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Brechts "Puntila" auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses

Brechts "Puntila" auf der Bühne des Dresdner Schauspielhauses

Dieser Herr Puntila ist urkomisch, aber er ist keine komische Figur. Er ist urkomisch, weil er fortwährend Wahrheiten ausspricht, es aber einfach nicht fertigbringt, nach ihnen zu leben.

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Matti (Ahmad Mesgarha), Fina (Ines Marie Westernströer), am Boden Puntila (Torsten Ranft).

Quelle: M. Horn

Urkomisch auch, weil man dafür weder seinen inneren Schweinehund noch die äußeren Verhältnisse allein verantwortlich machen kann. Dieser Puntila ist immerhin ein Suchender, ein Menschensucher gar. Aber er findet sich mit sich selbst nicht zurecht, sondern nur Matti, den er für einen guten Menschen hält, doch der ist ja nur sein Knecht, naja, sein Chauffeur und Faktotum.

Anders als im kurz zuvor entstandenen "Guten Menschen von Sezuan" hat Bertolt Brecht in dem 1940 geschriebenen, als Volksstück apostrophierten "Herr Puntila und sein Knecht Matti" nicht die Götter, sondern letztlich das gemeine Volk zum Richter erkoren. Die Misere ist dieselbe: Die Mehrung von Reichtum macht böse, aber money makes the world go round.

In Barbara Bürks neuer Inszenierung im Dresdner Schauspielhaus verweigern die Richter die Ausübung ihres Amtes. Dabei spielt Torsten Ranft den Puntila genau so, wie es Beret Evenson im Programmheft lebendig beschreibt. Das ist sehr eigenartig, macht aber die Figur nicht platt, denn Ranft ist noch viel eigenartiger und liefert alles andere als die Schablone, das historische Relikt eines finnischen Großgrundbesitzers. Eher erscheint er als eine Art zeitgenössischer Manager, der alles, nur sich selbst nicht managen kann. Der mit sich selbst nur im Reinen ist, wenn er wesentliche Realitäten der äußeren Welt verdrängen kann, und das gelingt ihm, er weiß es genau, nur im Rausch. Da sieht er seinen Wald, die grünenden Felder, die finnischen Birken mit dem sanften Blau und den rasch ziehenden Wolken darüber, und wenn er davon schwärmt, ist es ihm ein Leichtes, auch die Fantasie der Zuschauer hinwegzuheben über das triste, ziemlich unwegsame Grau der Bühne (Anke Grot). Die Nadelfilzlandschaft bietet ein Trampolin und andere Stolperfallen für schick aufgemachtes Landvolk, speziell in High Heels aufmarschierende Bräute (Kostüme: Irène Favre de Lucascaz), was als Spaßförderung ebenso entbehrlich ist wie der kleine Feldherrnhügel, auf dem Sven Kaiser am Flügel thront und gediegen die Songs von Paul Dessau begleitet. Einige fallen wie verblasste Kalenderblätter, andere sind durch neuzeitliche Arrangements rasant aufgepeppt und ergänzt.

Für Puntila macht es wenig Unterschied, wenn das Kuhmädchen (Ines Marie Westernströer) nicht in Gummistiefeln daherkommt, das Apothekerfräulein als ausgewachsene Domina (Holger Hübner), die Telefonistin eher als dekorierter Telefonmast (Matthias Luckey) und nur die Schmuggleremma (Anna-Katharina Muck) halb mondän durchtrieben, halb mütterlich, wie es eventuell dem Klischee des Gutsbesitzerliebchens entspricht.

Aber das Publikum hat Spaß an forciertem Realitätsverlust, an dick aufgemotzten Passagen, über die die Zeit etwas hinweggegangen scheint, und spielt dafür um so hingerissener und geduldiger mit, wenn es zum Angebot auf dem Gesindemarkt deklariert und entsprechend gemustert wird. Bei aller Pfiffigkeit und entwaffnenden Zudringlichkeit: Puntila ist da ganz gewöhnlichen Zwängen unterworfen, sein Misstrauen, seine Hartherzigkeit, sein Geiz sind ganz natürliche Reaktionen. Dazu muss er gar nicht fies, verschlagen, hinterhältig sein, er ist eben einfach ein verführerisches Urvieh, mit Kompetenz in mancherlei praktischen Dingen. Aber ohne durchschaubare Konsequenz und vor allem völlig inkompetent in dem Bemühen, eine Familie zusammenzuhalten respektive die Tochter an den Mann zu bringen. Die resultierenden Wogen zu glätten, Orientierung wiederherzustellen und zugleich das Muster des guten Menschen darzustellen, ist der Job von Matti. Ahmad Mesgarha zeigt ihn nicht gerade als beflissen, eher etwas verdrießlich, illusionslos, mit allerlei Wassern gewaschen. Nicht bloß schlecht gelaunt, weil ihn der Chef mit Klebeband an den Rollstuhl gefesselt hat (der hier das Auto vorstellen muss), um nicht bei der Sauforgie mit dem Richter (Hübner) gestört zu werden. Nicht bloß zum Munde redend, sondern auch mal seine Privilegien ausreizend, etwa bei der Abkühlung für den Herrn im Waschzuber, assistiert vom schnuckeligen, aber meist unschuldig blickenden Stubenmädchen Fina (Westernstöer).

Manche Anachronismen wie das rasch vom Winde verwehte Anti-Wallstreet-Zelt des doch eher biederen Roten Surkkala (Martin Schmitz) bleiben an der Oberfläche, über den altersmäßigen Widerspruch in der Besetzung der Protagonisten könnte man ins Grübeln kommen. Aber jedenfalls kommt Töchterchen Eva (Rosa Enskat) noch weniger in Frage für den eitlen Milchbart von Attaché, und so kann ihn Benjamin Pauquet nicht nur als reine Schießbudenfigur, sondern (nicht zuletzt dank aktueller der Erfahrung des Publikums) auch ein bisschen bemitleidenswert darstellen. Eine ironische und scharfblickende, schwer mit Haaren auf den Zähnen gesegnete Eva ist dagegen ebenbürtiger Widerpart des autoritären Vaters und wäre sogar eine glaubhafte Alternative für Matti. Die Unüberwindlichkeit von Standesschranken, an der die schließlich sogar von Puntila gewünschte Verbindung scheitert, leuchtet in dieser Konstellation nicht so recht ein. Also ist es Matti, der die Verantwortung scheut, egal ob sie Eva oder Fina heißt, und lieber seine etwas einfältige innere Zufriedenheit behalten will, die sich auf vermeintliche Einsicht in den Gang der Dinge gründet.

Und so bleibt seine Schlussbotschaft in diesem Fall mit Recht bloßes Zitat. Den Gang der Dinge zu ändern, erfordert mehr als nur Einsicht, aber der Verzicht auf jede klassenkämpferische oder belehrende Intention führt doch zu einem betrüblichen Einverständnis, wenn nämlich die allgemeine Resignation nur zu geschickt übertönt wird durch eine Menge teils derber, jedenfalls sehr gekonnt vorgetragener Späße, die von aktueller Realsatire noch unverhofft befördert werden. So gipfelt der Chor der verschmähten Bräute in einer herrlich angeschrägten Interpretation der "Bohemian Rhapsody" von The Queen, und Eva singt zum Abgang das gern gewählte "Somewhere Over The Rainbow". Am Ende heftige Begeisterung um die singenden Schauspieler mit Ranft, Mesgarha, Enskat an der Spitze.

Tomas Petzold

nächste Aufführungen: heute, 23.3., 1.4.

www.staatsschauspiel-dresden-de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 12.03.2012

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