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Bewegende Uraufführung des Oratoriums von Torsten Rasch in Chemnitz

Bewegende Uraufführung des Oratoriums von Torsten Rasch in Chemnitz

Ein Komponist unserer Tage ist stilistisch an keine Normen gebunden, er kann über das Areal dessen verfügen, was in der abendländischen Musikgeschichte erarbeitet worden ist.

Ihm stehen Tonalität und Atonalität ebenso zur Verfügung wie die Zwölftonmethode, serielle Techniken u.v.a.m. Er kann Fugen schreiben und die Aleatorik anwenden. Es steht ihm frei, Lärm zu produzieren, auf der Bühne Musikinstrumente zerschlagen zu lassen oder eben eine Musik zu konzipieren, die nicht der Materialerprobung dient, sondern der Übermittlung einer Aussage an die Hörer.

Torsten Rasch, 1965 in Dresden geboren und heute, nach längerer Tätigkeit in Japan, als freier Komponist in Berlin lebend, ist unter dem Titel "A Foreign Field" - "Ein fremdes Feld" ein Ausnahme- und Meisterwerk gelungen, das unter die Haut geht. Es ist ein chorsinfonisches Werk auf Texte aus dem Alten Testament sowie englischer und deutscher Dichter des frühen 20. Jahrhunderts, die zum Teil im ersten Weltkrieg umkamen. Umschlossen wird das etwa dreiviertelstündige Werk durch Kernworte des lateinischen Requiems: "Lux aeterna -" - "Das ewige Licht leuchte ihnen", geschrieben für Knabenstimmen. Obwohl als Ausgangspunkt für dieses Oratorium das Gedenken an die Toten des Ersten Weltkriegs steht, verweist es in seiner allgemeingültigen textlich-künstlerischen Dimension auch auf die Katastrophe des Zweiten Weltkriegs -

Rasch gliedert in drei Teile: Echos (I), Gesänge - Eine Abschiedsszene (II), Auch ich war in Arkadien (III), greift auf alte liturgische Formen zurück und gestaltet den Psalm ("Meine Zuversicht und meine Burg") als beeindruckenden A-cappella-Gesang. Besetzungsmäßig wird zwischen großem und kleinem Chor differenziert. Die hinzu kommenden Knabenstimmen erfüllen besondere Aufgaben: Sie "zelebrieren" nicht nur kultische Formeln, ihnen wird auch die bange Frage nach dem bevorstehenden Tod in den Mund gelegt: "Müssen wir alle sterben?"

Torsten Rasch, Kruzianer der Ära Martin Flämig, geht atemberaubend sicher mit dem Chorsatz um, weiß Texte auszudeuten und klanglich zu überhöhen. Er komponiert "modern", ohne modernistisch zu sein. Die beiden Vokalsolopartien verraten zudem Könnerschaft auf dem Gebiet der Operndramatik. Als Orchesterkomponist ebenso erfahren, vermag Rasch mit Strukturen und Farben, mit Gesten und Effekten nachhaltig zu arbeiten. Sein kompositorisches Rüstzeug hat Rasch an der Musikhochschule Carl Maria von Weber in Dresden erlernt, u.a. bei Rainer Lischka.

Aus einem weiteren Grund ist diese Hochschule hier zu erwähnen, hat doch einer ihrer Professoren - Milko Kersten - die deutsche Erstaufführung des Oratoriums in der Chemnitzer Stadthalle "gerettet" und zu großem Erfolg geführt. Da der Chemnitzer GMD Frank Beermann als Mitanreger von Werk und Einstudierung krankheitsbedingt nicht dirigieren konnte, musste Kersten in kürzester Zeit die komplizierte Partitur kennen lernen und in den Probenprozess einsteigen. Durch seine klare Zeichengebung, seine Gestaltungs- und Ausstrahlungskraft vermochte er es, den großen Apparat sicher und engagiert zu führen - nicht nur bei Rasch, sondern schon beim beziehungsreich gewählten Einleitungsstück, Benjamins Brittens Sinfonia da Requiem, das am Beginn des Zweiten Weltkrieges entstand und nun von der Robert-Schumann-Philharmonie bewegend musiziert wurde.

Aus Anlass des Gedenkens an die Zerstörung der Chemnitzer Innenstadt vor 70 Jahren schlossen sich beim Oratorium Chöre von Oper, TU und Singakademie Chemnitz sowie einiger Kirchen zusammen (Einstudierung: Simon Zimmermann, Andreas Pabst u.a.). Hinzu traten Sängerinnen und Sänger aus Dresden (Kammerchor) und England: Mitglieder des Three Choirs Festivals sowie Sängerknaben der Kathedralen von Gloucester und Worcester unter Peter Nardone. Claudia Barainsky (Sopran) und Nikolay Borchev (Bariton) trugen zum großen Erfolg der deutschen Erstaufführung bei.

Das Oratorium lebt vom Geist der Vergebung und Verständigung zwischen Völkern und Menschen. Es vermittelt Toleranz für das Andere, Fremde und Ungewohnte - eine aktuelle Thematik!

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 06.03.2015

Matthias Herrmann

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