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Bernhard Maaz über Tizians "Zinsgroschen", eine der intelligentesten Bildfindungen der Renaissance

Bernhard Maaz über Tizians "Zinsgroschen", eine der intelligentesten Bildfindungen der Renaissance

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt.

"Die Sixtinische Madonna - Raffaels Kultbild wird 500!": Die DNN - Partner der großen Jubiläumsausstellung vom 26. Mai bis 26. August 2012 in der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister, Semperbau am Zwinger - begleiten dieses Ereignis mit einer Artikelserie aus der Feder von Direktor Bernhard Maaz, in der er Meisterwerke seiner Galerie vorstellt. Heute: Tizians (eigentlich Tiziano Vecellio) "Der Zinsgroschen", um 1516.

Die Meisterwerke der Dresdner Gemäldegalerie Alte Meister zu besprechen, heißt bei der Auswahl sich in Verzicht zu üben. Wäre nicht, wenn man an Tizian denkt, zuerst das berühmte Bildnis einer "Dame in Weiß" zu nennen, deren zart provokatives Lächeln und deren präsenter Habitus ihre Attraktivität ausmachen? Oder sollte man das Bildnis eines Mannes mit Farbkasten, der in seinem linken Arm einen Palmzweig hält und dessen Hintergrund den Ausblick auf eine der furiosen Landschaften gibt, die Tizian gerne malte, hier ins Feld führen, weil es das Psychogramm eines Malers ist? Man könnte auch ein anderes Bild der Galerie nennen, da es die Entwicklungslinie von Giovanni Bellini, dem venezianischen Lehrmeister Tizians, zum eigenen Stil des Schülers mustergültig charakterisiert. Wir wählen aber den "Zinsgroschen", denn es ist eine der intelligentesten Bildfindungen, die wir aus der Renaissance kennen, und eine Schöpfung überdies, die jenseits der unvergänglich bestehenden malerischen Qualitäten eine ewig gültige menschliche Dimension transportiert. Diese aber hebt das Werk heraus aus den Altären und Porträts und macht es zu einem exemplarischen Bild.

Als Tizian (um 1488/90-1576) den "Zinsgroschen" um 1516 malte, war er ein nach heutigen Begriffen junger Künstler, ein Mittzwanziger. Er hatte mit einem frühen Auftrag zum Wandbild an der venezianischen Fondatione di Tedeschi am Fuße der Rialtobrücke sich in einen beherzten Wettstreit mit keinem Geringeren als Giorgione begeben, mit dem er um 1508/10 gemeinsam die "Schlummernde Venus" schuf, ein weiteres Meisterwerk der Dresdner Galerie, ein Bild von melodischer und melancholischer Schönheit, ein idealisch in offener Landschaft schlummernder weiblicher Akt. Tizian hatte einen überaus sensiblen Sinn für das menschliche Porträt - gerade ebenso wie für die körperliche Wohlgestalt. Er verfügte daneben auch über eine Sensibilität für elementare zwischenmenschliche Konstellationen und also für nicht materiell Greifbares, nicht faktisch Darstellbares. Dies bezeugt das Gemälde des "Zinsgroschens" exemplarisch.

So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist...

Dem Gemälde liegt ein Text zugrunde, den man im Matthäus-Evangelium im 22. Kapitel (Vers 15-22) findet und der sich auf die Rolle Christi bezieht: "Da gingen die Pharisäer hin und hielten einen Rat, wie sie ihn fingen in seiner Rede, und sandten zu ihm ihre Jünger samt des Herodes Leuten. Die sprachen: Meister, wir wissen, daß du wahrhaftig bist und lehrst den Weg Gottes recht und fragst nach niemand, denn du achtest nicht das Ansehen der Menschen." Mit diesem Hinweis auf die Autonomie Christi wird ihm ein rhetorisches Netz ausgelegt, das sich dann unter Verweis auf die Staatsmacht und die geforderte Loyalität enger um ihn ziehen soll: "Darum sage uns, was meinst du: Ist's recht, daß man dem Kaiser Steuer zahle, oder nicht?" Christus durchschaut ihre boshaften Intentionen und repliziert: "Ihr Heuchler, was versuchet ihr mich? Weiset mir die Steuermünze! Und sie reichten ihm einen Groschen dar. Und er sprach zu ihnen: Wes ist das Bild und die Aufschrift? Sie sprachen zu ihm: Des Kaisers." Da Christus sich von der pharisäischen Fragerei - noch heute ist "pharisäisch" ein probates Synonym für heimtückisches, unehrliches, hinterlistiges Handeln und Reden - nicht überführen ließ, konstatierte er: "So gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist!" Darauf waren die Pharisäer entwaffnet und ließen von ihm ab: Der Kompromiss, der bis heute in der deutschen Kirchensteuer-Gesetzgebung, die bekanntlich über den Staat eingezogen wird, fortlebt, war eine Art von Friedenschluss: Christus ließ sich nicht gegen den Kaiser in Stellung bringen, aber er ließ sich auch nicht von der Gottesfürchtigkeit abbringen. Der pharisäische Versuch, den aufrichtigen, lauteren Christus in Konflikt mit der Obrigkeit zu bringen, war an seiner klugen Umsicht, diplomatischen Rhetorik und großen Geistesgegenwart gescheitert. Die Heuchler waren beschämt: "Da sie das hörten, verwunderten sie sich und ließen ihn und gingen davon."

