einzelnen auch noch so gut gespielt sein. Man muss über die "Sirtaki saufenden und Ouzo tanzenden" Griechen nicht dämlich ablästern, wie das etwa Bild macht, aber sie als völlig unschuldige Opfer des Kapitalismus von allen Sünden reinzuwaschen, wie das Breschke und Schuch betreiben, ist wohl auch nicht die ganze Wahrheit.

Christian Ruf

Vorstellungen: bis 21. Januar fast täglich, jeweils 19.30 Uhr, Sa. bis Ende Dezember auch 15 Uhr

Karten: Tel. 0351/4 90 40 09

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.11.2011

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