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Beruf und Berufung und eine Menge Idealismus: Dem Dresdner Pianisten Peter Rösel zum 70. Geburtstag

Beruf und Berufung und eine Menge Idealismus: Dem Dresdner Pianisten Peter Rösel zum 70. Geburtstag

Geboren wurde Peter Rösel in eine schwierige Zeit hinein: Am 2. Februar des Kriegswinters 1945 kam er in Dresden in diese Welt. Seine Mutter, die Sängerin Edith Hellriegel- Rösel, wurde erst elf Tage nach der komplizierten Geburt ihres ersten Kindes am Morgen des 13. Februars entlassen und doch schicksalhaft rechtzeitig, um mit ihrem Neugeborenen der Bombardierung der Klinik am Abend desselben Tages zu ent- gehen.

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Peter Rösel: Je mehr in der Musik ist, um so mehr kann man herauslesen.

Quelle: Matthias Hiekel, dpa

Zerstört wurde aber das Wohnhaus der Familie mit allem Eigentum. Mutter und Sohn finden Zuflucht bei den Großeltern in Striesen. Ende Februar dann erhält Edith Hellriegel-Rösel die Nachricht, dass ihr Mann, der zu Wehrmacht eingezogene Dirigent Fritz Rösel, am 31. Januar 1945 gefallen ist. Seinen Vater konnte Peter Rösel nicht kennenlernen. Die musikalische Veranlagung aber hat er mitbekommen; dem Wunsch, Klavier spielen zu können, folgt eine langjährige Ausbildung bei Ingeborg Finke-Siegmund. Mit 15 Jahren tritt Peter Rösel in die Vorbereitungsklasse an der Dresdner Musikhochschule ein. 1964 wird der Hochbegabte ans berühmte Moskauer Tschaikowski-Konservatorium entsandt und beendet dort 1969 sein Studium. 1963 bereits mit einem zweiten Platz beim Schumann-Wettbewerb in Zwickau bedacht, wird er als erster Deutscher überhaupt 1966 Preisträger des Tschaikowski-Wettbewerbs in Moskau.

Der Musiker beginnt eine große Karriere, wird als Solist bei den großen Orchestern gefeiert. Das Gewandhausorchester verpflichtet ihn 1976 als Konzertpianisten auf längere Zeit, mit den Leipzigern und Kurt Masur spielt Rösel in mehr als 200 Konzerten in den wichtigsten Musikzentren auf allen fünf Kontinenten. 2005, das Jahr seines 60. Geburtstages, wird zu einem besonderen Höhepunkt für Peter Rösel: Im Rahmen der Musikfestspiele seiner Geburts- und Heimatstadt hat der Pianist die "Carte blanche" und spielt in der Semperoper einen Soloabend und an zwei Tagen alle Klavierkonzerte Beethovens. Neben einem Abend mit dem Gewandhausquartett gibt es außerdem einen weiteren Höhepunkt, als Peter Rösel, Professor an der Musikhochschule, mit Studenten seiner Klasse an bis zu acht Flügeln im Kulturpalast musiziert.

Nicht ganz so viele Instrumente, aber dennoch zwei schöne Steinways, stehen im Arbeitszimmer des Musikers in seinem Haus am Dresdner Elbhang. Aus Anlass seines 70. Geburtstages statten DNN Peter Rösel einen Besuch ab. An einem sonnigen Januartag des Jahres 2015.

Peter Rösel im DNN-Interview

Frage: Sie begehen heute Ihren 70., ist das Jubiläum für Sie von besonderer Bedeutung?

Peter Rösel: Die Zahl ist erreicht, und das Leben geht weiter. Ich produziere weiterhin meine CDs und mache meine Konzerte. Im Herbst wird es wieder dichter: Wir haben den Zyklus fünf Beethoven-Konzerte in der Schweiz, einige Konzerte in den USA, dann gibt es Konzerte in Taiwan, China, Japan.

Reflektieren Sie mit zunehmendem Alter Ihren Beruf anders?

