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Brechts "Leben des Galilei" von Armin Petras am Staatsschauspiel Dresden

Brechts "Leben des Galilei" von Armin Petras am Staatsschauspiel Dresden

Entscheidender Auslöser der Arbeit an dem Stück "Leben des Galilei" war für Bertolt Brecht die Entdeckung der Spaltbarkeit des Urans und damit der Möglichkeit des Baus der Atombombe.

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Das Leben, ein Gestöber: Galileo Galilei (Peter Kurth) mit seiner Tochter Virginia (Julischka Eichel) - und einem fast Foucault'schen Pendel.

Quelle: Matthias Horn

Aus dem heute jedermann zugänglichen Wissensstand über den italienischen Philosophen, Physiker, Mathematiker und Astronomen ergibt sich durchaus das Bild eines "modernen" Wissenschaftlers: scharfsichtig und fantasievoll, aber auch umtriebig und geschäftstüchtig bis zu den Grenzen der Legalität, ein Reformdenker, aber eben kein Revolutionär und schon gar kein geborener Märtyrer. Am ehesten ein Besessener: besessen von der Freude am Experiment und der Jagd nach Wissen und der nicht ganz uneitlen Sucht nach dessen Verbreitung.

Diesem Charakterzug wird die jüngste Dresdner Inszenierung des Stücks, die jetzt Armin Petras in einer Koproduktion mit dem Berliner Maxim Gorki Theater auf die Bühne des Schauspielhauses brachte, am ehesten gerecht. Weniger der im Programmheft angedeuteten Verheißung "Wissenschaftsgeschichte als episches Theater". Dieses Feld überlässt Petras Carsten Nicolai, der eher eine ironisch mit neuzeitlichen, eher harmlosen Wissenschafts-Accessoires spielende Installation als Bühnenbild geliefert hat. Freilich in einem schönen klaren Raum, einem Kubus mit - im ersten Teil - spiegelnden Seitenwänden und einer großen kreisrunden Öffnung in der Decke, aus dem an einem langen Seil eine Kugel pendelt, die an den Erdtrabanten erinnert. Oder an das Foucault'sche Pendel, von dem Galilei nichts wusste und das in Italien auch nicht recht funktioniert. Immerhin zitieren außer den wie vom Himmel fallenden Fernrohren auch die Scheinwerfer noch Galileische (nicht immer originäre) Entwicklungen, aber insgesamt sind Elektrifizierung und Knowhow auf der Bühne so weit fortgeschritten, dass sich die seinerzeit noch fast unüberwindbar erscheinenden Hürden vor heute ganz simpel anmutenden Erkenntnissen nicht mehr ahnen lassen.

Versinken in Schaumflut

Die Fülle der Figuren und das vielschichtige Beziehungsgeflecht erscheinen durch häufiges simultanes, gelegentlich chorisches Auftreten oberflächlich überschaubar, werden aber nicht wirklich transparent, oft auch nicht tiefer hinterfragt. Die Szene lebt vielmehr von eindrücklichen und oft recht witzigen Arrangements, denen die überzogen stilvollen Kostüme Karoline Bierners den letzten Kick geben. Etwa, wenn Galileo und seine Mitarbeiter mit einem überlangen Fernrohr um das Interesse der Florentiner Gelehrten werben, deren Darsteller ihre Köpfe in die ad hoc freigehackten Positionen auf lebensgroßen Stichen ihrer Vorbilder stecken, die schließlich vom beleidigten Linsenschleifer Federzoni (Gunnar Teuber) attackiert werden wie die Windmühlen von Don Quichotte. Als die Pest in Florenz wütet, berichtet Wolfgang Michalek (in welcher Rolle?) am Handy, allen gehe es gut, während schon alle um ihn herum und schließlich auch er selbst in einer sich ausbreitenden Schaumflut versinken. Doch statt etwas zu erhellen, erscheinen solcherart Aktualisierungen eher als Anbiederung an ein junges Publikum. Jedenfalls sind sie nicht geeignet, den so vielschichtigen, faszinierend widersprüchlichen Charakter des Galileo Galilei aus heutiger Sicht näher zu bringen.

