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Braucht Offenbach eine Therapie? - Ein Projekt der Musikhochschule Dresden mit der Staatsoperette

Braucht Offenbach eine Therapie? - Ein Projekt der Musikhochschule Dresden mit der Staatsoperette

Zum zweiten Mal in Kooperation mit der Staatsoperette sollten Studierende der Dresdner Musikhochschule Semester und Saison mit einem Operettenprojekt beenden. Die Wahl fiel auf "Orpheus in der Unterwelt" von Jacques Offenbach in einer "halbkonzertanten" Aufführung.

Konzertant, kennt man, halbszenisch, na ja, kennt man auch, aber halbkonzertant? Lassen wir uns überraschen. Elisabeth Holmer, Professorin für Szenisches Dialogstudium und Sprecherziehung an der Hochschule für Musik, hatte zwecks halbkonzertanter Aufführung ein Konzept, bei dem sie selbst als Moderatorin ihre Operettengäste aus der Unterwelt auf die Couch als Markenzeichen der Talkrunden bitten wollte.

Die Talkmasterin ist erkrankt, und es ist müßig, darüber zu spekulieren, ob ihr Konzept funktioniert hätte. Es ließ sich jedenfalls nicht übernehmen von Andreas Baumann, der es in kurzer Zeit dankenswerter Weise übernahm, die halbkonzertante Aufführung in halbszenischer Fassung zu organisieren. Die Couch bleibt stehen. Als John Styx, Exkönig von Böotien, jetzt Kammerdiener Plutos, spielt Martin Rieck einen Herrn Dr. Siegmund Freundlich. Dieser legt seine Patienten auf die Couch, um sie in die Unterwelten ihres Unterbewusstseins zu führen. Da hat er leichtes Spiel bei Katharina Kühn als Eurydike, die von ihrem Gatten Orpheus genug hat und davon, träumt ein laszives Luder zu sein. Nicht schwer ist es ebenfalls bei Sie Hun Park als Pluto, eigentlich in Gestalt des Schäfers Aristeus, hier nur ein kleiner Kiffer, dessen Sprunggelüste ganz offensichtlich der Couch samt darauf liegender Eurydike gelten. Fortsetzung hinter dem Möbel, damit das auch keiner falsch versteht, fliegt ein BH von üppiger Körbchengröße ins Sprechzimmer des freundlichen Herrn Dr. Freundlich. Na ja, diese Einstiegsidee lässt sich kaum lange durchhalten. Naheliegend ist Ju-Eun Jeon als Orpheus Professor an der nämlichen Hochschule und in selbstverständlich völlig frei erfundener Assoziation besser im Vernaschen von Studentinnen als im Komponieren neuer Stücke. Der Mann braucht keine Couch, er hat einen cleveren Steuerberater, das ist Countertenor Stefan Kunath als Öffentliche Meinung.

Auf der nämlichen Couch umsummt auch Henrik Marthold als Götterchef Jupiter in Gestalt einer erotisierenden Fliege Eurydike und hat Erfolg. Dazu noch die zunächst müde, dann recht muntere Götterclique, Elena Patsalidu, Gloria Ebert, Eszter Forgó, Friederike Meinke, Leandra Johne, Yichi Xu, Timo Hannig und Raphael Hering als Diana, Cupido, Venus, Juno, Cybele, Merkur, Mars und Morpheus, letzterer ganz sinnig im Schlafanzug mit Teddybär.

Halbszenisch oder halbkonzertant, nichts Halbes nicht Ganzes, was die szenischen Ideen und Umsetzungen angeht, das mag den Umständen geschuldet sein, die Frage am Ende, warum nicht dann doch eine konzertante Aufführung, zumal es sich um eine Auswahl von 15 Stücken aus der Operette handelt, ist damit nicht beantwortet.

Musikalisch jedenfalls, was das Engagement der Studentinnen und Studenten angeht, die wohl aus allen Studienjahren, also mit ganz unterschiedlichen Erfahrungen kommen dürften, erlebt man einen so fröhlichen wie hoffnungsvollen Abend. Bewegen sie sich doch auf sicherem Fundament bzw. können mit gutem, mitunter kräftigem Rückenwind agieren. Das Orchester der Staatsoperette kennt seinen Offenbach, spielt mit Genuss und Sicherheit unter der Leitung der beiden Studenten Karl Bernewitz und Markus Teichler.

Geht Bernewitz die mehrteilige und von unterschiedlichen Stimmungen getragene Ouvertüre noch vorsichtig an, so übernimmt er im zweiten Teil wieder, nachdem sein Kollege Teichler schon mal etwas forscher aufspielen ließ, um dann Offenbachs Dauerbrenner entsprechend hitzig ins höllische Galopp-Finale zu leiten. Dann sind sie auch alle vereint, Götter und Menschen, zum Cancan hebt jeder halt das Bein, so hoch er kann.

Viel Applaus für diesen Sommerspaß als zweites Projekt der gemeinsamen Reihe von Hochschule und Staatsoperette unter dem etwas hochgreifenden Motto: "Gold und Silber - GLÄNZEND". Demnächst könnten die Wege zueinander ja wesentlich kürzer sein, dann kann auch noch mehr poliert werden.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.07.2013

Boris Michael Gruhl

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