Peter Rösel: Man sollte schon versuchen herauszufinden, wann es angeraten ist abzutreten. Das geht ja nicht nur Pianisten so. Ich habe immer meinen verehrten Kollegen Alfred Brendel bewundert, der konnte noch und hat rechtzeitig gesagt, jetzt ist Schluss mit aktivem Musizieren. Ich überlege mir schon, welches Repertoire angemessen ist und wovon ich lieber die Finger lasse. Rachmaninows drittes Klavierkonzert z.B. habe ich seit fünf Jahren nicht mehr angefasst und werde das auch nicht mehr tun. Es gibt eine Art Virtuosentum, ich nenn es manchmal auch zirzensische Musik, die für jüngere Leute höchst geeignet ist und die diese mit sportlichem Ehrgeiz ausführen, aber das muss ich nicht mehr machen. Man verabschiedet sich von bestimmten Dingen und entdeckt neue.

Suchen Sie dafür die Ratschläge Ihnen vertrauter Menschen?

Peter Rösel: Das mache ich mit mir selbst aus.

Für King Records haben Sie alle 32 Beethoven-Sonaten auf CD produziert und aufgeführt. Jetzt arbeiten Sie bei der selben japanischen Firma an einem Mozart-Projekt. Eingespielt werden die CDs mit den Dresdner Kapellsolisten in der Dresdner Lukaskirche, erscheinen aber nur auf dem asiatischen Markt. Fühlen Sie sich im Ausland mehr geschätzt? Könnten Sie sich in Ihrer Heimat auch etwas mehr Rösel vorstellen?

Peter Rösel: Ja, das könnte ich, aber ich bin kapitalismus-ungeeignet. Das heißt, ich putze keine Klinken, aber genau das muss man heute offensichtlich tun. Aus Anlass des runden Geburtstages gibt es zumindest einen Programmpunkt bei den diesjährigen Dresdner Musikfestspielen, und natürlich hat es mich sehr gefreut, als das Konzert im Nu ausverkauft war und ein zweiter Auftritt hinzugebucht wurde. Ansonsten sage ich immer, wer etwas will, soll sich melden. So gedenke ich das auch weiter beizubehalten.

Haben es Pianisten heute schwerer als in der Zeit, als Sie Ihre Karriere begannen?

Peter Rösel: Wenn Pianisten es schaffen, sich in jungen Jahren zum "Markenartikel" zu entwickeln, dann ist das Leben natürlich sehr viel leichter, als wenn man "nur" auf eine solide Leistung verweisen kann. Die Möglichkeiten, mit quasi sportlichem Training zu achtbaren manuellen Leistungen zu kommen, sind gestiegen, die Methoden haben sich verfeinert, ich würde sogar sagen, verwissenschaftlicht. Es gibt eigentlich sehr viele sehr gut spielende Pianisten. Aber Klavier spielen und Musik machen sind immer noch zwei sehr verschiedene Dinge. Die Veranstalter sind ähnlich gepolt, sie greifen das Angebot auf, das ihnen als neue Sensation verkauft wird. Andere Musiker haben es dagegen schwer, müssen wirklich strampeln.

Mir hat es mal ein Veranstalter im Westfälischen so beschrieben: Wenn ich 50000 D-Mark für Anne-Sophie Mutter brauche, dann geh ich zur Bank und krieg sie. Wenn ich 2000 Mark für ein Streichquartett brauche, krieg ich sie nicht. Das heißt nichts anderes, als dass bestimmte "Artikel" in der Wertigkeit von Geldgebern und natürlich auch Teilen des Publikums ganz anders wahrgenommen werden als die nächste Schicht. Wenn man die Leiter hochkrabbelt, ist absolut ungewiss und nicht nur leistungsabhängig, wo man zum Stehen kommt. Jeder junge Mensch, der sich ernsthaft entschließt, Berufsmusiker zu werden und möglichst noch im solistischen Bereich, geht ein unkalkulierbares Risiko ein.

War das vor 1989 anders?

