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Bodecker & Neander mit "Hereingeschneit" im Societaetstheater Dresden

Schneeträume in stummer Poesie Bodecker & Neander mit "Hereingeschneit" im Societaetstheater Dresden

Schlichte Idee entfalten oft den größten Charme. Denn so simpel Bodecker & Neander in ihrem Weihnachtsprogramm "Hereingeschneit. Geschichten für die Gänsehaut" ihre sieben Einzel-Episoden in eine Handlungsklammer packen, so gut funktioniert diese.

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"Hereingeschneit" führt in ein Dorf mit einsamen Menschen.

Quelle: Kasia Chmura-Cegielkowska

Dresden. Schlichte Idee entfalten oft den größten Charme. Denn so simpel Bodecker & Neander in ihrem Weihnachtsprogramm "Hereingeschneit. Geschichten für die Gänsehaut" ihre sieben Einzel-Episoden in eine Handlungsklammer packen, so gut funktioniert diese. Sie entführen - per Erzähler aus dem Off - in ein Dorf mit sieben einsamen Leuten, die nicht miteinander reden und nun allesamt jahrelang eingeschneit einsam träumen müssen.

Das passt als Metapher einerseits überall auf der Welt, andererseits besonders zu Weihnachten, zumal damit Dresden auch den letzten Schnee des Jahres und den einzigen zum Feste bekommt. Im Dorf hausen unter anderem ein hinkender Holzfäller, eine Bäckerin, ein herrschsüchtiger Aufsichtsratsvorsitzender, eine Lehrerin und natürlich ein korrupter Bürgermeister. Sie träumen vom perfekten Weihnachtsbaum, von einem herrlichen Fastfood-Sandwich, einem Fernsehabend in einer Männer-WG, vom vierhändigen Klavierkonzert ihrer Schüler und einem reichhaltigen Bestechungsvertrag. Dabei werden die Geschichten einerseits länger, aber auch skurriler, böser und abstrakter - und sind als gemeine Albträume bei weitem nicht alle weihnachtlich, aber immer ganz und gar bis zum Ende durchdacht und zur Pointe gebracht.

Bis auf ein Bodecker-Solo spielt das Duo die Szenen immer gemeinsam, piesackt sich dabei gehörig und unter Verwendung von mindestens jeweils fünfhundert Grimassenmodi, über die man allesamt nur staunen kann. Zudem schafft es mit einfachsten Mitteln ohne Bühnenbild und mit wenig Requisiten eine markante Bühnenpräsenz. Das hat Gründe: Denn der Schweriner Wolfram von Bodecker und der in Paris geborene Stuttgarter Alexander Neander taten sich nach ihrer dreijährigen Lehrzeit beim allergrößten Pantomimen Marcel Marceau erst zehn Jahre mit diesem gemeinsam, dann sich selbst zusammen und touren seit 1996 unter ihrem Compagnie-Namen. Spätestens seit 2010 erweist sich das deutsch-französische Duo auch als Glücksfall für diese Stadt, denn Tom Quaas holte sie für seinen "Faust ohne Worte" zum Theaterzirkus Dresden.

Da hatten sie längst ihren Stil geprägt: Visuelles Theater, ergänzt um große visuelle Konzerte, die auch vor kompletten Programmen zu Komponisten wie Jean Françaix, Philip Glass und Erik Satie nicht zurückschrecken und rasch auf große Musikfestivals und immer wieder zu ausgedehnten Südamerikatourneen führten. Ihr stummes Theater, das seit 2000 in sorgsamer Regie von Lionel Ménard auf äußerst präzise gespielten Shownummern in Symbiose von Mimenspiel und Körpertheater und auf Basis von genauem Licht- und Toneinsatz beruht, funktioniert auch dank ihrer Eleganz, die ihnen ihr Maestro reichlich mitgab. Natürlich gibt es bei "Hereingeschneit" keine gebratene Gänsekeulen bei der Dresdner Erstaufführung der neuen Edition am zweiten Weihnachtsfeiertag zu bewundern, die hier bis 3. Januar elf bereits gut vorverkaufte Fortsetzungen finden wird, obwohl geschmackvolles, rein visuelles Essen und Trinken zur Spezialität eines jeden Pantomimen gehört und auch hier häufig köstlich zelebriert wird.

Und es gibt auch wenig Grund für eigene Gänsehaut aus Spannungsmomenten heraus, dennoch entsteht im Publikum ganz rasch ein warmes Gefühl für das eigenwillige Geschöpf namens Mensch, das sich gern selbst wie gegenseitig das Leben so schwer macht. So verbreitet der Abend in neun Szenen über reichlich achtzig pausenlose Minuten neben Witz einfach herzliche Rührung. Und auch die absehbare Pointe nach dem Dauerschneefall - die erwartete Auflösung geschieht geschickt erst nach dem vermeintlichen Schlussapplaus - funktioniert versöhnlich, sei aber nicht verraten.

Zum Troste für Zeit- und/oder Kartenlose: Schon Ende März (24. bis 28.) kommt das Duo, das derzeit sieben Soloprogrammen (dazu vier mit Livemusik plus fünf mit echter Orchesterbegleitung) im Repertoire hat, wieder ins Soci, um beim unsterblichen "Faust ohne Worte" mitzumimen. Und auch der sächsische Sommerschulferienterminquatsch hat Auswirkungen auf sie, weil seit zwei Jahren auch die Bespielung des hauseigenen Barockgartens ihr Behuf ist. Dort gastieren sie vom 12. bis 28. August - Start also eine Woche nach Ferienende. Das präsentierte Programm ist ebenso noch im Schwange wie die Feierlichkeiten zum 20. Bühnenjubiläum, exklusiv wird es in jedem Fall.

"Hereingeschneit" vom 28. bis 30. Dezember, je 20 Uhr, und 29. bis 31. Dezember, jeweils 17 Uhr, sowie 2. & 3. Januar, jeweils 17 & 20 Uhr www.societaetstheater.de www.bodecker-neander.de

von Andreas Herrmann

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