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Bloßer Wandel heilt die Brüche nicht - Ausstellung des Künstlerbundes Dresden in Rathausgalerie

Bloßer Wandel heilt die Brüche nicht - Ausstellung des Künstlerbundes Dresden in Rathausgalerie

Die Ausstellung "Wandlungen" soll den thematischen Dreisprung des Künstlerbundes Dresden in der Galerie 2. Stock nach "Idylle" und "Brüche" beschließen.

Diese Themensequenz liegt ja intentional dem dialektischen Dreisatz von These, Antithese und Synthese nahe, mit dessen gebetsmühlenartiger Perpetuation jeder gelernte DDR-Bürger in der jüngeren Vergangenheit im übertragenen Sinne ideologisch gefüttert, aber selten gesättigt wurde. Indem ad 1) der Arbeiter- und Bauernstaat zur Idylle verklärt wurde, ad 2) Antithesen dagegen fallweise nur unter Lebensgefahr zu überstehen waren und drittens die Synthese quasi als Potenzierung der Idylle proklamiert wurde, läutete sie - auch wegen der Negation der Antithesen - den schmählichen Abgang der DDR aus der Weltgeschichte ein. "Durch Nacht zum Licht" fand nicht statt.

Hier und heute ist unser Problem ein anderes: Kann der Terminus "Wandlungen" in der Folge unserer Präsentationen einer Synthese qua Existenzsteigerung unter Bedingungen, die - auch die Künstler - eher ratlos machen, überhaupt entsprechen oder greift er einfach zu kurz, weil er weder eindeutig positiv noch negativ determiniert ist? Die Statements der Autoren und ihre Werke legen diese Vermutung nahe.

Die Schau zeigt 25 Arbeiten von elf weiblichen und acht männlichen Bildkünstlern. Deren technische Spezifikation ist von der Handzeichnung über Druckgrafiken und Malerei verschiedener Art bis zu Assemblagen, Pigmentdrucken und C-Prints weit gefächert; die Bilder sind überwiegend kleinformatig und kommen sich damit nicht ins Gehege, obwohl etwas mehr "Bilderstreit" schon denkbar gewesen wäre.

Wenn man die Unschärfe des Ausstellungsmottos - auch unter dem Aspekt "Nichts ist beständiger als der Wandel" - bedenkt, nimmt es nicht Wunder, dass einige Künstler dies als wesenhaft für ihre eigene Arbeit setzen. So freut sich Wolfgang Bruchwitz mit "Spiegelung" (Farblithografie 2012) über die Steigerung seines farblichen Ausdrucksvermögens, ähnlich wie Frank K. Richter, vielleicht, vor allem im kompositionellen Sinne, mit seinen Mischtechniken "Grün-schwarzer-Klang" (I-III, 2011). Frank Hoffmanns "impression on a night scene", Öl/Lwd., 2012, ist so schön - und handlich! - dass sie durchaus unlautere Begehrlichkeiten wecken kann.

Mit der Umwelt als Wirkort unseres Seins und unserem Umgang mit ihr beschäftigen sich mehrere Beteiligte. "Alle Räder stehen still", wenn in Leonore Adlers Acrylbild (2012) die geschundene Natur zurückschlägt und die Relikte unseres Tuns überwuchert. Anders beklemmend ist Regina Böhms Ölmalerei "Rückbau" von 2012, das den Wald und nicht den Plattenbau meint, der ja mittlerweile wieder an Geltung gewonnen hat. Die kleine C-Print-Suite des Fotografen Günter Starke "Syrinx und ihre Schwestern" offenbart erst beim zweiten Blick, wie sich die Elfen zunächst noch bestimmungsgemäß in die Natur integrieren, am Ende aber mit einem hohlen Baumstumpf vorlieb nehmen müssen. Cornelia Schuster-Kaiser macht mit "Garten im Winter", einem dunklen Ölbild, auch wenig Hoffnung auf neuen Frühling.