Peter Rösel: Die Auswahl war kleiner, das normale Konzertleben eigentlich reicher. Ich weiß, es gibt viele Kleinstmöglichkeiten, etwas zu machen. Aber wenn man überlegt, wie viele Säle geschlossen, wie viele Orchester fusioniert wurden, wie das Angebot hier und da ausgedünnt worden ist; die Auftrittsmöglichkeiten sind eigentlich geringer geworden und das bei einer im internationalen Maßstab wachsenden Zahl an Musikern.

Was raten Sie also für die Berufswahl?

Peter Rösel: Wenn du dir gar nichts anderes als Musizieren vorstellen kannst, dann mach es. Es ist ein schöner Beruf und macht Spaß. Aber man muss eine Menge Idealismus mitbringen.

Was war für Sie der Ausgangspunkt, Pianist zu werden?

Peter Rösel: Ich komme aus einem musikalischen Elternhaus. Mein Großvater war zwar Heizungsingenieur, hat aber ganz passabel Klavier gespielt, das manchmal auch als Nebenverdienst genutzt und Tanzmusik im Gasthof Weißig gemacht. Meine Mutter war Sängerin. Bei uns wurde sehr viel Musik gemacht, da kamen auch Kollegen von der Oper. Ich fing mit vier Jahren an, mir Noten beizubringen. Dann bin ich mit sechs Jahren und 15 Tagen, ich weiß noch, es war der 17.2.1951, zu meiner ersten Klavierstunde gegangen. Für mich stand bald fest, dass ich Pianist werden will, die Phase Lokomotivführer habe ich übersprungen. Meine Mutter war eigentlich der Meinung, ich sollte Dirigent werden, aber ich war ein introvertiertes Kind und konnte mir nicht vorstellen, vor so einen Apparat wie ein Orchester zu treten.

Sie haben in Moskau studiert, wie sehr hat Sie dies für Ihre Karriere geprägt?

Peter Rösel: Wir hatten dort eine große Zeit. Politisch war das Klima vielleicht nicht das erfreulichste, aber das steckt man als junger Mensch weg. Man begegnete am Konservatorium solchen Größen wie Kogan, Oistrach, Rostropowitsch, Gilels, die alle unterrichteten. Auch Schostakowitsch habe ich getroffen. Das Konservatorium war nicht irgendein Institut, sondern da bewarben sich Leute aus dem ganzen Land. Das technische Niveau eines Aufnahmeprüflings war ungefähr so wie hier das eines Absolventen. Da habe ich gemerkt, du kannst zwar einiges, aber musst dich gehörig anstrengen, um mithalten zu können. Vorbild spornt an, ich habe sehr viel gearbeitet.

Wie sehr haben die damals in der Sowjetunion herrschenden musikalischen Auffassungen Sie beeinflusst?

Peter Rösel: Der "Pianismus" wurde begriffen als eine Art der Selbentäußerung des Interpreten, der Herzblut, Temperament und alle ihm zur Verfügung stehenden geistigen und körperlichen Mittel einsetzt. Das war etwas grundsätzlich anderes als die in 60ern in meiner Heimat herrschende Auffassung, Virtuosenmusik sei zweitrangig. In Russland stand romantische Musik sehr hoch im Kurs. Die Haltung war: Wenn man als Talent eine gewisse Originalität aufzuweisen hatte, wurde das höher gewertet als z.B. ein nur korrektes Spiel.

Man hat also den individuellen Ausdruck mehr geschätzt?

Peter Rösel: Ja, und mehr gefördert. Wenn Sie mal ein Energiebündel wie Swjatoslaw Richter erlebt haben, das war wirklich etwas, was wir damals nicht kannten. Man musste versuchen, Erfahrungen von zu Hause mit dem, was man kennenlernte, zusammenzubringen. Der Schwerpunkt der Ausbildung ist auch anders gewesen, was das Repertoire betrifft. Ich kam 1969 zurück und bekam das Etikett, das ist der, der laut und schnell die Russen spielen kann. Dann kam 1970 die Beethoven-Ehrung, da stellte man fest, er kann auch anderes, 72 habe ich dann die Brahms-Einspielung für die Schallplatte gemacht.

