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"Boom, Bubble & Blast" in der Motorenhalle war als Kunst gegen die Krise konzipiert, nun schleicht noch Aktuelleres durch die Ausstellung

"Boom, Bubble & Blast" in der Motorenhalle war als Kunst gegen die Krise konzipiert, nun schleicht noch Aktuelleres durch die Ausstellung

"Crisis? What Crisis?" hieß mal ein Supertramp-Album. Die damit illustrierte Beschreibung negierter Realitäten war - man schrieb 1975 - durchaus bemerkenswert.

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Vorn die verstörende Skulptur Tjorg Douglas Beers "Nwad Nedlog", dahinter das dominierende "Cancer Stage of Capitalism".

Quelle: Frank Buttenbender

Heute ist es, angesichts eines überbordenden (Des-)Informationsangebotes, ungleich schwerer, sich dem globalen Geschehen zu entziehen (trotzdem wird es von mehr und mehr Menschen versucht). Die Informationen jedenfalls, die jetzt in täglicher Wiederkehr auf uns einströmen, kürzlich angeblich bewältigte Krisen beschreibend und in unschöner Regelmäßigkeit vor immer neuen warnend, bilden den Nährboden für eine künstlerische Auseinandersetzung mit dieser komplexen Gemengelage, wie sie derzeit unter dem Titel "Boom, Bubble & Blast" in der Motorenhalle des riesa efau zu sehen ist.

Der Untertitel der Schau, die fast 70 Künstler vereint, lautete ursprünglich "Kunst gegen die Krise". Daraus wurde dann, vor allem mit Blick auf die jüngsten Dresdner Entwicklungen à la Pegida, im Laufe des Januars kurzfristig "Zur Kunst der Demokratie". Auch wenn die Änderung nachvollziehbar erscheint, bleibt die Formulierung doch stecken zwischen vage und unglücklich. Der neue Untertitel impliziert, Demokratie selbst wäre Kunst - und die Schau der Kommentar dazu. Allein das zeigt die Schwierigkeit, mit einer Ausstellung auf aktuelle Gegebenheiten und Entwicklungen eingehen zu wollen.

Dennoch ist der entsprechende Versuch interessant, besonders wegen seiner Vielgestalt. Die Grundidee, die Auswirkungen der Finanzkrise in künstlerische Positionen zu packen, bildet auch sehr folgerichtig den Blickfang und installatorischen Mittelpunkt der Schau: "Cancer Stage of Capitalism", eine riesige aufblasbare Skulptur, die das Gravitationszentrum der Ausstellung bildet, um das die anderen Exponate wie Satelliten kreisen. Gefertigt von der Londoner Künstlergruppe NewArtonMondays nach einem Buch des kanadischen Philosophen John McMurtry, steht da nun dieses unförmig aufstrebende Monstrum. Es wächst in diesem Fall tatsächlich nur, wenn es mit Luft geflutet und so aufgerichtet wird. In seiner Nicht-Gestalt bleibt es dennoch bedrohlich. Doch was für ein Bild des Kapitalismus entsteht hier unterm Strich? Eins der Dominanz des Marktes, den man ohne weiteres auch als wucherndes Karzinom sehen könnte? Wohl weniger, schließlich stehen hinter dem entpersonalisierten Markt-Begriff immer Entscheidungen von Menschen - was "Cancer Stage of Capitalism" schwerlich abbilden kann. Und die Nebennutzung der Skulptur als Hüpfburg? Ist vielleicht einfach nur eine Kapitulation. Ihr könnt anstellen mit mir, was ihr wollt, es juckt mich nicht, meint die Vollluft-Variante des Kapitalismus zu sagen. Anders gefragt: Darf man Witze über diese Gesellschaftsform reißen? Die Antwort: Man muss, sonst wäre auch sie nicht auszuhalten.

Daneben aber verstreuen sich noch reichlich andere, deutlich kleinere Exponate in der nicht ganz so üppigen Weite der Motorenhalle. Und wo sonst sicher nicht der Ort für name dropping ist, sei an dieser Stelle eine Ausnahme erlaubt: Bela B, Funny van Dannen, Sebastian Krumbiegel bereichern den Parcours ebenso wie Klaus Staeck oder das britische Gespann Peter Kennard und Cat Phillipps alias kennardphillipps, das im vergangenen Jahr bereits maßgeblich in der Ausstellung "Im Kreuzfeuer" im Dresdner Stadtmuseum vertreten war. In der Motorenhalle zeigen sie überdimensioniertes, collagehaft verändertes Papiergeld, dessen Oberfläche wie ein Eiterbläschen aufgeplatzt ist. Aus den Rissen drängen sich Bilder, von Armut bis Konsum. Der Hintergrund dessen, was wir hier mantrahaft mit Wachstum umschreiben.

Die Resonanz auf Wirtschafts-, Finanz- und Bankenkrisen wird aber überlagert vom im politischen Geschehen der vergangenen Wochen verankerten Grundton der Schau. Dabei überzeugt nicht alles, auch wenn einzelne Arbeiten wie die sich kreuzenden Schriftzüge Freiheit und Feigheit in "Code Pegida" des deutschen Künstlers Flatz Eindruck hinterlassen. Und wenn's um das Fremde geht, zieht Henrik Schrats "Bruderkuss" die Blicke auf sich. Einen ganz speziellen Touch mit dem Thema bekommt übrigens auch, wer die Toiletten der Halle betritt.

Der Krisen und krisengeplagten Felder gibt es hier viele. Doch Aufschwung, Blase, Knall bleibt der Dreiklang unserer Tage. Langes Abwarten braucht es nicht. Es dürfte nicht lange dauern bis zum nächsten Zyklus.

bis 4. April, Motorenhalle, Wachsbleichstr. 4a, Di-Fr 16-20, Sa 14-18 Uhr, Eintritt frei

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 19.03.2015

Torsten Klaus

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