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Biografisches um Don Quijote im Kleinen Haus in Dresden

Bürgerbühne Biografisches um Don Quijote im Kleinen Haus in Dresden

„Wind.Mühlen.Flügel“ heißt die jüngste Premiere der Dresdner Bürgerbühne. Natürlich spielt dabei das Utopische eine Rolle, nicht nur in Anlehnung an Cervantes’ Don Quijote. Doch die Spieler bringen auch viel Persönliches auf die Bühne.

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Dresden. Die Spontanumfrage der wieder einmal hinreißenden Bürgerbühnenakteure unter ihrem Publikum zeitigte ein enttäuschendes Ergebnis. Nur eine schmale Minderheit hatte Cervantes Klassiker „Don Quijote“ gelesen. Und der junge Mann, der zumindest dem Hörensagen nach Auskunft geben konnte, erwies sich als getürkt und als späterer Mitspieler Marco Tabor. Dabei zeigten die Assoziationen, die der Stoff aus dem frühen 17.Jahrhundert bei Autor und Regisseur Tobias Rausch und den Spielern ausgelöst hat, wie gegenwärtig die Paranoia des Ritters von der traurigen Gestalt erscheint. Ritterromane heißen jetzt Fantasy, und der Wust von Computer- und Internetspielen rekurriert meist auf die Zeit, als noch mit Lanze und Schwert für edle Sachen und hohe Damen gekämpft wurde. Und damals wie heute wird man von der Lektüre oder der Klickerei eben „Matsch in der Birne“, wie es erfrischend direkt im Stück heißt. Die Realitätsverweigerung, die das Aufgehen in der virtuellen Welt heute zur Folge haben kann, ist auch an anderer Stelle in der Gegenwartsdramatik schon thematisiert worden. Die Analogien zur hermetischen Fantasy-Welt, zu Spielen wie „Dragon Age“ bietet die eine Perspektive, aus der sich die sechs Spieler dem alten Cervantes nähern. Die andere ist eine Spurensuche in einer nicht minder geheimnisvollen Bibliothek. Die Bücher sind Freunde, die leben und agieren und miteinander flüstern. Und dieses eine, besondere, wird immer wieder gesucht.

Hier, aus der Herrentoilette kommend, in die seine Lanze kaum hineinpasst, tritt nach mehr als einer halben Stunde Don Quijote schließlich selbst in Erscheinung. Hans Kubach ist wirklich ein Ritter von der traurigen Gestalt, umso mehr, wenn man ansatzweise seine Lebensgeschichte erfährt und begreift, dass er hier in lakonischem Tonfall und eher Absenz denn Bühnenpräsenz sich selbst spielt. Der promovierte Journalist war Redakteur der Sächsischen Zeitung, wurde krank und ist seit 1993 arbeitslos. Mit ihm kommt nicht nur seine autobiografische Komponente hinzu. Die anderen Spieler bringen auch zunehmend sich selbst oder Interviews ein, die sie mit anderen Dresdnern geführt haben. Die Grenzen zwischen produktiver Phantasie und destruktivem Wahn fließen. Wunschpartner werden imaginiert, eine Wissenschaftlerin erliegt ihren Obsessionen. Ähnlich wie in der literarischen Vorlage sollen die Sexarbeiterinnen eines Dresdner Bordells von Ausbeutung befreit werden. Jenen weißen Engel, die weiße Fee vom Hauptbahnhof, auf die Don Quijote wie auf seine angebetete Dulcinea vergeblich wartet, hat es als Vision „tatsächlich“ gegeben.

Der Ritter erzählt im polizeilichen Verhör aber auch seine Gerechtigkeitsphantasien und Träume von einer besseren Welt. Winnetou vor seiner Ermordung zu retten, ist noch das harmloseste Beispiel. Der legendäre Kampf gegen Windmühlenflügel ist einer gegen die Türme des Kapitals, der Ritter ein einfältiger Kämpfer gegen Ausbeutung und Neoliberalismus. Und ein Romantiker von 1989. Die Windmühlen werden als Schattenspiel mit Hilfe schlichter Pappbecher und von Plastikbesteck auf rührende Weise an die stoffbespannte Kulisse projiziert. Durchlöcherte Bierbüchsen erscheinen auf diese Weise als Skyscraper. Ein Mittel, das in zauberhafter Art vielfach eingesetzt wird. Zauberhaft spielen auch die vier jungen Damen in Weiß, Greta Börke, Caroline Hellwig, Claudia Seiler und Susanna Pervana, das Kind griechischer Einwanderer. Das geht nicht nur menschlich nah und ist in der Probebühne des Kleinen Hauses von unmittelbarer Wirkung. Besonders die sehr jungen Darstellerinnen verblüffen wie so oft bei der Bürgerbühne auch mit handwerklichem Können.

Die anfangs originellen Perspektivwechsel und wechselnden Assoziationsebenen verlieren mit späteren teils weitschweifigen biografischen und authentischen Exkursen doch etwas an Fahrt. Der bekannte Autor Martin Heckmanns hat zwar an der Dramaturgie mitgearbeitet, aber hier hat das Eineinhalbstundenstück noch Reserven. Eine vierköpfige Holz- und Blechblaskapelle in Gauklerkostümen hingegen unterstreicht mit Musik von Matthias Herrmann hingegen genau die zwischen Mittelaltermarkt und PC-Bildschirm lavierende Stimmung. Ein sehenswerter Abend für alle süßen Träumer, angenehmen Spinner, verhinderten Antikapitalisten und pädagogisch noch beeinflussbaren Computerfreaks.

Von Michael Bartsch

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