Vielfache Vernetzung menschlichen Schaffens

Gesellschaftliches im engeren Sinne beschäftigte immerhin fünf Künstlerinnen. Das Triptychon "Transformation" von Viola Schöpe ist nicht nur das größte, sondern zweifelsohne auch das bedeutendste Opus der Schau. Sie stellt die vielfache Vernetzung menschlichen Schaffens nicht mechanistisch-technisch à la Komplexzyklogramm, sondern in einer diffizilen feintonigen Malerei eher mystisch als einen nach vorn offenen Geschichtsvorgang dar, in dem "Weise Frauen" existenzielle Botschaften in die Zukunft tragen. Ihre Kollegin Viktoria Graf zeigt, ebenfalls per Triptychon, Gegenteiliges in forscher Peinture: den "Zwiespalt" einander zugehöriger junger Leute ohne einigende Zielvorstellungen, während Eva Backofen Lebensprozessen ("Verein" 2, "Sein" 2) in technisch anmutenden Collagen den Keim des Scheiterns impliziert. Mit "Cabaret" lässt Karola Smy Liza Minelli in der Kälte des Showgeschäfts auftreten und attackiert so die Event-Kultur unserer Tage mit einem kleinen Ölbild aus diesem Jahre.

Den Menschen als Individuum und Medium von Wandlungen reflektiert unter anderem Petra Vohland in ihrer Mischtechnik "Wer fängt den Ball?" ´so maliziös wie treffsicher als jedermanns alltägliche Versagensangst. Anne Kern hingegen führt in zwei Porträtstudien ("Kristin" IV/V, 2007/08) mit der Veränderung des Modells auch die eigene malerische Vervollkommnung zu einem deftig-konstruktiven Bildbau vor. Wie das Leben ein Antlitz furcht, kann einer Bildmontage des Verfassers entnommen werden. Der Computergrafiker Gerhard Deke lässt im seinem Pigmentdruck von 2008 "Woher - wohin?" eine Personengruppe noch schemenhaft, aber nicht hoffnungslos, aus dem Schatten treten. Bei Nadja Poppe ereignen sich Wandlungen, sobald sie zum Stift greift und diesesfalls in den beiden großartigen Zeichnungen "Äule" und "Zahnäugling" von 2012 Menschliches in Tierisches kippen lässt, dem man in natura lieber nicht begegnen möchte.

Augenfänger in der Bilderschau

Aufs Sinnbildliche zielen die kleine Assemblage "Der Geburtstag" (2012) von der Meißnerin Else Gold und die große Mischtechnik "orto" (2008) Detlef Schweigers, auch ein Augenfänger in dieser immer noch räumlich eng bemessenen Bilderschau. Beide Werke zeigen zentral die Urform des Kreises, bei Gold sicher im Sinne des Jahresringes, während Schweigers Opus, stärker verallgemeinernd, vom Subjekt, das seinen Ort trotz Bedrängung finden muss, bis zur Welthaltigkeit dieser Existenzfrage weit ausdeutbar ist.

Nach soviel Künstlerernst setzt Thorsten Fleischer mit seinen klaren und jedenfalls vergnüglichen drei Tuschzeichnungen (2012), insbesondere dem "Missverständnis" einen hellen Flötenton: Ein junger Vater rennt mit dem einen seiner Zwillinge von dannen, während der zweite dem verdutzten Storch im Schnabel hängen bleibt -

Meine Erörterungen lassen doch wohl den Schluss zu, dass diese Acchrochage zwar nicht erheiternd, aber alles andere als langweilig ist. Die Aussteller liefern qualitätvolle bildnerische Äußerungen ihrer Befindlichkeiten in einer Zeit, die zum Jubeln wenig Anlass bietet, wenn man davon absieht, dass in Dresden natürlich trotzdem alles am schönsten ist. Für diese Ehrlichkeit ist ihnen zu danken, wie auch der "Arbeitsgruppe Ausstellungen" für ihre professionelle Arbeit von der Bildauswahl bis zur Vernissage.

Last but not least ist der Stadtverwaltung dafür zu danken, dass sie sich mit der Projektfolge neuerlich zum Künstlerbund Dresden bekannt hat.

Ausstellung bis 18. Januar, Galerie zweiter Stock im Dresdner Rathaus, Mo-Fr 9-18 Uhr, Eintritt frei

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.01.2013

Jürgen Schieferdecker

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