Man hat Sie also vor allem mit deutscher Musik des 19. Jahrhunderts und der Russen in Verbindung gebracht. Bis heute. Hätten Sie aber gern noch anderes öffentlich gespielt?

Peter Rösel: Solche Stücke hat es immer gegeben. Ich habe zum Beispiel mal die Phantasie für Klavier und Orchester von Debussy einstudiert, zugegebenermaßen nicht gerade das populärste Werk. Das hatte ich 35 Jahre im Angebot, ohne dass jemand danach gefragt hätte. Ich habe es dann aus dem Katalog genommen. Veranstalter ticken in ähnlicher Weise: Wenn ein Stück eines Komponisten eines kleinen Volkes, nehmen wir mal Bartók, gefragt ist, dann wird der Veranstalter erst mal nach einem Ungarn als Solist suchen. Wenn man Ravel aufführt, dann kann man zu 95 Prozent sicher sein, dass nach einem Franzosen gesucht wird. Ich nenne das "Muttermilchmusik". So muss ich akzeptieren, dass mit mir deutsche Musik in Verbindung gebracht wird und eben russische, weil ich dort studiert habe. Alles andere kommt in geringeren Dosen dazu.

Und spielt nun ein Ungar Bartók anders/besser als Sie?

Peter Rösel: Schwer zu sagen. Die musikalische Bildung der Interpreten ist heute so, dass sich eigentlich jeder zurechtfindet. Es gibt Ausnahmen, es gibt bestimmte Dinge, die durch die musikalische Anlage bedingt sind, nicht jeder beispielsweise ist ein begnadeter Chopinspieler.

Was lieben Sie so sehr an Beethoven?

Peter Rösel: Es ist an Beethoven vor allem die Architektur, die mich gefangen genommen hat. Wenn Sie ein Stück nehmen wie die Apassionata: Sie ist so formvollendet gebaut und hat eine hohe Originalität der Themen. Das ist ein Kosmos. Je mehr in der Musik ist, um so mehr kann man herauslesen. Wer an Beethoven nichts findet, der ist für die Musik hoffnungslos verloren.

Spielen Sie Beethoven heute anders als vor 20 Jahren?

Peter Rösel: Im Detail wie Tempo, Dynamik denke ich schon, von der grundsätzlichen Haltung her eher nicht. Ich sehe auch für mich keinen Sinn, Musik künstlich in eine Richtung verbiegen zu wollen, um dem Hörer zu vermitteln, es so noch nie gehört zu haben. Wenn ich den Grundgestus eines Stückes erkannt und mich lange damit auseinandergesetzt habe, dann ändere ich das Fundament nicht, nur Nuancen klingen anders.

Und wie ist es mit der Emotion?

Peter Rösel: Das kann man nicht komplett ausblenden. Man darf sich nur nicht gefangen nehmen lassen von solchen Dingen. Aber kein Interpret, so denke ich, stellt sich vollkommen neben das Stück. Man ist immer emotional daran beteiligt.

Wenn Sie nach Stimmungslage Musik zum Hören auswählen, wozu greifen Sie?

Peter Rösel: Da habe ich durchaus andere Bereiche als Klaviermusik, dann greife ich zu Orchester oder Oper.

... bleiben aber im klassischen Bereich?

Peter Rösel: Ja. Ich kann alles, was nicht Klassik heißt, entbehren. Es regt mich emotional nicht an.

Manche Ihrer Pianistenkollegen machen Ausflüge in den Jazz, Sie nicht?

Peter Rösel: Dafür bin ich nicht talentiert.

Und lieben Sie jetzt auch Operette, weil Ihre Tochter Gabriele Rösel als Sängerin in diesem Genre erfolgreich ist?

Peter Rösel: Sie ist sehr vielseitig, wir haben auch Liedprogramme zusammen gemacht. Natürlich freue ich mich sehr über ihre Erfolge. Ich mag eher Musicals: Also lieber "My fair Lady" als "Fideler Bauer".

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 02.02.2015

Kerstin Leiße

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