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„Bildanalytische Photographie“ von Timm Rautert

Kupferstich-Kabinett „Bildanalytische Photographie“ von Timm Rautert

Timm Rauterts „Bildanalytische Photographie“ gehört zu den wichtigsten Werken der deutschen Fotografie der 1960er und 70er Jahre. Das Ensemble umfasst 56 Einzelarbeiten: Neben analogen Schwarzweiß- und Farbfotografien enthält es Bild-Text-Collagen, Bedienungsanleitungen und Arbeitsmaterial der analogen Fotografie.

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Timm Rautert. Sonne und Mond von einem Negativ, 1972. Foto:Dietrich Flechtner

Dresden. Der Sinninhalt der Fotografie bestehe in ihrer indirekten Behauptung „es ist so gewesen“, schrieb der französische Philosoph Roland Barthes 1980. Zu diesem Zeitpunkt hatte Timm Rautert mit dem Werkzyklus „Bildanalytische Photographie“ von 1968 bis 1974 längst eine kluge wie pointierte Reflexionsarbeit über die Möglichkeiten und Grenzen der Fotografie geschaffen, die Barthes’ Aussage massiv erschüttert.

Timm Rauterts „Bildanalytische Photographie“ gehört zu den wichtigsten Werken der deutschen Fotografie der 1960er und 70er Jahre. Das Ensemble umfasst 56 Einzelarbeiten: Neben analogen Schwarzweiß- und Farbfotografien enthält es Bild-Text-Collagen, Bedienungsanleitungen und Arbeitsmaterial der analogen Fotografie. In dem Zyklus analysiert der Künstler die Formen und Funktionen, den Aufbau und die Gesetzmäßigkeiten seines Mediums. Die Werkreihe befindet sich seit 2014 im Besitz des Kupferstich-Kabinetts der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Jetzt ist die Arbeit zum ersten Mal in Gänze zu sehen, in einer feinen, präzisen Ausstellung, die von Linda Conze, Stipendiatin der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, und der Fotografin Rebecca Wilton kuratiert wurde.

Timm Rautert, 1941 im westpreußischen Tuchel, heute Tuchola/Polen geboren, war zunächst Schaufenstergestalter und Plakatmaler, bevor er 1966 bis 1971 Fotografie an der Folkwangschule für Gestaltung in Essen studierte. Seit 1970 wirkt er sowohl als Bildjournalist als auch als freier konzeptueller Künstler. So arbeitete er für Printmedien wie Geo, Time Life und das Zeit Magazin und behandelte immer wieder sozialkritischen Themen, wie in „Obdachlos durch Wohnungsnot“ aus dem Jahr 1973. Berühmt ist seine einfühlsame wie poetische Bildfolge der Hutterer und Amish in Nordamerika von 1978. Von 1993 bis 2008 lehrte Rautert an der Hochschule für Grafik und Bildkunst in Leipzig. 2014 war im Dresdner Lipsiusbau die Ausstellung „Eine Klasse für sich: Aktionsraum Fotografie“ zu sehen, die Werke Rauterts denen seiner Schülerinnen und Schüler gegenüberstellte. Jetzt wird im Kupferstich-Kabinett der bedeutendste Werkzyklus aus Rauterts eigener Studienzeit gezeigt.

Den Auftakt der Ausstellung bildet das Farb-Polaroid „Selbst, im Spiegel“ von 1972. Allerdings ist hier vom Antlitz des sich selbst ablichtenden Rautert kaum etwas zu erkennen: Der Blitzlichtkegel ist so hell und großflächig, dass er Gesicht, Schultern und Kamera überstrahlt und vollkommen unkenntlich macht. Allein der grelle Lichtschein und die erhobenen Unterarme des Fotografen verraten die Aufnahmesituation vor dem Spiegel. Fotografie macht unverfälscht sichtbar, was gewesen ist? Diese Annahme demaskiert Rautert in den Arbeiten der Ausstellung ein ums andere Mal. In dem Selbstbildnis ist der Autor präsent und doch unsichtbar, so wie jedes Bild „auf bestimmte Weise wahr und unwahr zugleich ist“, sagt Rautert. Damit kann Fotografie viel mehr, als vermeintlich die Realität abzubilden: Sie vermittelt modernes Wissen.

