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"Bildtaktik", ein Darstellungsüberblick in Wissenschaft und Kunst, in der ALTANA-Galerie

"Bildtaktik", ein Darstellungsüberblick in Wissenschaft und Kunst, in der ALTANA-Galerie

Die Zeit, als sich mit der ALTANA Galerie Kunst + Technik der Technischen Universität (TU) Dresden ein einzigartiges Ausstellungszentrum für zeitgenössischer Kunst mit europäischer Perspektive - und in reizvollem Kontrast zu öffentlichen Museen - von Stadt und Land zu etablieren schien, ist Geschichte.

Im Görgesbau auf der Helmholtzstraße hat sie sich niedergeschlagen durch die dauerhafte Integration von Kunstobjekten zwischen den Elektromaschinen, die hier als historische Zeugen und Lehrmittel ihren seit längerem angestammten Platz behaupten. Daneben finden nur noch gelegentlich weiterhin Ausstellungen statt. Allzu hoch fliegende Pläne, zumal im Hinblick auf öffentliche Ausstrahlung, lassen sich mit dem hier gegebenen Umfeld real stattfindender Lehre und Forschung freilich nicht verwirklichen, und das Verhältnis von Aufwand und Nutzen muss letztlich unbefriedigend bleiben, wenn nicht der institutionelle Träger, nämlich die TU, einen Nutzen daraus ziehen kann.

Insofern ist das Stichwort des aktuellen Projekts durchaus im doppelten Sinn zu verstehen, eine sinnvolle "Bildtaktik" versucht in Umkehrung des früheren Prinzips die Einbeziehung autonomer Beiträge bildender Kunst in einen Themenkomplex, der an der Dresdner Uni seinen festen Platz hat, in diesem Fall die Gestaltungslehre.

Niels-Christian Fritsche, Inhaber der Professur für Darstellungslehre an der Fakultät Architektur, der gemeinsam mit Sabine Zimmermann-Törne die Schau mit dem vollständigen Titel "Bildtaktik - Abbilden, Gestalten, Darstellen in Kunst und Wissenschaft" kuratiert hat, spricht vom Versuch eines kompletten Überblicks über sein Fachgebiet. Der Stoff biete sich über das Thema einer öffentlichen Ringvorlesung hinaus an als lohnender Forschungsgegenstand nicht nur etwa für die Psychologie an, sondern grundsätzlich für alle Fakultäten.

Die schier unüberschaubare Vielfalt optischer Eindrücke in der heutigen Welt ist ohne Orientierungshilfen und Selektion nicht zu bewältigen. Die Bilder, einst mühsam herstellbare Kultgegenstände, gehütete Kostbarkeiten, verbreiten sich inflationär und machtgierig. Dank der rasenden Schnelligkeit ihrer Erzeugung und Verbreitung drohen sie jede andere Art der Wahrnehmung, ja sogar die verbale Vermittlung in den Hintergrund zu drängen. Wer beispielsweise heute in einer chemischen oder medizinischen Fachzeitschrift veröffentlichen will, hat zuerst ein graphical abstract (und nicht nur wie früher einen kurzen Textabriss) zu liefern, das die Grundaussage des Beitrags visualisiert. In der Welt von heute ist das Bewusstsein einem ständigen Kampf der Bilder ausgesetzt, die um Aufmerksamkeit, letztlich um Konsum werben. Im Unterschied dazu wird in der Ausstellung wertneutral eine Fülle von Einzelbeispielen präsentiert, die auch für die historische bzw. technische Entwicklung der Abbildung und Formgebung stehen. Fragen nach Wirkungsmechanismen und sinnvollen Schlussfolgerungen lassen sich anhand das Einzelobjekts durchaus stellen.

