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Beschwörung eines Monsters: Uraufführung des Stücks "Ein Exempel" im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels

Beschwörung eines Monsters: Uraufführung des Stücks "Ein Exempel" im Kleinen Haus des Dresdner Staatsschauspiels

Nach vielerlei Gesprächen, Presseberichten und Recherchen u.a. in Berichten des sächsischen Verfassungsschutzes - zum Teil dokumentiert im Programmheft - haben Lutz Hübner und Sarah Nemitz für das Staatsschauspiel Dresden "Ein Exempel" konstruiert, in dem der an sich gutwillige, demokratisch eingestellte Bürger A.

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Albrecht Goette, Christine Hoppe, Philipp Lux und Sascha Göpel als A.

Quelle: Matthias Horn

zum Opfer eines langsam mahlenden Räderwerks aus Polizei, Justiz und (ferner) Politik wird. Jan Gehler hat das Stück als "Versuchsanordnung mit fünf Schauspielern" vor der Bühne im Kleinen Haus inszeniert und zu einer heftig und emotional gefeierten Uraufführung gebracht. Als gewissermaßen unfreiwillige Komödie wird es beherrscht vom Grundton der Realsatire, das heißt von der Plausibilität wiedergegebener Erfahrung, die der Rezensent bzw. Zuschauer mehr oder weniger aus der eigenen bestätigen und vertiefen kann.

Hintergrund sind die Vorgänge bei und nach den Dresdner Demonstrationen am 19. Februar 2011, bei denen bürgerlicher Ungehorsam im demokratischen Selbstverständnis das wohlgeordnete System des Zweifrontenkriegs der Staatsmacht gegen Neonazis und sogenannte Linksradikale oder Autonome durcheinander brachte. Die damit nach der gültigen Rechtslage massenhaft aufgetretenen Straftatbestände überforderten die auf eine solche Konstellation anscheinend nicht vorbereitete Gesellschaft im Allgemeinen, Polizei und Justiz (zumal personell) im Besonderen. Die mehr oder weniger zweifelhafte juristische Aufarbeitung ist bis heute nicht abgeschlossen. In der Politik gibt es zwar keinen Lösungsansatz, aber wohl die wachsende Einsicht, dass das verbotene Bürgerengagement zu einem sonst kaum erreichbaren Erfolg geführt hat.

Kaum ablesen lässt sich das am Fall des Aushilfskassierers A., der einer Störung des Weltmusik-Konzerts im "alternativen Veranstaltungszentrum Pumpe" durch deutschnationale Provokateure auch pflichtgemäß entgegentreten muss. Die Konstellation erscheint eher simpel, die Zuspitzung daher weniger folgerichtig oder zwangsläufig. In diesem Sinn sind die geschilderten Mechanismen einerseits nur entlehnt, anderseits funktionieren sie zum Teil auch ohne politischen Hintergrund.

A., von den maskierten Eindringlingen mit einem anscheinend abgekarteten Spiel provoziert, wird fast unmittelbar nach seinem Warnruf und einem Bierbüchsenwurf über die Köpfe hinweg von der Polizei festgenommen. Zu den Mutmaßungen bzw. nicht ganz aufgeklärten Umständen zählt das frühe Auftauchen der Beamten mit dem Vorsatz, den Rädelsführer einer linksterroristischen Aktion dingfest zu machen.

Im Folgenden handelt es darum, wie Polizei und Staatsanwaltschaft mit allen zu Gebote stehenden, auch illegalen Mitteln versuchen, den vorgefassten Verdacht zu erhärten respektive wiederum um Mutmaßungen, die von den Autoren ausdrücklich auf den Zustand der sächsischen Demokratie bezogen werden. Abstrakt ergäbe das einen gewissen Sinn, aber letztlich muss es wohl auch um das Engagement für eine greifbar nahe Figur gehen, die da stellvertretend im Mittelpunkt steht.