Peter Kurth spielt ihn nahezu zwangsläufig fast schon in sich ruhend, durchaus einen Kreis beherrschend' Autorität, mit väterlicher Wärme und gedämpfter Sinnenfreude, der Kirche eher fremd und somit von einer anders gerichteten Mission überzeugt. Seiner Grenzen einsichtig, vertritt er den Kompromiss als Prinzip und legt ihn am Ende gar konspirativ aus, wenn er bezüglich seines erworbene Wissens bekennt: "Ich muss es weitersagen, wie ein Verräter." Von Brecht, der in Galilei den tragischen, wenngleich einsichtigen Prototyp des Wissenschaftlers sah, dem aufgrund der gesellschaftlichen Verhältnisse die Verantwortung für die Folgen seiner Entdeckungen entgleitet, scheint mir das ziemlich weit entfernt. Überhaupt könnte man Petras unterstellen, der Autor erscheine ihm in gewissen Passagen so fremd, dass er nicht nur große Textabschnitte weglässt und teils durch eigene Deutungen ersetzt, sondern auch das ganz eigene Experiment mit ihm nicht scheut, indem er eine Szene in quasi doppelter, schein-ironische Verfremdung vor den Eisernen Vorhang legt. Da mimt Wolfgang Michalek als "Mitbegründer des Vereins der Brechtimitatoren" den Balladensänger aus dem Stück. Als eine Art Faktotum mit dunkel gerandeter Brille und im Arbeitsanzug parodiert er den Autor, spielt hintersinnig mit Unbeholfenheit sowie plakativen Verfremdungseffekten und liefert einen frappierenden Stilbruch zur ansonsten eher etwas glatten Inszenierung, in der er mit distinguierter, leicht süffisanter Autorität besticht, nur einmal als Papst Urban völlig unmotiviert ausrasten muss. Anderen Darstellern wie Jonas Friedrich Leonhardi als schließlich entsagender Bräutigam Ludovico und Nele Rosetz als Haushälterin Sarti fehlt es an Gelegenheiten, sich nachhaltig einzubringen. Sebastian Wendelin entwickelt als Schüler Andrea Sarti wenig Format und bleibt so vor allem als witzige, aber kaum tiefschürfende Karikatur des Großherzogs von Florenz in Erinnerung.

Dicker Orchestersound

Zwei Zitate erscheinen als geistige Brennpunkte der Inszenierung: Der Sieg der Vernunft kann nur der Sieg der Vernünftigen sein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat. Darum bewegt sich das Leben des Galileo Galilei als bzw. auf einer Ellipse, wie er sie als Planetenbahn nicht wahrhaben wollte. Emotional dreht sich dagegen fast alles um Tochter Virginia, deren ersehntes und doch verfehltes, dem Vorurteil und dem Dogma zum Opfer gefallenes Glück. Petras schwelgt geradezu in einer kleinen Szene, in der Virginia (Julischka Eichel) an ihrem Hochzeitskleid herumstichelt, dabei die seit ihrer Verlobung vergangenen Tage und Jahre aufzählt. Ein bisschen ironisch, aber in ganz heutiger Weiblichkeit und immer mal wieder nach ihrem Geliebten rufend. Für die folgende Beinahe-Vereinigung genügt die auch sonst oft überspielte Bühnenmusik Hanns Eislers (Thomas Mahn, Christian Patzer, Friedemann Seidlitz) offenbar nicht, dicker Orchestersound muss für gehörigen Schmelz und Schmalz sorgen.

Aber in Galileis Disput mit dem Kleinen Mönch (Paul Schröder) wird doch sehr einfühlsam herausgearbeitet, was das geozentrische Dogma für das seelische Gleichgewicht Not und Mühsal leidender Menschen bedeutet, eine sehr treffende Charakterisierung im Sinne "Religion als Opium für das Volk", die den Gottesglauben als solchen gar nicht in Frage stellt. Wer den Fundamentalismus im Allgemeinen und die Rückwärtsgewandtheit zum Mittelalter im Besonderen als aktuelle Hauptbedrohung der menschlichen Zivilisation ansieht, kommt also auf seine Kosten in dieser Inszenierung, die bei mir allerdings recht gemischte Gefühle zurücklässt. Optisch reizvoll, weitgehend unterhaltsam und manchmal bewegend ist sie schon - eine geistige Herausforderung eher nicht. Der Schlussbeifall fiel immerhin recht freundlich aus.

nächste Vorstellungen: heute, 29. März, 10. April

www.staatsschauspiel-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.03.2013

Tomas Petzold

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