Verbindung zur Kunst nicht plausibel

Tatsächlich wird hier nicht zuerst der Kunstliebhaber oder Technikfan, vielmehr der allgemein Interessierte mancherlei Anregungen finden, zumal einige Phänomene der Wahrnehmung gewissermaßen im Selbstversuch erfahrbar sind, etwa beim Begehen eines von Studenten aus schwarzem Klebeband hergestellten Raumbildes. Der Besucher kann sich von der methodischen Struktur, provozierend-anregenden Fragestellungen oder den kommentierenden bis plakativen konkret-poetischen Bildern Timm Ulrichs' leiten lassen, sich aber auch ganz unbefangen den Beispielen der Bildschöpfung, visuellen Kommunikation, Formgebung und Produktgestaltung widmen. Allerdings scheint die Größe der Schnittmenge zwischen den Vorgängen des Abbildens, Gestaltens und Darstellens etwas vernachlässigt. Hauptsächlich besteht sie in der Erkenntnis, dass ohne gestalterische Idee letztlich jede "Bildtaktik" ins Leere läuft. Das Abbilden wird sehr technisch betrachtet, das Darstellen aus der Perspektive der Vermittlung von komplexen Inhalten. Auf der Ebene des Gestaltens wird zwischen ultimativer Zweckform, funktional, ästhetisch und ergonomisch optimierter "Reißform" und ornamentaler/fantasievoller "Quatschform" unterschieden. Das Design von Möbeln, Fahrzeugen und Gebrauchsgütern wie Zitronenpressen oder Zahnbürsten liefert Beispiele für unterschiedliche bzw. mehr oder weniger sinnvolle Freiräume.

Die Verbindung zur bildenden Kunst, wo sie nicht direkt integriert ist wie Esther Glücks aus Abformungen entstandene "Ellbogengesellschaft" oder Bildstrukturen aus der naturwissenschaftlichen Forschung aufgreift, wird nicht recht plausibel. Viele Beiträge wären leichthin der reinen Fantasieform zuzuordnen, gäbe es nicht gleich im Treppenaufgang (das Porträt des Hauspatrons flankierend) zwei großformatige Arbeiten des vielseitigen japanischen Künstlers Hiroyuki Masuyama, die Sinn und Unsinn, Vermögen und Grenzen bildlichen Darstellens aufzeigen. Zugleich machen sie auf sehr ästhetische Weise den unauflösbaren Widerspruch von Nähe und Distanz, Detail und Überblick sinnfällig, der gerade noch in der Wahrnehmung einer mikroskopisches Großaufnahme des berühmten Großmogul-Hofstaats aus dem Grünen Gewölbe aufgehoben schien. Aber angesichts der hier 10 000 Galaxien, da 10 000 Selbstporträts, die als Miniaturfotografien im Raster angeordnet sind auf jeweils etwa zwei Quadratmetern, fallen unendliche Mühsal der Herstellung und Grenzen der Glaubwürdigkeit bzw. Darstellbarkeit auf geradezu deprimierende Weise zusammen. Von hier aus ließe sich auch weiter eruieren, was die bildende Kunst für heutige und künftige Generationen an zumal historischer Weltsicht vermitteln kann, aber das geschieht nicht einmal retrospektiv, wenn etwa Böcklins "Toteninsel" nur von der Maltechnik her analysiert wird.

Ein den Wahrnehmungsprozess erhellendes Bild ist "Moving Bauhaus" von Patrick Hughes. Der Künstler hat eine Galerie mit Durchblicken auf ein dreidimensionales, Räume bildendes Objekt gemalt. Je nach Standpunkt und Bewegung des Betrachters erscheinen Wände teilweise verdeckt bzw. in unterschiedlicher Verkürzung, so dass der Eindruck sich drehender Objekte entsteht.

Seit Goethe haben sich die Wege von Wissenschaft und Kunst bei der bildlichen Darstellung immer weiter voneinander getrennt, konstatiert Fritsche (eine große Zeittafel listet einschlägige Erfindungen bzw. Neuerungen auf). In der Gegenwartskunst sieht er eine starke, hier durch etliche Beispiele belegte Tendenz zur Verweigerung von Deutbarkeit oder Aussage, was im Falle von Materialbildern aus Stroh (Olaf Holzapfel), Wattestäbchen (Susan Winter) oder Lochblech (Friedrich Kracht) aber auch des Hinterfragens wert ist.

bis 11. Juli, Helmholtzstr. 9, geöffnet Mo-Fr 10-18 Uhr

www.altana-galerie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.06.2015

Tomas Petzold

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