Sascha Göpel ist dieser A. um den sich buchstäblich alles dreht. Seit dem verhängnisvollen Abend fällt er ständig von einem Fach des Mühlrads ins andere (Bühne Sabrina Rox), aus der gestörten Harmonie des Zusammenlebens mit Freundin und Tochter in die Polizeiwache, wo er sich aufs Glatteis geführt sieht, zu Sympathisanten, mit denen er nichts gemein haben möchte, zu den Rechtsradikalen, die ihn nicht loslassen, bis er schließlich von der Zentrifugalkraft dieses Systems ausgespuckt wird, lange, bevor es zu einem Gerichtstermin kommt, bei dem es dank deus ex machina in Form eines die fragliche Situation eindeutig klärenden Videos zwar zu einer vollständigen und für jedermann nachvollziehbaren Entlastung, aber noch lange nicht zu einem Freispruch kommt. Stattdessen fällt unter den Klängen des Volkslieds "kein schöner Land in dieser Zeit" die Leinwand eines ins Riesenhafte vergrößerten Bellotto-Vedutenausschnitts vom alten Dresden als Vorhang und "erschlägt" A. Zu der Frage, warum gelegentlich der Eindruck entsteht, dass Polizei und Justiz (im Auftrag der offiziellen Politik) sich lieber mit "linken" Autonomen als mit Rechtsradikalen auseinandersetzen, bietet die Aufführung eine wenig durch Fakten und schon gar nicht durch die Verwirrung der Begriffe gestützte, aber doch deutlich virulente Mutmaßung. Man schlage den Sack und meine den Esel, heißt es für gewöhnlich, hier aber wird der Sack gewissermaßen neu erfunden, um die vermeintliche Eselei eines transparenten und wirklich dem Bürger dienenden Staatswesens auszutreiben.

So vehement und zugespitzt, mit gelegentlich schon spürbarer Wut statt etwa distanzierter Betrachtung vorgetragen, klingt das Ganze freilich mehr nach Agitprop als nach der versprochenen Dialektik, und es fehlt ja auch wahrlich nicht an klischeehaft wahrgenommenen Verhaltensweisen im zwangsverdichteten Umfeld des A., auch aufgrund der nur notdürftig durch eine rasch aufgesetzte Polizeimütze oder einen flüchtig übergeworfenen Talar voneinander abgesetzten Rollen (Kostüme Irène Favre de Lucascaz). Da bleibt Christine Hoppe vor allem durch schneidende Autorität und fast schon fanatische Zielsicherheit in Erinnerung (als Staatsanwältin fast so penetrant wie als Protagonistin der Rechten), Philipp Lux als cool-arroganter Polizeiermittler und voreingenommener Richter, Albrecht Goette als die einfache Polizistennatur, der einfach zu viel abverlangt wird und die sich in vielen Situationen nur mit Bauernschläue zu behaupten weiß. Karina Plachetka ist vor allem die manchmal äußerst temperament-, aber immer weniger verständnisvolle Freundin und engagierte Anwältin in einem von vornherein als Farce angelegten Prozess, den sie freilich richtig als eine von möglichen Spielarten kommentiert. A. jedenfalls bleibt in dieser Konstellation (abgesehen von dem in der Figur angelegten Vermögen) kaum ein Chance zur halbwegs nüchtern analytischen (Selbst)reflektion.

Das manchmal geradezu knisternde Aggressionspotential greift selbst in einer Szene, in der nur beispielhaft über die Wirkung von Musik sinniert wird, über ins Publikum, und gerade damit kommt die Inszenierung vielleicht doch auf die dialektische Ebene. Der Ausgleich eben auch emotional heftig umstrittener Interessen ist ohne für jedermann gültige Regeln, also Recht und Gesetz, ebenso wenig denkbar wie die Abwehr fundamentaler Angriffe auf die Demokratie. Ein monströser, vor allem "inneren Gesetzen" gehorchender, "den braunen Elefanten" übersehender und stattdessen selbst aufgebaute Feindbilder zerstörender Apparat hat freilich mit einem Dienstleister für die Allgemeinheit nichts gemein. Und so steht der Einzelne unversehens ganz ähnlich da wie jener K. bei Kafka im "Prozess", und eigentlich nur, weil niemand von Anfang an vernünftig mit ihm spricht. Stattdessen läuft ein für notwendig oder gar unfehlbar gehaltenes Räderwerk uneinsehbar und in unerträglicher Langsamkeit ab, so dass es sich über das Verhältnis von Recht und Gerechtigkeit gar nicht erst nachdenken lässt und man jedermann wie sich selbst nur eines wünschen kann, nämlich niemals da hineinzugeraten. Denn das Theater als Dienstleister der gesellschaftlichen Kommunikation braucht ja offenbar noch länger, um auf den Punkt zu kommen, und kann über den Abend hinaus kaum Hoffnung auf Veränderung machen, zumal in einer suggerierten oder tatsächlich vorhandenen Atmosphäre allgemeiner Zufriedenheit. Da konnte die fast euphorische Zustimmung zu einem so düster gezeichneten Bild bzw. einer derart grundsätzlichen Kritik schon ein bisschen verwirren.

Vorstellungen: 27. Juni, 2. und 12. Juli, Kleines Haus

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 16.06.2014

Tomas Petzold

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