Dringlicher noch fragt man sich beim nächsten Bild, was hier überhaupt dargestellt und wer der eigentliche Urheber des Werkes ist. Das „Fleckbild“ aus dem Jahr 1971 zeigt kleinteilige abstrakte Formen und ist das Ergebnis der mit Licht reagierenden Chemikalien beim fotografischen Verfahren. Rautert erkundet, visualisiert und ästhetisiert die chemischen Prozesse des Analogverfahrens. Fotografie ist eben kein Fenster zur Welt, sondern „magische Fläche“, betont der Künstler.

Der Werkzyklus „Bildanalytische Photographie“ kommt einer fotografischen Selbstfindung gleich, was sich dem Betrachter durch die Gliederung der Ausstellung im Kupferstich-Kabinett nach und nach anschaulich erschließt. Zunächst experimentell, fast wie ein Laborant vorgehend, wird Rautert in seinen Arbeiten immer klarer und mutiger, zum Teil narrativer, manchmal auch durchaus humorvoll. Diese Entwicklung läuft in der Ausstellung im Wortsinn auf die Fotografie „Ohne Titel (Großes Schwarz)“ zu, die den Fluchtpunkt des langgestreckten, ersten Saales bildet. Durch eine sehr lange Belichtungszeit erzeugt, zeigt das beinahe quadratische Bild nichts als Schwarz und erinnert damit an Kasimir Malevichs „Schwarzes Quadrat auf weißem Grund“, das 1915 erstmals ausgestellte, ikonische Bild der Moderne. Entsprechend ist Rauterts „Großes Schwarz“ für den Künstler selbst „das unschuldige reine Bild“, die genormte schwarze Fotofläche, in der wir uns spiegeln und die allen Deutungen offensteht.

Rautert gehört zu den Fotografen, die seit den 1960er Jahren vom Postulat der Suche nach dem „entscheidenden Augenblick“, eine Formulierung Henri Cartier-Bressons, abrückten und in der Fotografie neue Wege beschritten. Lange war jener Moment entscheidend, in dem der Fotograf den Auslöser der Kamera betätigt und damit den Kern einer Szene, einen Zeitpunkt eines raschen Ablaufs oder auch einen flüchtigen Gesichtsausdruck einfängt und festhält. Rautert jedoch geht es nicht um den einen, besonderen Augenblick. Vielmehr möchte er den Betrachter anregen, fotografische Bilder zu hinterfragen und dabei die eigene Wahrnehmung zu reflektieren. In den 1960er und 70er Jahren reiste er mehrfach nach New York, wo er im Kreis um Andy Warhol verkehrte und mit Konzeptkünstlern wie Walter de Maria und James Turell zusammenarbeitete. Aus diesen Begegnungen mit der Concept Art kamen entscheidende Impulse für Rauterts intensive Auseinandersetzung mit den Gegebenheiten des eigenen fotografischen Schaffens.

Die Kölner Kunsthistorikerin Herta Wolf hat Rauterts „Bildanalytische Photographie“ einmal zugespitzt als „Fotografien über Fotografie“ bezeichnet. Rautert selbst nennt sie „Grammatik“. Die Formulierung trifft, ist der Werkzyklus für ihn doch zugleich Modell, Laboratorium, Lehrbuch und Programm von Fotografie. Lange vor der Flut digitaler Bilder und deren Manipulationsreichtum in unserer Zeit liefert Rautert damit eine geistreiche und hochaktuelle Analyse der Bedingungen, unter denen fotografische Bilder erzeugt werden, seien sie nun analog oder digital.

Timm Rautert, „Bildanalytische Photographie 1968–1974“. Bis 25. September im Kupferstich-Kabinett, Residenzschloss Dresden
Anlässlich der Ausstellung veranstaltet das Kupferstich-Kabinett am 16. und 17. September ein Symposium zur „Bildanalytischen Photographie“ mit einem öffentlichen Abendvortrag von Prof. Dr. Peter Geimer, Kunsthistoriker an der Freien Universität Berlin (16. September, 18.30 Uhr, Hans-Nadler-Saal, Residenzschloss)

Von Teresa Ende

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