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"Blütenträume": Staatsschauspiel Dresden stellt ein weiteres Stück von Lutz Hübner vor

"Blütenträume": Staatsschauspiel Dresden stellt ein weiteres Stück von Lutz Hübner vor

Nach und nach betreten sie - vorsichtig, entschlossen, handfest, selbstverliebt, verunsichert, zurückhaltend, verspätet - den tristen Seminarraum, schaffen gleich mit dem ersten Auftreten Markierungen ihrer Wesensart.

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Cornelia Schmaus (Gila), Lars Jung (Ulf), Helga Werner (Frieda), Annedore Bauer (Julia), Hannelore Koch (Britta), Albrecht Goette (Friedrich) und Günter Kurze (Heinz).

Quelle: David Baltzer

Und der noch halbwegs junge Kursleiter Jan schreibt auf die Tafel: " 55 +" quasi als Wegzeichen. Dabei gerät ihm der Plusstrich nach unten reichlich schwungvoll, und das Ergebnis amüsiert hörbar die Zuschauer. Nah am Tode aber scheint da keiner zu sein in dem zusammengewürfelten Haufen - ganz im Gegenteil. Sie alle wollen leben, möglichst anders als bisher, fühlen sich allein und erwarten Tipps, wie sie ihre Situation verbessern könnten. Und jeder hat irgendwie oder auch keinerlei Vorstellung davon, wie das geschehen müsste.

Kein Wunder also, dass es ihnen Jan (Philipp Lux) nicht recht machen kann. Schließlich hat dieser so seine festgeschriebenen Leitlinien und nutzt Formen wie "Speed Dating", um die vier Frauen und drei Männer für die "nachberufliche Lebensphase" fit zu machen. Zudem steht er sich auch mit seinen eigenen Befindlichkeiten und Erfahrungen im Wege, die ihn zuweilen merkwürdig reagieren lassen. Er versteht es überhaupt nicht, dass es auch anders gehen könnte, als er denkt - daraus entwickelt sich der mehr oder weniger spannende Konfliktstoff. Ein Generationenproblem? Man kann es nur bedingt so nennen. Vielmehr sind es Geschichten, die das Leben schreibt - egal, ob nun in 40 oder 60 Jahren.

Regisseur Thomas Birkmeir hat "Blütenträume" von Lutz Hübner am Staatsschauspiel Dresden inszeniert, und er arbeitet mit einer Besetzung, die sich durchweg als erlesen bezeich- nen lässt. Da trägt jeder mit seinem Part zur schauspielerischen Qualität des Abends bei, ist die Lust am Spiel deutlich zu spüren. Dass auch dieses Stück von Hübner - einer der erfolgreichsten deutschen Bühnenautoren - nicht unbedingt als große Theaterliteratur gelten muss, scheint kein Geheimnis zu sein. Dafür fehlt es dem Text einfach an Biss, Konsequenz und Dichte. Er schafft es aber, seine Gestalten so zu zeichnen, dass sie lebendig und nah sind - irgendwie kennt doch jeder eine Gila, Britta, einen Heinz oder Friedrich. Und Hübner opfert sie auch nicht dem ultimativen Spaß auf.

"Blütenträume" hat er bereits 2007 geschrieben, das Stück ist somit noch vor "Frau Müller muss weg" und "Die Firma dankt" entstanden, die am Staatsschauspiel so erfolgreich aufgeführt werden. Allerdings im Kleinen Haus! Die Dimension des Schauspielhauses ist, obwohl die Bühne von Christoph Schubiger möglichst nah ans Publikum heranrückt, einfach mal eine Nummer zu groß. Und die veränderte Raumgestaltung nach der Pause scheint in manchen Details auch wenig passend zu sein. Das alles ändert nichts daran, dass die erfahrenen Darsteller in Zusammenarbeit mit dem Regisseur eine liebenswert erzählte Geschichte rüberbringen, die den Zuschauern spürbar viel Freude bereitet.

Speziell Cornelia Schmaus, die als Gila immer mehr zur Seele vom Ganzen wird, zum Kern der sich schließlich im Glücksrausch umfassenden, bekennenden Siebenerbande, gelingen in der Figurenzeichnung schönste Nuancierungen. Jeder hat so seine kleinen, großen Momente, besonders auch Günter Kurze als Automechaniker Heinz, der das Leben nimmt, wie es gerade kommt. Und kräftig zuschlägt, wenn es ihm erforderlich scheint. Oder Lars Jung als Schreiner Ulf. Der so liebevoll mit den Dingen umgeht, dass man ihm letztlich zutraut, zusammen mit Frieda (Helga Werner) für ein kleines bisschen Glück sorgen zu können. Wie diese zum Schluss am Boden beieinander sitzen, er behutsam eine Fährte als kleinsten gemeinsamen Nenner legt, wirkt das bald wie die Vorstufe zum "Habt euch lieb"-Ausklang der so umstrittenen Dresdner Konwitschny-Inszenierung der "Csardasfürstin".

Eindringlich auch die Szene, in der Annedore Bauer als Maklerin Julia partout die einstige Liebe von Frieda zu ihrem älteren Mann idealisieren will, aber Helga Werner raubt ihr knallhart die Illusion, dass diese auch nur irgendwie Bestand haben konnte, wo es doch um die jahrelange Pflege eines an Alzheimer Erkrankten geht. Markant ebenso Hannelore Koch als Bibliothekarin Britta, die Veränderungen gar nicht erst zulassen will. Und Albrecht Goette in der Rolle des früheren Schuldirektors Friedrich, der immer stiller wird, weil ihm die anderen Eitelkeit und dergleichen mehr vorwerfen. Vor allem aber wird ihm auch seine eigene Vergänglichkeit bewusst.

Aufführungen: 3. und 7.7. Schauspielhaus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.07.2012

Gabriele Gorgas

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