Schon Alfonso d'Este hatte 1505, also wenige Jahre vor Entstehung des Gemäldes von Tizian, dieses vorher in der bildenden Kunst nicht dargestellte Sujet auf einer Münze prägen lassen. Dort verstand es sich als Hinweis auf die Bedeutung von Geld schlechthin, aber auch als Verweis auf die zur Herrschaftssicherung erforderliche Diplomatie. Dies dürfte in Italien damals um so größere Bedeutung gehabt haben, als die Familie der d'Este wie andere Adelshäuser auch stetig zwischen Kirchenstaat und Territorialherrschaft zu lavieren und einen politischen Kompromiss zu finden hatten.

Das Bild thematisiert nun eben diese Grundkonstellation mit Christus, den man unschwer an seinem (bescheiden angelegten) Nimbus erkennt, aber auch an der charakteristischen, bis ins 19. Jahrhundert weiterwirkenden "nazarenischen" Physiognomie mit Bartkrause, elegant-schmalen Zügen und wallendem Haar. Doch auch die Hände sind sprechende Elemente, denn seine vorsichtig weisende, schönlinige, weißhäutige Hand opponiert zu der derben, gegerbten, knorrigen Hand des Pharisäers, der sich von rechts nähert. Christus trägt ein feines farbiges Gewand, der Pharisäer nur ein helles, weniger sorgsam gelegtes Gewand: Auch das ist Teil einer klaren Ausdifferenzierung der beiden Charaktere, die einer moralischen Abstufung dienen soll. Dieser Charakterisierung dient auch die Haltung beider Männer: Christus wirkt geschmeidig, offen und geradlinig, zugewandt und ehrlich. Der Pharisäer hingegen schleicht sich seitlich an, etwas geduckt von unten, verbirgt seine Augen, ja er ist - einem alten Klischee folgend - auch mit einer unvorteilhaften, abwertenden Hakennase versehen. Giorgio Vasari lobt dieses Werk und charakterisiert den Pharisäer als bäurischen Juden - ganz im Sinne der damaligen antisemitischen Klischees.

Dieses Gemälde entstand als Türfüllung für einen Kabinettschrank im Studierstübchen, in dem der Herzog Alfonso d'Este seine Medaillensammlung aufbewahrte: Damit wird einerseits der historische Bezug hergestellt, gleichsam ein geldgeschichtlicher Allgemein-Hintergrund, und andererseits wird auf die politische Relevanz von Münz- und Medaillenbildnissen verwiesen, da sie politischer Botschaftsträger des Territorialherrn sind und also - von Mensch zu Mensch stetig kursierend - seinen absoluten Herrschaftsanspruch artikulieren. Doch auch die Frömmigkeit des Herzogs und seine Gottergebenheit lassen sich aus dem Motiv ablesen, indem auch er sich hinter den Bibelspruch stellt, dass Gott und dem Kaiser jeweils das zugebilligt werden solle, das ihnen zustehe: eine durchaus politisch befriedende Botschaft!

Im angrenzenden Raum schuf Tizian im übrigen Amoretten und Putten, wie Giorgio Vasari berichtete: Der Auftraggeber war ganz offenkundig auch den weltlichen Freuden nicht abgeneigt. Dem Sujet unseres Bildes wandte Tizian sich viele Jahrzehnte später nochmals zu. Jenes Bild, das sich in der Londoner National Gallery befindet, zeigt allerdings einen Dritten im Hintergrund, der ganz zeitgenössisch gekleidet ist: Diese Gestalt dient der Vergegenwärtigung der Szene, der Verbindung über die Zeiten hinweg, also der Aktualisierung.

Das kompositorisch knappere Dresdner Bild wurde beim Ankauf der 100 Gemälde aus Modena 1745 - neben Correggios "Heiliger Nacht" - explizit im Vertrag aufgelistet: Die extrem hohe Wertschätzung kann sich kaum deutlicher ausdrücken.

Tizians weiterer und langer Lebensweg barg noch zahlreiche bedeutende Begegnungen, so trat er 1527 in engeren Austausch mit dem Dichter Pietro Aretino und kam er zwei Jahre später in Kontakt zum Kaiser Karl V., der ihm alsbald auch bedeutende Aufträge erteilte und ihn zum Grafen des Lateran adelte. 1548 und 1550 reiste er nach Augsburg zum Reichstag, 1554 entstanden mehrere Gemälde für Philipp II. von Habsburg mit mythologischen Sujets, ein Dutzend Jahre später besuchte ihn der legendäre Kunstschriftsteller und Maler Vasari im Atelier. Vasari sollte zum bedeutendsten zeitgenössischen Kritiker Tizians werden, denn er war ein leidenschaftlicher Verfechter eines Primats des Disegno, des Zeichnerischen, gegenüber dem Koloristischen. Doch gerade die malerischen Qualitäten und der enorme Sensus für Farbtöne und -klänge, die Tizian an den Tag gelegt hatten, war sein Erbe, auf das dann jüngere Künstler wie etwa Paris Bordone oder Peter Paul Rubens - beide sind ebenfalls in der Galerie reich vertreten - rekurrierten.

Aus den Dresdner Neuesten Nachrichten vom 28.04.2012

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