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Bestseller-Autorin Sabine Ebert stellte ihr Epos über die Völkerschlacht bei Leipzig in Dresden vor

Bestseller-Autorin Sabine Ebert stellte ihr Epos über die Völkerschlacht bei Leipzig in Dresden vor

Historische Romane waren einmal eine Königsdisziplin wissenschaftlicher seriöser Prosa, man denke nur an Felix Dahns "Ein Kampf um Rom". Heute hingegen sind es in der Regel nur voluminöse Groschenheftromane, gedruckte Fantasy- und Kostümfilme über Wanderhuren, Gauklertöchter, Hebammen, Traumprinzen, Medikusse und andere Säulen der Erde.

Nun hat sich Sabine Ebert das Jahr 1813 im Allgemeinen und die Völkerschlacht bei Leipzig im Besonderen vorgenommen. "1813. Kriegsfeuer" heißt das Werk, das sie jetzt, präsentiert von den DNN, im proppenvollen Haus des Buches vorstellte. Durch 30000 Seiten Material habe sie sich durchgearbeitet, erklärt die Bestseller-Autorin, die mit ihrem Buch nicht zuletzt aufzeigen will, wie der Krieg auch das zivile Leben prägte.

Zunächst wurde die bei Ebert-Lesungen obligatorische "K-Frage" geklärt, zeigten drei Frauen und drei Männer historische Kleider bzw. Uniformen im Stil der Zeit. "Das Barock-Zeitalter war vorbei, aber Mieder musste man immer noch tragen, wenn auch die Taille nach oben gerutscht ist", meint Ebert.

Munter wechseln im neuen Epos von Ebert die Schauplätze: Von Zöllnitz nahe Jena nach Dresden, von Freiberg zu Bautzen, wo Napoleon am 21. Mai 1813 zwar einen Sieg errang, aber rund 25000 Mann verlor, die verbündeten Russen und Preußen hingegen "nur" 15000.

Ebert liest u.a. - man ist ja in Dresden - eine ihrer längsten Passagen, die sich in dem 924-seitigen Opus findet. Es geht um das Treffen zwischen Napoleon, der nach dem Desaster des Russlandfeldzugs 1812 eine neue Armee aus dem Boden gestampft und erklärt hatte, "in den Ebenen Sachsens muss sich das Schicksal Deutschlands entscheiden", mit Österreichs Außenminister Clemens Wenzel Lothar Fürst von Metternich im Marcolini-Palais. Napoleon lehnte die Bedingungen für einen Frieden ab, und angesprochen auf das junge Alter vieler seiner Soldaten herrschte er, wie aus einer Aufzeichnung hervorgeht, Metternich an: "Ein Mann wie ich scheißt auf das Leben von einer Million Soldaten". Das S-C-H-Wort hat Metternich nicht direkt, sondern nur verklausuliert seinem Dienstherrn, Kaiser Franz I. von Österreich, übermittelt. Erst unlängst hat ein Historiker entschlüsselt, was Metternich wohl hörte, aber ganz so exklusiv hat Ebert diese Information nicht bekommen, wie die Autorin verkündete. Napoleons Satz findet sich etwa auch in einem Buch Gerd Fessers zum Jahr 1813. Auch sonst muss man hier und da, nein, wieder und wieder einhaken. Die Niederlage von Wagram am 5. und 6. Juli 1809 war beispielsweise nicht die fünfte Niederlage der Österreicher in Folge gegen die Franzosen. Kurz vor Wagram hatten die Österreicher unter der Führung von Erzherzog Karl bei Aspern gesiegt, Napoleons Nimbus vom unschlagbaren Feldherrn gebrochen.

Das Gros des Personals in Eberts Roman ist historisch verbürgt, eine der wenigen fiktiven Figuren ist eine junge Frau namens Henriette. Sie "brauchte jemand, der anders denkt", teilt Ebert mit. Henriette soll das Pathos brechen, die Befreiungskriege aus dem Blickwinkel der Geschichtsschreibung der Sieger, zumal der preußischen, herausholen. Und hier sitzt so ziemlich der Kardinalfehler von Eberts Buch. Sie verstößt elementar gegen eine Direktive, von der sich die Berufskollegin Hilary Mantel leiten lässt. Die Britin, die für ihre Historienromane "Wölfe" und "Falken" zwei Mal den renommierten Booker-Preis erhielt, sagte völlig zu Recht: "Die Vergangenheit hat einen eigenen Wert. Sie ist kein Durchlauferhitzer für die Gegenwart." Was das heißt? Nun, es ist einfach ein Unding, der Vergangenheit eigene Sichtweisen überzustülpen. Mantel hat bei ihrem Blick auf die Zeit Heinrichs VIII. von England weder humanistische noch frauenbewegte noch irgendwelche anderen Zwecke im Sinn. Sie lässt den Lordsiegel-Bewahrer Thomas Cromwell jene Empfindungen, Stimmungen und Wahrnehmungen haben, die ein Mann um 1530 zur Tudor-Zeit haben konnte, Eberts Henriette ist hingegen eine politisch-korrekte Wunschprojektion, die alles andere als überzeugt.

Natürlich waren die Menschen auch früher nicht begeistert vom Krieg, schon gar nicht die Untertanen, die ihn ausbaden mussten. Jedem war klar, was das heißt. Aber wer frei sein will, muss kämpfen. Klar gab es, neben dem imperialen Frankreich, am Ende der Befreiungskriege einen zweiten Verlierer: die Freiheit. Ebert hat durchaus recht, wenn sie erklärt, dass die Befreiungskriege weitgehend mit stehenden Heeren ausgefochten wurde, aber den patriotischen Geist, der vor allem in Preußen, aber beileibe nicht nur dort, mitschwang, redet sie einfach zu sehr klein. Der Krieg 1813 war vielleicht nicht eine Volkserhebung, wie dies in Spanien der Fall war, wo ein Guerilla-Krieg den Franzosen die Hölle auf Erden bereitete. Aber ganz falsch ist das Diktum des Dresdners Theodor Körner, der mit den Lützower Jägern, dem berühmtesten Freiwilligenverband in den Befreiungskriegen, in den Kampf zog, nicht: "Es ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen. / Es ist ein Kreuzzug, 's ist ein heil'ger Krieg. -"

Zugestanden sei, dass Ebert der Verdienst gebührt, herausgearbeitet zu haben, dass Sachsens König Friedrich August I. nicht ganz so gutmütig und unschuldig vom bösen Schicksal geschlagen war, wie die Nachwelt glaubt. Auch er versuchte, beim Geschacher um Territorien Sachsen zu vergrößern, setzte aber fatalerweise auf das falsche Pferd: Napoleon unterlag.

Sabine Ebert: 1813 Kriegsfeuer. Knaur Verlag, 924 Seiten, 24,99 Euro

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 20.03.2013

Christian Ruf

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