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Beste Unterhaltung: "Kalender Girls" in der Comödie Dresden

Beste Unterhaltung: "Kalender Girls" in der Comödie Dresden

"Wenn ich sie jetzt nicht raushole, wann dann?" Sie - das sind Brüste. Rausholen will sie Angelika Mann als Pastorentochter in dem Stück "Kalender Girls", das am Freitag in der Comödie Dresden Premiere hatte.

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Ein offenbar enthüllender Blick in den Kalender für Jessie (Ursula Karusseit), Ruth (Walfriede Schmitt), Cora (Angelika Mann), Celia (Uta Schorn) und Chris (Viktoria Brams).

Quelle: Robert Jentzsch

Es gab sie, die Zeiten, als Brüste auch wieder auf Geheiß der Männer weggesperrt, verhüllt, in ein Korsett gepresst wurden, als seien sie ein Makel, keine Zierde. Mittlerweile ist - zumindest in großen Teilen der westlichen Welt - an Busen kein Mangel. Mag Bild neuerdings die Brüste zumindest von der Seite 1 verbannt haben, im Internet, auf Plakaten und am Kiosk tummeln sie sich zuhauf, allerdings sind sie mehr und mehr mutiert zu körpereigenen Silikon-Gebirgen. Selbst der Feminismus-Veteranin Alice Schwarzer fiel einmal auf die Frage, warum der Trend zum Silikon gehe, nur eine pompadourische Banalität ein: "Frauen sollen wieder ihren Körper sprechen lassen."

In der Comödie Dresden sind es nun sechs Frauen, die blank ziehen. Nichts Besonderes? Nun, in diesem Fall doch. Denn es sind nicht nur einfach aus Fernsehen und Theater bekannte Schauspielerinnen - sie haben die 60 auch schon klar überschritten. Es sind - die Reihenfolge wird an dieser Stelle mal nach Alter ausgeführt - Ursula Karusseit (73), Viktoria Brams (69), Walfriede Schmitt (69), Renate Blume (68), Uta Schorn (66) und das Nesthäkchen der Damenriege, die "Lütte" Angelika Mann (63). Sie spielen in der Inszenierung von Dominik Paetzholdt die Mitgliederinnen eines Clubs für Hausfrauen im schönen wie provinziellen und daher etwas spießigen Yorkshire, dessen Blumen mit den Frauen der Region gemeinsam haben, dass sie in ihrer letzten Phase in schönster Allerherrlichkeit erstrahlen. Sagt jedenfalls Annies Mann John (Dietmar Burkhard). Als der an Leukämie stirbt, wollen die Freundinnen mit den Erlös durch die Kalender-Expemplare eigentlich nur ein neues Sofa in der Besucherstation finanzieren. Kostenpunkt 519 Pfund. Aber da der Kalender 580 000 Pfund einbringt, gibt es nun einen ganzen "John-Clark-Gedächtnisflügel" in dem Krankenhaus.

Der Höhepunkt der vor Gags ohnehin sprühenden und ungemein witzigen Inszenierung ist zweifelsohne das (Foto-)Shooting durch einen - ganz ohne Mann geht die Chose nicht - Fotografen. Wie im Film werden die entscheidenden Stellen im Moment des Ablichtens beim Projekt Pin-Up-Kalender geschickt verdeckt: durch Blumen, Orangen, Kuchentörtchen, (Kunstseiden-)Blumen... Auch in punkto wahrer Erotik ist weniger eben manchmal mehr. Zudem hieß die Übereinkunft: "Kein unten ohne". Der Brüller, und zwar vor allem für die Zuschauerinnen, sind in dieser Szene nicht die nicht fallenden Hüllen, sondern die dafür fallenden Sätze: "Die Cellulite ist noch da, aber im Schatten" oder "Liberté, Egalité, Nudité". Auch sonst wird das weibliche Rollenbild gern hinterfragt. So lässt Viktoria Brams als Annies Freundin Chris erst wissen "Ich bin kein Totalausfall als Frau. Kuchen kann ich backen", gesteht dann aber doch, dass das leckere Teil bei Marks & Spencer gekauft wurde. Immer wieder blitzt bester britischer Humor auf, etwa wenn Ursula Karusseit als ehemalige Lehrerin sich mit den Worten charakterisiert: "Gehässig geworden durch den jahrelangen Umgang mit Schulkindern."

Im zweiten Teil der auf einer wahren Begebenheit beruhenden Geschichte kommt es zum Streit zwischen den Damen, vor allem zwischen den Busenfreundinnen Annie (Renate Blume) und Chris. Das zeitweilige Zerwürfnis wirkt etwas bemüht, war aber schon eine dramaturgische Schwäche des (Film-)Vorlage von Nigel Cole bzw. des Drehbuchs von Tim Firth und Juliette Towhidi. Auch dass sich so ziemlich jedes private Problem in Wohlgefallen auflöst, sich unter der Fanpost für die Kalender-Girls Coras (Angelika Mann) alte Jugendliebe findet (von dem sie die Tochter bekam, die vaterlos aufwachsen musste), ist etwas arg viel an Happy End-Romantik.

Es fällt schwer, aus der Vielzahl der Akteure (in kleineren Nebenrollen sind auch noch Kati Grasse, Angela Schlabinger und Urs Alexander Schleiff zu sehen) jemanden herauszuheben, aber ein ganz besonders dickes Lob muss halt doch Walfriede Schmitt gezollt werden. Was die als etwas naive, aber das Herz auf dem rechten Fleck tragende Ruth zeigt, sich einmal gar im Häschenkostüm (um das klarzustellen: nicht mal ansatzweise eines, wie sie Hugh Hefners Playboy-Bunnies tragen) zum Obst macht, wenn auch erst als Frettchen und dann als "scharfe Ratte" verbucht, das ist schlichtweg kultverdächtig. Aber es wird nicht nur fulminant dem Affen Zucker gegeben, es stimmen auch die ruhigen, ja traurigen Momente. Jede Wette, dass bei der Schlussszene, als die Damen in einem Feld von Sonnenblumen, der Lieblingsblume von John stehen, und ihre Tai-Chi-Übungen machen, so manchem schummrig um die Augen war. Da auch Ausstattung (Hannah Hamburger) und Musik (Andreas Goldmann) das ihre zum positiven Gesamteindruck beitragen, muss einer schon verdammt gute Gründe vorschützen, um von einem Blick auf die flotten Feger und coolen Omas Abstand zu nehmen. Nur ein Problem stellt sich. Nicht nur Ruths Mann kann nie wieder Orangenmarmelade essen, ohne dass sich nun bestimmte Bilder im Kopf einstellen.

inächste Vorstellungen: Di bis Sa, jeweils 19.30 Uhr, So 18 Uhr

www.comoedie-dresden.de

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 11.03.2013

Christian Ruf

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