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Bilanz einer Ewigkeit: Die "Orestie" am Staatstheater Cottbus

Bilanz einer Ewigkeit: Die "Orestie" am Staatstheater Cottbus

Dass in Cottbus schöpferisch und dabei gelegentlich freizügig mit klassischer Bühnenliteratur umgegangen wird, ist an sich nichts Besonderes für ein Staatstheater.

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Arndt Wille (Orestes) und Susann Thiede (Klytaimnestra).

Quelle: Marlies Kross

Wohl aber der Trend, dabei, statt Endzeitstimmung zu verbreiten, selbst in deprimierendsten Tragödien nach hoffnungsvollen Aspekten oder gar Lösungen zu suchen, die dem Zuschauer einen realen Handlungsimpuls vermitteln wollen. Das galt in besonderem Maß für Mario Holetzecks Inszenierung "Woyzeck und Marie", aber auch Christian Schlüter hat sich bei seiner Deutung der"Orestie" des Aischylos nicht mit der Installation der klassischen griechischen Demokratie als gleichnishaftem Ausblick begnügt, sondern behandelt die Geschichte und ihre Konfliktsituationen im Rahmen unmittelbar heutiger Fragestellungen.

Die da schon zu Beginn nach einer "Änderung" rufen, sitzen isoliert an einzelnen eisernen Tischen, wie eine Therapiegruppe, pflegen Blessuren, die vielleicht auch von einem Verkehrsunfall herrühren könnten oder einer handgreiflich beendeten Demonstration. Doch ihr Thema ist zunächst nur die Heimkehr der Flotte der Griechen, die nach zehn Jahren endlich Troja besiegt haben sollte, und tatsächlich wird ein Herold sogleich die frohe Botschaft verkünden: Auch wenn ein großer Teil der Schiffe verloren, Heerführer Menelaos verschollen ist, wird dessen Bruder Agamemnon heimkehren nach Argos.

Mit Kassandra im Gefolge, die er als persönliche Beute "erobert" hat, aber schlecht vorbereitet auf den Empfang durch Ehefrau Klytaimnestra, die ihm schon das letzte Bad gerichtet hat, um weiterhin ungestört mit Aigisthos Macht und Bett teilen zu können. Sie aber hat bekanntlich die Rechnung ohne ihre Kinder Elektra und besonders Orestes gemacht. Der wird, wie ihm vom Gott Apollon befohlen, erst den Aigisthos und dann, da kann sie ihn bereden, wie sie will, die eigene Mutter auf die gleiche Weise ins Jenseits befördert wie jene zuvor Agamemnon und Kassandra.

Schon der Umfang dieses Handlungsgerüsts, erst recht die ebenso blutige Vorgeschichte zwingt zur Hervorhebung von epischem Erzählen und Monolog. Doch auch die szenischen Höhepunkte der Handlung lässt Schlüter eher symbol(ist)isch erscheinen. In diesem Sinne ist Blut ein wirksames Gestaltungsmittel, aber derbe Realismen sind seine Sache nicht. Sieben Darsteller wechseln zwischen Rollen und Positionen im Chor, der mit der Ausgangssituation dadurch verbunden bleibt, dass er hinterfragt, was die Kette der Gewalttaten, von Krieg und Mord für die gewöhnlichen Leute bedeutet, den fortwährenden Machtmissbrauch entlarvt und die jeweiligen Handlungsträger motiviert. Das tut er keineswegs prosaisch, sondern poetisch, bis ins Expressive gesteigert.

Es ist Peter Steins Prosaübersetzung, die eine stark verknappte, aber sehr eindringliche und dichte Interpretation erfährt, in einer Art Sprechmusik, zu der Gundula Peuthert die Bewegungen der Schauspieler auch noch unaufdringlich choreographisch beeinflusst hat. So weitet sich mit dem historischen auch der ästhetische Horizont.

Die große Bühne in dem schönen Jugendstilbau, der ja selbst ein Fülle von Reflexen auf die Antike bietet, ist zu Beginn mit matt glänzenden, aber doch eher nüchternen Plastikfolien verhängt, präsentiert sich dann aber als hehrer Herrschersaal oder gar modernistisch-neuzeitlicher Apollo-Tempel (Ausstattung Jürgen Höth). Ein passender Rahmen für das unvermeidliche Pathos, das auf diese Weise verortet, geerdet, in durchaus pragmatischem Ansatz relativiert wird, zumal wenn das Volk (der Chor, die Therapiegruppe) am Ende noch immer auf die entscheidende Änderung wartet, zu der hier der Anstoß gegeben wird.

Die Götter haben ein letztes Mal vermittelt, nun ist es an der Zeit, dass sie abdanken. Athene balanciert bereits zwischen der Verkünderin des neuen Rechts und einer Antike-Parodie. Dabei gibt sich Laura Maria Hänsel genauso sinnenfreudig und dem Leben zugewandt wie als Kas- sandra, die so als doppelt verfluchte Seherin nicht entrückt, sondern in ihrer wissenden Verzweiflung sehr nahe erscheint. Wie auf andere Weise Gunnar Golkowski als Agamemnon / Apollon, der sich auf jede verfügbare, aber vorzugsweise auch machohafte Art ins rechte Licht zu setzen sucht und so auch ohne direkte Anspielung auf die Berlusconis etc. von heute verweist. Susann Thiedes Klytaimnestra ist kein Monster, sondern eine tüchtige, praktisch denkende Frau, die freilich nie verwinden konnte, dass Agamemnon ihre Tochter Iphigenie für günstigen Wind bei der Heerfahrt gegen Troja opferte. Dagegen verblasst fast der intrigante Aigisthos von Amadeus Gollner, der aber den Chor mit kritischer, fordernder Stimme vorantreibt. Das gilt auch für Oliver Seidel (Herold), während Arndt Wille eher den Zweifler zu geben scheint und seinen Orestes recht schicksalsergeben funktionie- rend zeigt, jedenfalls nicht mit der selbstbestimmten Emotionalität, die Johanna-Julia Spitzer als Elektra zeigt, wenn sie sich am Grab des Vaters zu ihrem eigenen Gedenkspruch durchringt.

Was hier anspricht, ist nicht unbedingt ein Nähe-Gefühl zur Antike. Mehr noch als die Übereinstimmung politischer Gedanken und emotionaler Regungen ist es die Begegnung mit einer anderen, in ihren Konflikten aber als durchaus gegenwärtig empfundenen Kultur, mit der uns die Auseinandersetzung so oder so nicht erspart bleibt - und von der man auch vieles lernen kann.

Nächste Vorstellungen am 4. und 14. Dezember sowie am 12. Januar

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 23.11.2011

Tomas Petzold

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